Chronische Schmerzen: interdisziplinäre Ansätze erforderlich Logo of esanum https://www.esanum.de

Chronische Schmerzen: ganzheitliche Lösungen erforderlich

28% der deutschen Bevölkerung klagen über chronische Schmerzen. Wie der lange Weg zur Diagnose verkürzt werden kann, wurde beim "Aktionstag gegen den Schmerz" diskutiert.

Chronische Schmerzen: 23 Millionen Menschen in Deutschland betroffen

Im Rahmen der Pressekonferenz "Ganzheitliche Wege in der Schmerztherapie: Medizin, Psychologie, Physiotherapie und Pflege arbeiten Hand in Hand" macht Professor Dr. med. Hans-Georg Schaible, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V., deutlich: Chronische Schmerzen stellen in Deutschland ein gravierendes Problem dar. 23 Millionen Deutsche, also über ein Viertel der Bevölkerung, klagen über anhaltende Schmerzen. Von chronischen Schmerzen wird gesprochen, so Schaible, wenn Schmerzen länger als ein halbes Jahr andauern – Viele der genannten Patienten litten aber tatsächlich über mehrere Jahre hinweg unter Schmerzen. 

Durch signifikante Unter- oder Fehlversorgung – wobei die Diagnose "chronische Schmerzen" viel zu selten gestellt werde – entwickelten sich bei vielen Patienten Schmerzen erst zu einer langfristigen Problematik. Entscheidend ist laut Schaible die Etablierung präventiver Therapieansätze, um Risikopatienten für chronische Schmerzen frühzeitig zu identifizieren. Die Ziele des "Aktionstag gegen den Schmerz" fasst der Mediziner wie folgt zusammen:

Langer Weg zur Diagnose "chronischer Schmerz"

Als Vertreterin der Patientenseite stimmt Heike Norda, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe UVSD SchmerzLOS e.V., mit Prof. Schaible überein: Der Weg zur Diagnose "chronischer Schmerz" sei frustrierend und deutlich zu lang. Ein beispielhafter Ablauf sei etwa folgender:

  1. erste Anlaufstelle Hausarzt → verschreibt zum Beispiel Physiotherapie; wenig bis keine Linderung
  2. Orthopädie → bildgebende Diagnostik; Bandscheibenvorfall wird beispielsweise entdeckt, Schmerzen werden auf eine körperliche Schädigung zurückgeführt
  3. invasive Therapie (etwa Spritzen) unter CT-Kontrolle, eventuell sogar Operation → fragliche Erfolgsaussichten
  4. "Patientenkarriere" endet in der Diagnose "chronischer Schmerz"; Patienten fühlen sich frustriert, enttäuscht, allein gelassen
  5. Überweisung zum Schmerztherapeuten; Wartezeit von bis zu 12 Monaten auf Ersttermin 

Viele Betroffene, so Norda, fühlen sich zusätzlich dadurch besonders frustriert, dass von ärztlicher Seite oft Sätze wie "Damit müssen Sie leben." oder "Bedenken Sie Ihr Alter!" fallen. 

Falsche Schmerztherapie hat viele Gründe

Warum kommt es gerade bei chronischem Schmerz so oft zur fehlgeleiteten Behandlung? Ein entscheidender Grund liegt laut UVSD darin, dass viele Schmerzpatienten nur unimodal behandelt werden, eine multimodale, interdisziplinäre Behandlung aber deutlich sinnhafter wäre. Für eine bessere Versorgung und Diagnosestellung sei es zudem wichtig, dass finanzielle Anreize für invasive Maßnahmen abgeschafft und den Gesprächsleistungen gleichgestellt werden. Eine Chronifizierung von Schmerzen sei unter allen Umständen zu verhindern, da diese sowohl im Gesundheitswesen durch vermehrte Inanspruchnahme als auch für die Volkswirtschaft – etwa durch Frühverrentungen – enorme Kosten verursache. Um falschen Behandlungsansätzen entgegenzuwirken, sei zudem die strukturierte Aufklärung von Betroffenen entscheidend, damit diese ihre Krankheit akzeptieren und aktiv an der Therapie mitwirken können. Behandelnde Ärzte müssen ihren Patienten öfter den Austausch in Selbsthilfegruppen empfehlen.

Was muss sich also aus Patientensicht bei der Identifizierung und Behandlung von chronischen Schmerzen ändern? Norda fasst zusammen:

  1. Mehr Bewusstsein für chronische Schmerzen in Medizin und Öffentlichkeit schaffen
  2. Keine Wartezeiten auf einen ambulanten, tagesklinischen oder stationären Behandlungsplatz von mehr als 4 Wochen
  3. Interdisziplinäre, sektorenübergreifende Behandlungsansätze
  4. Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen behandelnden Medizinern und Selbsthilfegruppen

"Pain2.0": Bundesweite Studie soll Abhilfe schaffen 

Wie könnte nun von medizinischer Seite ein besseres Behandlungsangebot bei chronischen Schmerzen geschaffen werden? Hierzu stellte Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Anne Gärtner,  Psychologische Psychotherapeutin an der TU Dresden, im Rahmen der Pressekonferenz das neue, bundesweite und interdisziplinäre Projekt "PAIN2.0" vor. Sein Ziel: die Versorgung von Erwachsenen mit wiederkehrenden Schmerzen und Risikofaktoren für eine Schmerzchronifizierung zu verbessern. 

Chronische Schmerzen, so Gärtner, würden vor allem durch immer wiederkehrende, alltägliche Belastungen geschürt – egal ob beruflicher, familiärer oder persönlicher Natur. Viele geraten hierbei in "ein Hamsterrad". Persönliche Verhaltensweisen oder Bewältigungsstrategien, um mit den jeweiligen Situationen umzugehen, resultierten dann in einer erhöhten Grundanspannung, die das Auftreten von Schmerzen begünstigt. "PAIN2.0" soll frühzeitig intervenieren.

Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Patienten: vereint gegen den Schmerz

Das Konzept: Ein ambulantes, interdisziplinäres Team – bestehend aus Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten – soll Menschen mit wiederkehrenden Schmerzen über das biopsychosoziale Modell von Schmerz aufklären. Dabei wird der Fokus auf individuelle Strategien zur Schmerzbewältigung und aktiver Übungen für Betroffene gerichtet, die zu deutlichen Veränderungen in der Schmerz- und Belastungsgestaltung führen sollen. Besonders innovativ am Projekt PAIN2.0 ist die Verwendung interdisziplinärer Ansätze in der Prävention – bislang weitgehend ein Novum – sowie die enge Zusammenarbeit zwischen medizinischen Fachleuten und Selbsthilfegruppen. Der Erfolg der Studie wird durch ein externes Evaluationsinstitut in Form einer klinisch-randomisierten Studie im Cross-over-Design ermessen.

Dr. Gärtner lädt ausdrücklich Hausärztinnen und Hausärzte dazu ein, geeignete Patienten und Patientinnen mit wiederkehrenden Schmerzen von mehr als sechs Wochen oder häufig wiederkehrenden Schmerzen an die Einrichtungen der Projektpartner zu überweisen, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

Weitere Informationen zur Studie "PAIN2.0" können Sie der Seite www.pain2punkt0.de entnehmen.
Mehr zum Thema chronische Schmerzen und Therapieansätze erfahren Sie auch in der esanum-Expertenrunde "Chronische Schmerzsyndrome in der Praxis" am 21. Juni 2023.

Quelle:

Ganzheitliche Wege in der Schmerztherapie: Medizin, Psychologie, Physiotherapie und Pflege arbeiten Hand in Hand; Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. anlässlich des bundesweiten „Aktionstags gegen den Schmerz“ am 6. Juni 2023, 11.00 bis 12.00 Uhr