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Schüchterne Patienten und das Ende der Neupatientenregelung

Wer jetzt einen neuen Arzt braucht, ist ziemlich übel dran. Demütig kommen neue Patienten in die Arztpraxis. Dabei halten es viele nicht für selbstverständlich, dass man ihnen hilft.

Fluktuation der Patienten nimmt zu: keiner will sie haben! 

Wer jetzt wegen Umzug oder auch Unzufriedenheit einen neuen Arzt braucht, der ist ziemlich übel dran. Ich merke das daran, wie demütig manche neue Patienten sind, wenn sie vor mir sitzen. Sie halten es offenbar nicht mehr für selbstverständlich, dass man ihnen hilft. Das ist doch nicht normal!

Das alles hat natürlich – wie so oft – verschiedene Gründe: Erstens der allseits bekannte und beklagte Ärztemangel. Und zweitens verschärft der aktuelle Wegfall der Neupatientenregel die Lage zusätzlich. Ein neuer Patient ist, wie jeder von uns weiß, eine zeitintensive Angelegenheit. Es ist doch verständlich, dass sich die ohnehin gestressten Kollegen den Aufwand mit den Neuen ungern antun wollen – da wir für einen Vier-Minuten-Kontakt bezahlt werden. Das genügt natürlich für die Anamnese bei einem neuen Patienten nicht. Daher wurden neue Patienten bislang höher abgerechnet. Warum dieser kleine finanzielle Anreiz nun wegfällt, ist ein Geheimnis der Gesundheitspolitik.

Zumal jeder sehen kann, dass durch Corona immer wieder Praxen einmal geschlossen haben. Immer noch, weil Personal oder Arzt erkrankt sind. Dadurch hat eben auch die Fluktuation der Patienten zugenommen. Immer mehr Patienten müssen von anderen übernommen werden. Aber keiner will sie haben! Traurig!

Je seltener der Patient kommt, desto besser

Gerade Patienten mit chronischen Erkrankungen, die besonders zeitintensiv sind, werden daher gerne weggehalten. Also haben es die Bedürftigsten paradoxerweise am schwersten, unterzukommen. Das regt mich total auf und ich erwarte von der Politik, sich zu überlegen, was diesen Menschen angetan wird. Gerade die Vulnerablen brauchen einen guten und einfachen Zugang zur medizinischen Versorgung! Auf dem flachen Land haben sie zudem auch oft noch weite Wege.

Nun kann man von einer Ärztin natürlich verlangen, dass sie zuerst auf den Patienten schaut und nicht auf das Geld. Und selbstverständlich nehme ich neue Patienten auf, und sie sind oft so dankbar, dass es fast schon wehtut.

Ich habe nach langen Jahren Praxistätigkeit das Privileg einer abbezahlten Praxis. Ich habe keinen wirtschaftlichen Druck mehr.

Als ich anfing, wurde alles, was wir mit den Patienten gemacht haben, bezahlt. Heute ist es so: Je seltener einer kommt, desto besser ist es wirtschaftlich. Ich höre oft von chronisch Kranken: Mein Kardiologe oder auch mein Diabetologe will mich erst nächstes Quartal wieder sehen. Und die Blutabnahmen zwischendurch machen Sie beim Hausarzt. Da läuft doch etwas nicht rund!

Junge Kollegen fürchten das wirtschaftliche Risiko 

Die bisherige Neupatientenregelung war bis jetzt noch eine Art Bonbon, eine Möglichkeit mit dem starren Honorarsystem etwas sinnvoller umzugehen. Wer jetzt gerade eine Praxis aufgebaut und investiert hat, der kann sich Neupatienten fast nicht mehr leisten. Denn in der Zeit, die er mit ihm zubringt, kann er andere nicht behandeln, die im üblichen Vier-Minuten-Takt abgerechnet werden. Jeder Arzt in Niederlassung muss nun einmal auch ein bisschen betriebswirtschaftlich funktionieren und je jünger er dabei ist, desto brisanter ist die Situation für ihn. Mich wundert es nicht, dass viele Junge sich nicht mehr niederlassen möchten, weil sie das wirtschaftliche Risiko nicht tragen wollen.

Bei uns war es noch so, dass wir uns unbedingt selbständig machen und ohne Chef über uns arbeiten wollten. Ich würde es wieder so machen. Und das würde ich auch Jüngeren empfehlen. Eigenverantwortlich arbeiten – das ist ganz wunderbar. Aber man braucht auch ein bisschen das Unternehmergen – also neben den medizinischen Leitlinien auch einen gewissen Zugang zur Betriebswirtschaft und ein Händchen für Praxismanagement. Und man braucht etwas Mut und sollte sich eine Nische suchen, ein Spezialgebiet. Bei mir war es die Infektiologie. Zu mir kamen zunächst sehr viele HIV-Patienten. Auch als Hausarzt muss man ein medizinisches Steckenpferd haben und sich darin weiterbilden. Das alles geht auch unter erschwerten Bedingungen.

Und doch denke ich manchmal: Das darf doch alles nicht wahr sein! In was für einer Zeit leben wir eigentlich?