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Penicillinallergie auf dem Prüfstand

Der Eintrag einer Antibiotikaallergie hält sich meist hartnäckig in der Patientenakte. Dabei entpuppt sich die vermeintliche Diagnose bei genauerem Hinsehen in 85 bis 90% aller Fälle als falsch.

Arzneimittelreaktionen und Penicillinallergie

Welche Vorteile hat Penicillin?

Nach seiner Entdeckung durch Alexander Fleming im Jahr 1928 und seit der Markteinführung als erstes Antibiotikum im Jahr 1942 hat Penicillin in der modernen Medizin durchschlagende Erfolge gebracht. Bis heute ist es mit seinem günstigen Nutzen-Risiko-Profil oft Mittel der ersten Wahl. Für das β-Laktam-Antibiotikum spricht neben der guten Wirksamkeit ein schmales Aktivitätsspektrum mit geringer Resistenzentwicklung. Darüber hinaus ist es im Vergleich zu Alternativsubstanzen kostengünstig. 

Umso schwieriger wird es, wenn das bewährte Mittel nicht eingesetzt werden kann. Gibt ein Patient eine Penicillinallergie an oder steht ein entsprechender Vermerk in den Vorbefunden, wird oft unhinterfragt nach Alternativen gesucht. Stattdessen raten Hornuß und Rieg dringend zu einer eingehenden Anamnese. 

Wie wird eine fragliche Allergie abgeklärt?

Meist werden Hautreaktionen berichtet, die sich anhand einfacher klinischer Kriterien zuordnen lassen: In welchem Zeitraum nach Exposition sind sie entstanden, wann wieder verschwunden? Bestand Juckreiz, haben sich Quaddeln oder Blasen gebildet? Waren andere Organe beteiligt?

Hat man auf diese Weise IgE-vermittelte Sofortreaktionen von T-Zell-vermittelten verzögerten Reaktionen unterschieden, folgt als zweiter Schritt die Risikoeinstufung. Auch hierfür gibt es je nach Anamnese und Vorbefunden klare Klassifizierungskriterien und Empfehlungen für das weitere Vorgehen.

Wann darf Penicillin erneut verabreicht werden?

Erweist sich das Risiko als gering, ist eine Reexposition unter Sicherheitsvorkehrungen vertretbar. Im Universitätsklinikum Freiburg erfolgt sie zu den Kernarbeitszeiten mit sicher liegendem intravenösem Zugang und Notfallbereitschaft. Bei einem mittleren Risiko empfiehlt sich eine Penicillinhauttestung mit Prick-Test und ggf. nachfolgender Intrakutantestung. Fällt sie negativ aus, ist auch hier der erneute Versuch einer Penicillintherapie angemessen.

Lediglich in der Hochrisikogruppe ist eine Reexposition kontraindiziert. Betroffene sollten umgehend zur spezialisierten Testung in eine allergologische Fachabteilung überwiesen werden. Für ein hohes Risiko sprechen eine positive Hauttestung, anaphylaktische Reaktionen, Pustel- und Blasenbildung sowie die Beteiligung anderer Organe.

Fazit für die Praxis

Nach sorgfältiger Anamnese fallen die Hälfte bis zwei Drittel aller Patienten mit anamnestischer Penicillinallergie in die Niedrigrisikogruppe. Ihnen sollte die Behandlung mit dem bewährten Antibiotikum nicht weiter vorenthalten werden. Wichtig dabei: die Patienten aufklären und die Diagnoseliste korrigieren, damit sich die vermeintliche Allergie nicht weiterhin (wie ein Rattenschwanz) durch die Patientenakte zieht.

Weitere Informationen aus der Pneumologie

Quelle:
  • Hornuß D, Rieg S. Antibiotikaallergien – gezieltes Vorgehen bei vermeintlicher β-Laktam-Allergie. Inn Med (Heidelb) 2023; 64: 351-361; DOI: 10.1007/s00108-023-01490-5