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Neues aus der Parkinson-Forschung

Die Parkinson-Forschung sucht nach Therapien, die nicht nur die Symptome der Erkrankung bekämpfen, sondern auch deren Ursachen. Hier finden Sie die wichtigsten News.

Wie ist der aktuelle Stand der Forschung im Jahr 2022?

Bei den Parkinson-Syndromen unterscheiden Experten zwischen der eigentlichen Parkinson-Erkrankung und atypischen Symptomen. Die Symptome werden durch Fehlfaltungen des Proteins Alpha-Synuclein oder durch Tau-Ablagerungen im Gehirn verursacht und führen zu irreversiblen Schäden an den Nervenzellen. Die Folge sind Tremor, Gang- und Sprachstörungen oder Gedächtnisverlust. Zeigen sich solche Symptome, ist die Krankheit bereits weit fortgeschritten. Umso wichtiger ist es, Möglichkeiten für eine frühe Diagnose und wirksame Therapien mithilfe von Medikamenten oder Impfstoffen zu finden, die den Verlauf der Krankheit verzögern oder sogar stoppen können.

Die Parkinson-Forschung hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V. (DPG) wurden vom 24. bis 26. März 2022 die aktuellsten Forschungsergebnisse vorgestellt.  

Symptomatik und Diagnose von Parkinson

Nicht-motorische Symptome als Parkinson-Vorboten

Symptome wie REM-Schlaf-Verhaltensstörungen (Traumschlafstörungen), Störungen der Geruchswahrnehmung und Depressionen können erste Anzeichen einer späteren Parkinson-Erkrankung sein. Eine Studie der Universität Kiel zeigte, dass eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung bei Menschen über 50 nach Ausschluss anderer Ursachen zu 80 Prozent auf eine Parkinson-Erkrankung hindeutet und die Patient:innen in den nächsten 15 bis 20 Jahren an Parkinson erkranken können. Die Schlafstörung äußert sich durch einen lebhaften Muskeltonus während des Schlafes und unruhige Träume. Durch eine frühe Diagnose ist es möglich, dass die Patient:innen ihren Lebensstil verändern und so kann das Risiko gesenkt werden, später Parkinson zu bekommen.

Biomarker ermöglichen frühe Parkinson-Diagnose

Forschende haben in den vergangenen Jahren verschiedene Biomarker identifiziert, die bei der Frühdiagnose von Parkinson eine große Rolle spielen. So lagert sich das Alpha-Synuclein-Protein auch in der Haut ab, wie Forschende der Universitäten Würzburg und Marburg in einer Studie gezeigt hatten. Sie untersuchten Patienten mit einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung mittels einer minimalinvasiven Hautbiopsie und konnten so zeigen, dass sich die Parkinson-Erkrankung Jahre vor den ersten sichtbaren Symptomen nachweisen ließ.

Parkinson mithilfe künstlicher Intelligenz erkennen

Digitale Techniken werden immer öfter in der Medizin eingesetzt, auch gegen Parkinson? Was auf diesem Gebiet möglich ist, wird im Rahmen des Projektes Validating DIGItal biomarkers for better personalized treatment of Parkinson’s Disease (DIGIPD) am Fraunhofer SCAI erforscht. Änderungen von Sprache, Mimik oder Motorik werden über kleine Sensorgeräte erfasst und mit Sensordaten (digitalen Biomarkern) aus anderen Studien verglichen. Auf diese Weise ließen sich Prognosen zum Krankheitsverlauf erstellen. DIGIPD startete im Mai 2021. Die Daten der Studie werden in zwei Jahren ausgewertet.

Tau-Ablagerungen verursachen atypische Parkinson-Syndrome

Forschende am Klinikum der Universität München haben fehlgefaltete Tau-Proteine untersucht, die atypische Formen des Parkinson-Syndroms wie die "Progressive Supranukleäre Parese" (PSP) und das "Corticobasale Syndrom" (CBS) verursachen. In ihren Untersuchungen an verstorbenen und lebenden Patienten stellten sie fest, dass die Tau-Proteine sich mit zunehmender Krankheitsschwere über Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn ausbreiteten. 

Für ihre Studie arbeiteten die Forschenden mit der neuen Bildgebungsmethode Tau-PET, welche die Ablagerungen im Gehirn von Patienten sichtbar macht. Die Tau-Ablagerungen traten zuerst im Hirnstamm und in den Basalganglien auf, die die Motorik beeinflussen. Mit einer funktionellen MRT bei verstorbenen Patienten machten die Wissenschaftler:innen zudem die Vernetzung zwischen einzelnen Hirnregionen sichtbar. Das Tau-Eiweiß zeigte sich überwiegend in vernetzten Hirnregionen. Die Kombination der Daten aus Tau-PET und fMRT zeigte ein ähnliches Muster der Tau-Ablagerungen bei lebenden und verstorbenen Patienten. Die Forschenden wollen das Modell weiterentwickeln, um eine bessere Krankheitsprognose zu ermöglichen.

Therapie von Parkinson

Positiver Parkinson-Verlauf durch flavonoidhaltige Ernährung

US-Ernährungswissenschaftler zeigten, dass die richtige Ernährung den Verlauf der Parkinson-Erkrankung bei Männern positiv beeinflussen kann. 599 Frauen und 652 Männer mit Parkinson führten mehr als 30 Jahre lang detaillierte Protokolle über ihre Ernährung, 944 Personen sind in diesem Zeitraum verstorben. Männer, deren Ernährung reich an Flavonoiden war, lebten länger als die anderen Patienten. Bei Frauen gab es keinen Zusammenhang zwischen Ernährung und  Lebensdauer. Flavonoide haben eine antioxidative Wirkung und sind vor allem in Obst und Gemüse reichlich enthalten. 

Antikörpertherapie als Impfung gegen Parkinson?

Auch bei der kausalen Therapie von Parkinson gibt es erste vielversprechende Studien. Die Antikörpertherapie funktioniert wie ein Impfstoff. Nachdem den Parkinson-Patienten maßgeschneiderte Antikörper per Infusion verabreicht wurden, zeigte sich eine Reduktion des Proteins α-Synuklein im Nervensystem. Mit PASADENA und SPARK sind zwei weitere Antikörper-Studien mit rund 600 Patienten in Arbeit, deren Ergebnisse in einem Jahr erwartet werden. Dort werden die Antikörper zuerst bei Patienten ohne Symptome getestet, später sollen die Tests dann auch auf bereits erkrankte Menschen ausgeweitet werden.

Hirnschrittmacher zur Parkinson-Therapie

Im vergangenen Jahr wurde Parkinson-Patienten am Uniklinikum Würzburg erstmals eine neue Generation von “Hirnschrittmachern” eingesetzt. Mit Hilfe der Tiefen Hirnstimulation (THS) werden neurologische Bewegungsstörungen behandelt. Die neuen Hirnschrittmacher sind mit einer BrainSense-Technologie ausgestattet, durch die rund um die Uhr Gehirnsignale erfasst werden können und kontinuierlich Impulse an eng umgrenzte Hirnareale abgegeben werden. Durch elektrische Stimulation können krankhafte Signalveränderungen beseitigt und die normale Hirnfunktion wiederhergestellt werden. Die neue Technologie ist dabei so kleinteilig, dass sie betroffene Hirnareale präzise stimulieren kann. Das verkleinert das Risiko einer ungewollten Stimulation von Nachbar-Arealen und verringert Nebenwirkungen wie Sprachstörungen. Eine weitere Neuheit sind Sensight-Elektroden, die so präzise Gehirnströme weiterleiten, dass sie künftig eine personalisierte Therapie ermöglichen können. 

Peptide gegen Alpha-Synuklein

Im September 2021 veröffentlichten US-Forschende eine Tier-Studie zu einer Medikation, die über die Nase verabreicht werden kann und so das Ausbreiten des Proteins Alpha-Synuklein im Gehirn verlangsamte. Die in der Studie getesteten im Labor entwickelten Peptide sind als TLR2-interagierende Domäne von Myd88 (TIDM) und NEMO-bindende Domäne (NBD) bekannt. Das Medikament konnte bei Mäusen die Entzündungen im Gehirn verlangsamen. Außerdem verbesserten sich deren Gang, das Gleichgewicht und die motorischen Fähigkeiten.

Sie interessieren sich darüber hinaus für noch mehr Neuigkeiten bei der Parkinson-Therapie?

Quellen:

1. Journal of Parkinson’s Disease, 2019; doi: 10.3233/JPD-181474
2. Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen
3. Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen
4. https://www.nature.com/articles/s41467-022-28896-3
5. Zhang et al. Intake of Flavonoids and Flavonoid-Rich Foods, and Mortality Risk Among Individuals With Parkinson Disease: A Prospective Cohort Study. Neurology 2022, January 26
6. https://www.neuromedizin.de/Neurologie/Neues-Neurostimulatorsystem-erstmals-erfolgreich-bei-Parkins.htm
7. https://www.ukw.de/aktuelle-meldungen/detail/news/uniklinikum-wuerzburg-weltweit-erster-einsatz-von-neuem-system-zur-tiefen-hirnstimulation/
8. https://www.rushu.rush.edu/news/nasal-drugs-show-promise-slowing-parkinson%E2%80%99s-disease-progression-lab-study
9. https://dgn.org/presse/pressemitteilungen/ausdauersport-verlangsamt-das-fortschreiten-der-parkinson-erkrankung-eine-studie-klaert-den-zugrundeliegenden-mechanismus/