Glaukom-Vorsorge für alle – nicht als IGEL-Leistung! Logo of esanum https://www.esanum.de

Besserer Durchblick: Glaukom-Vorsorge für alle

Mir liegt ein Thema besonders am Herzen: Das Glaukom! Und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist es mein tägliches Brot als Augenärztin. Und zweitens geht es mir um den oft nachlässigen Umgang mit der Vorsorge bei der Augengesundheit.

Alle ab 40 Jahren sollen die Glaukom-Vorsorge machen lassen

Man nimmt an, dass aktuell die Hälfte aller Glaukome noch unerkannt ist. Epidemiologische Schätzungen ergeben, dass je nach weiteren Grunderkrankungen und Lebensstil das Risiko für ein Glaukom bei 2,4 Prozent liegt. Bei Rauchern oder bei bestimmten genetischen Faktoren, also auch familiärer Vorbelastung, sowie Menschen, die sich wenig bewegen, liegt die Prävalenz deutlich höher. Mir geht es darum, dass am besten alle Menschen ab 40 Jahren diese einfache Vorsorge vornehmen lassen. 

Und die Augendruckmessung genügt hier nicht immer. Denn etwa 70 Prozent der Menschen mit einem erhöhten Augendruck haben kein Glaukom, während andere mit geringem Augendruck sehr wohl ein Glaukom entwickeln können. Auch die Gesichtsfeldmessung ist nicht immer aussagekräftig genug. Am besten wäre eine Sehnervenvermessung z. B. mittels OCT-Diagnostik (optische Kohärenztomographie). Diese Diagnostik wird bereits für Patienten mit feuchter AMD (altersbedingten Makuladegeneration) oder DMÖ (diabetisches Makulaödem) übernommen. Die Papillen-OCT-Diagnostik stellt aktuell noch eine IGEL-Leistung dar. 

Den Sehnerv kann man nicht reparieren

Nun könnte man denken, dass ein paar Prozent Betroffene eine Vorsorge für alle nicht rechtfertigen. Aber erstens steigt die Prävalenz Jahr für Jahr. Und die Zahlen wachsen mit zunehmendem Alter – und wenn die Nervenfasern erst einmal verloren gegangen sind, ist das nicht mehr rückgängig zu machen. Den Sehnerv kann man nicht reparieren. Wenn aber ein entstehendes Glaukom rechtzeitig erkannt wird, haben wir Augenärzte gute Mittel, die Erkrankung zu stoppen: verschiedene medikamentöse Behandlungen, Laser-Therapien und vieles andere. Das Wichtigste ist aber, dass man keine Zeit verliert. 

Die Augen brauchen mehr Aufmerksamkeit 

Meine Erfahrung ist: Wenn ich die Patienten gut aufkläre, nehmen die meisten die angebotene IGEL-Leistung in Anspruch. Wenn es aber nur beiläufig in der Anmeldung abgefragt wird, sagen viele nein. Wichtig bei der Aufklärung ist: Was kann man präventiv tun, um das Risiko für einen grünen Star zu reduzieren. Das ist die Ernährung, weil Mikronährstoffmangel ungünstig für die Sehnervenzellen ist. Das Rauchen erhöht das Erkrankungsrisiko um ungefähr 88 Prozent. Auch ein BMI über 25 ist ein Risikofaktor. Das Schlafapnoe-Syndrom und die nächtliche arterielle Hypotonie sind mit dem Glaukom assoziiert. Ebenso die Migräne, wie auch die Kurzsichtigkeit. Man hat herausgefunden, dass auch Feinstaubbelastung eine Rolle spielt. In belasteten Gegenden finden sich sechs Prozent mehr Menschen mit Glaukomen. All die Betroffenen sollten auf ihre Augengesundheit besonders achten und vorsorgen. Die Augen brauchen Aufmerksamkeit und einen gesunden Lebensstil. Ich bin ein Fan davon, Tee mit Koffein zu trinken. Das führt unmittelbar zu einer Durchblutungsverbesserung. Und aus der Demenzforschung weiß man zum Beispiel, dass auch Gingko den Sehnerv stärken kann.In einigen Fällen darf Gingko jedoch nicht eingenommen werden, deswegen ist eine individuelle Rücksprache mit dem Hausarzt ratsam. Ein weiterer neuroprotektiver Stoff ist Citicolin

Unerkanntes Glaukom erhöht weitere Krankheitsrisiken

Selbst unter ökonomischen Gesichtspunkten scheint es mir auch für die Kassen effizienter, die Glaukom-Vorsorge für alle zu erstatten, als jede Menge Folgeerkrankungen zu finanzieren. Wenn etwa eine Siebzig- oder Achtzigjährige erst mit Symptomen zur Untersuchung erscheint, ist das oft mit weiteren Erkrankungen verbunden. Ein eingeschränktes Gesichtsfeld kann zu Stürzen führen, diese ziehen vielleicht einen Oberschenkelhalsbruch nach sich, darauf folgt ein Krankenhausaufenthalt und möglicherweise eine Pneumonie. Im Endeffekt kann die Betroffene ein Pflegefall werden.

Ich wünsche mir eine große Aufklärungskampagne 

Gerade hat der Staat eine richtig teure COVID-Impfkampagne gestartet. So etwas ist möglich. Meiner Meinung nach hat jeder Mensch das Recht auf Prävention und Vorsorge. Mein Vorschlag: Eine Aufklärungskampagne ähnlich wie die Meningokokken-Kampagne. Da wurde sehr eindringlich über die Gefahren der Meningitis informiert und der Schutz durch eine entsprechende Impfung erläutert. So sollten wir auch über das Glaukom aufklären: Man muss deutlich machen, dass diese Erkrankung unmerklich entsteht und voranschreitet – und die Vorsorge ist einfach und verhindert das Schlimmste. Denn in den Industrienationen ist das Glaukom eine der häufigsten Ursachen für den Worst Case: die Erblindung.