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Jahresanfang in der Hausarztpraxis: Erwartungen eher so mittel

Neues Jahr, altes Spiel. Wie geht es für Hausärzte in diesem Jahr weiter? Dr. Petra Sandow hält es bei einem eher skeptisch-entspannten Motto: Schau'n wir mal!

Hausärztlicher Praxisalltag – Alle Jahre wieder

Derzeit ist es eher so: Neues Jahr, altes Spiel. Wir arbeiten uns kaputt. Die Sprechstunden sind rappelvoll. In den Praxen ist die Hölle los. Ich sehe geschätzt 70 bis 100 Patienten am Vormittag. Von denen haben 90 Prozent Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Wir kennen das. Die Welle begann sonst im Februar, diesmal ging es schon im Januar los.

Anders ist jetzt: Die Infekte sind sehr langwierig, die Patienten kommen oft immer wieder, weil es sich nicht bessert. Sie sind beunruhigt, wenn sie nach vier Wochen immer noch husten. Meine Vermutung, ohne in die Kristallkugel zu gucken: Das liegt auch an den letzten zwei Jahren, in denen Masken getragen und Abstand gehalten wurden. Da sahen wir lange keine normalen Infekte. Alles, was sonst das Immunsystem trainiert, ist weggefallen. Daher haben wir jetzt eine schlechte Ausgangslage, wenn uns ein Virus anspringt. Und das passiert nunmal in dieser Jahreszeit.

Wir können nicht mehr so gut dagegenhalten wie früher. Eine weitere Erklärung ist das ungewöhnlich milde Wetter. Unser Immunsystem funktioniert unterhalb von etwa 10 Grad nicht mehr optimal. Viren aber werden erst unter dem Gefrierpunkt langsamer, die können sich derzeit fröhlich vermehren und verbreiten. Beim Schmuddelwetter verstärken sich die zwei Faktoren: Das Immunsystem liegt flach und die Viren haben noch ordentlich Power. 

Keine Zeit für Verschnaufpausen

Immer gleiche Abläufe bei erhöhter Dauerbelastung - das kann sehr ermüdend sein. Aber ich muss meine Antennen gerade jetzt auf Empfang halten, sodass mir nichts durchrutscht. Hinter einem Husten kann ja plötzlich etwas ganz anderes stecken. Ich muss schnell erkennen: Wer braucht ein Antibiotikum? Wer muss in die Klinik, weil die Sauerstoffsättigung nicht stimmt und der Allgemeinzustand nachlässt? 

Die Patienten kommen häufig zu spät in die Praxis. Daher ist es dann schon etwas heikel, wenn ich sie zu sehen bekomme. Sie haben immer noch Angst, sich im Wartezimmer etwas einzufangen. In der Regel haben sie sich schon zu Hause auf Corona getestet. Und die Corona-Diskussion ist weiter allgegenwärtig. Die Impfung ist wie eine Steilvorlage. Die Medien berichten alle möglichen Impf-Komplikationen. Es gibt viel Erklärungsbedarf, viel Skepsis, immer noch gelegentlich aggressive Töne. Manche schieben ihre Infektion und die Hartnäckigkeit der Symptome direkt auf die Corona-Impfung, manchmal auch auf die normale Grippeimpfung. Wir haben gelernt, damit umzugehen. 

Stressfaktor: Digitalisierung

Der nächste unwägbare Stressfaktor wird demnächst aus der Abteilung Bürokratie kommen. Angedroht ist das elektronische Rezept. Es wird verpflichtend - und zwar, ohne dass es wirklich für alle Praxen und Apotheken funktioniert. Wir erleben das mit der elektronischen Krankschreibung, die selten klappt, wenn die Server bei den Kassen nicht erreichbar sind.

Demnächst müssen die ersten Konnektoren ausgetauscht werden, weil sie inzwischen veraltet sind. Und wir wissen ja: Jede IT-Umstellung bringt jede Menge Unruhe ins System. Es wird voraussichtlich wieder diese Horror-Tage geben, an denen dann gar nichts mehr geht. 

Und die Neupatientenregelung ist jetzt scharf gestellt. Das heißt, wir hängen stundenlang am Telefon, um für unsere Patienten Facharzttermine zu bekommen - und zwar innerhalb von drei Tagen. Denn nur so können wir und die Fachärzte die spezielle Gebührenordnungsziffer abrechnen. Telefonieren ist eine Herausforderung geworden. Überall glühen die Leitungen. Und das bei dem längst chronischen Fachpersonalmangel. 

Dennoch... ein Fazit

Ich hoffe dennoch verhalten optimistisch, es wird für uns insgesamt etwas besser als die letzten beiden Jahre. Die Digitalisierung hat ihren Weg in die Praxen gefunden. Es wird mehr über Videosprechstunden und Telefonkonsulationen laufen. Die Arbeit hat sich zum Teil auf jenseits der Praxisräume verschoben. Es wird eine neue Normalität geben. Ich bin also nicht voller froher Erwartung, wie früher einmal zu Jahresbeginn, sondern halte es mit dem skeptisch-entspannten Motto: Schau'n wir mal!