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Body Positivity: Wenn ein Trend gefährlich wird

Body Positivity ist in einer Zeit übertriebener Schönheitsideale etwas Gutes. Die Bewegung setzt sich für die Abschaffung unrealistischer Schönheitsvorstellungen ein. Problematisch wird es jedoch, wenn die Gesundheit leidet.

Adipositas: Steigende Zahlen wegen mangelnder Gesundheitskompetenz? 

Seit Beginn der Pandemie gibt es weltweit das Problem, dass wissenschaftlich fundierte Daten nicht nur angezweifelt werden, sondern dem Bauchgefühl bzw. Meinung der jeweiligen Person untergeordnet werden. Besonders kritisch ist es auf dem Gebiet der Adipositas, das aktuell auf allen Kanälen heiß diskutiert wird. In der Gesundheitsberichterstattung des RKI heißt es "Übergewicht und Adipositas und die damit verbundenen Folgekrankheiten sind von hoher Public-Health-Relevanz"- und das nicht ohne Grund.

In den Industrienationen nimmt die Zahl an adipösen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen stetig zu. Parallel dazu steigt auch die Anzahl an Diabetikern erschreckend schnell an. Wir sind uns einig, dass Menschen sich wohl fühlen sollten in ihrem Körper und mit ihrem Erscheinungsbild. Aus ärztlicher Sicht sind die Erlangung und Beibehaltung von Gesundheit jedoch oberste Prämisse. Natürlich gibt es Gründe, aus denen dies für manche Menschen nicht möglich ist. Kindern und Jugendlichen sollte jedoch im Rahmen der Primären Prävention vermittelt werden, dass die jahrtausendealte Redewendung "Mens sana in corpore sano" auch heute noch Gültigkeit besitzt.1 

Die Sucht nach Zucker 

Zuckerkonsum ist eine Sucht, die bisher nicht genug Beachtung gefunden hat. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Zucker mehr Symptome hervorruft, als für die Einstufung als süchtig machende Substanz erforderlich sind. Der Zuckerkonsum bringt ein großes Spektrum an drogenähnlichen Wirkungen mit sich. Hierzu zählen Bingeing, Craving, Toleranz, Entzug, Kreuzsensibilisierung, Kreuztoleranz, Kreuzabhängigkeit, Belohnungs- und Opioideffekte. So wie bei jeder Sucht versuchen die Süchtigen, ihre Sucht zu verharmlosen und eine Realität zu erschaffen, in der die Sucht keine ist. Die mit dem Zuckerkonsum verbundene hohe Kalorienzufuhr kann in einer Adipositas und in einem Diabetes mellitus resultieren.

Doch damit die Folgen der Sucht einen nicht immer wieder daran erinnern, muss auch die Umgebung angepasst werden. Und hier kommt das Anzweifeln wissenschaftlicher Studien zur langfristigen Auswirkung von Adipositas ins Spiel. Manch einer möchte es nicht wahrhaben und nutzt die Opfermentalität, um jegliche Kritik an dem krankheitsfördernden Lebensstil abzuwenden. Body Positivity wird hier als Schild verwendet und aus der an sich guten und notwendigen Bewegung wird ein toxischer Hype.2 Eine Tatsache steht jedoch fest: Das Fettgewebe ist ein komplexes Organ mit verschiedenen Funktionen für den Energiestoffwechsel, für die endokrine Funktion und Entzündungsprozesse. Ein Überschuss an Fettgewebe kann zu Fehlfunktionen im Körper führen, die wiederum mit Stoffwechselstörungen in Verbindung gebracht werden können.3

Langfristige Risiken von Adipositas 

Adipositas erhöht das Risiko für unterschiedliche Krankheiten. Die wohl bekanntesten Verbindung sind die kardiometabolischen Erkrankungen. Hier stellt die viszerale Adipositas einen wichtigen Risikofaktor dar. In den letzten beiden Jahrzehnten hat die die Prävalenz von kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Hypertriglyceridämie, Typ-2-Diabetes und dem metabolischen Syndrom weltweit erheblich zugenommen. Global betrachtet sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen Hauptursache für Mortalität und früher Morbidität. 30 % der weltweiten Todesursachen lassen sich auf kardiometabolische Erkrankungen zurückführen.4

Bewegungsmangel im digitalen Zeitalter

Die Auswirkungen einer übermäßigen Nutzung digitaler Medien auf die körperliche Aktivität von Jugendlichen wurde im Jahr 2021 in einer koreanischen Studie untersucht. Die insgesamt 1.837 Schüler berichteten hierfür von ihren Nutzungszeiten für Internetspiele, Messenger, soziale Medien und das Ansehen von Spielestreams. Vor allem beim männlichen Geschlecht war die exzessive Nutzung von Internetspielen oder das Ansehen von Spielestreams mit einem Bewegungsmangel verbunden.5 Doch nicht nur in Korea ist Bewegungsmangel und die daraus resultierende Adipositas eine Herausforderung.

In Deutschland stellt Adipositas bei Kindern und Jugendlichen bereits seit einigen Jahrzehnten ein wichtiges Problem der öffentlichen Gesundheit dar. Übergewichtige Kinder haben ein hohes Risiko, übergewichtige Erwachsene zu werden. Dies ist wiederum mit einem hohen Risiko für das Auftreten von kardiovaskulären und orthopädischen Krankheiten sowie Typ-2-Diabetes verbunden. Neben dem großen gesundheitlichen Schaden, den Adipositas unserer Gesellschaft antut, konfrontiert diese Entwicklung das deutsche Gesundheitssystem auch mit erheblichen Kosten.6 Verhaltenspräventive Maßnahmen, die eine sportliche Betätigung beinhalten, sind vor allem in der Pandemie zu kurz gekommen. Doch bereits 2010 ließ sich ein Bewegungsmangel auf einen erhöhten Konsum digitaler Medien zurückführen. Schon damals war der Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung des Lebensstils der betroffenen Kinder und Jugendlichen groß.7

Steigende Übergewichts- und Adipositasprävalenz mit zunehmendem Alter

Wie sehen die Zahlen heute aus? Die Querschnittsergebnisse (aus KiGGS Welle 2; 2014-2017) des RKI geben Aufschluss über die aktuellen Entwicklungen. Im Vergleich zu den Messwerten der Basiserhebung (2003-2006) ist kein weiterer Anstieg der Adipositasprävalenz für die 3 bis 17-Jährigen zu verzeichnen. 15,4 % der Kinder und Jugendlichen (Alter 3-17 Jahre) waren zu dem Zeitpunkt übergewichtig und 5,9 % adipös. Im Vergleich zu den Messwerten der Basiserhebung (2003-2006) ist kein weiterer Anstieg der Adipositasprävalenz für die 3 bis 17-Jährigen zu verzeichnen. Trotzdem steigt die Übergewichts- und Adipositasprävalenz mit zunehmendem Alter.8 Im Erwachsenenalter nimmt die Prävalenz für Übergewicht (Adipositas mit inbegriffen) drastisch zu. RKI-Daten aus den Jahren 2019 und 2020 konnten Werte von 46,6 % für das weibliche und 60,5 % für das männliche Geschlecht verzeichnen. 19 % der Erwachsenen leiden an einer Adipositas.9

Adipositas: Ein schmaler Grad im klinischen Alltag

Wir sind uns darüber einig, dass Adipositas ein großes Problem für unsere Gesellschaft darstellt – nicht zuletzt auch aufgrund der damit verbundenen Risiken für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Dennoch müssen wir auch einen Blick auf das andere Extrem werfen und hier die Situation aus dem psychologischen Blickwinkel betrachten. 

Aus medizinischer Sicht ist ein gesundes Körpergewicht wünschenswert. Aus psychologischer Sicht sollten wir unseren Patienten im Sinne der Body Positivity Bewegung jedoch auch vermitteln, dass jeder Körper schön ist und sie sich darin wohl fühlen sollten. Body Positivity ist an sich etwas Gutes, vor allem in Zeiten von überzogenen Schönheitsidealen und Beauty-Filtern auf TikTok, Instagram und Co.. Wie gehen wir nun mit unseren Patienten um, die sich das Verständnis für das Erscheinungsbild ihres Körpers wünschen und möglicherweise einen medizinisch fundierten Ratschlag zur Reduktion des Körpergewichts als Angriff auf diesen ansehen? Handeln wir nach unserem medizinischen Gewissen oder schweigen wir, um nicht als intolerant im klinischen Alltag zu wirken. Am Ende des Tages sind es ja Fakten, die wir unseren Patienten vermitteln wollen, um sie vor möglichen Krankheiten in der Zukunft zu bewahren. 

Es ist nicht nur Aufgabe der Politik, für Gesundheitskompetenz zu sorgen

Ziel ist es, die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu stärken. Es hat nichts mit Bevormundung zu tun, wenn ungesund hohe Mengen an Zucker in den Nahrungsmitteln reduziert werden sollten. Es hat gedauert, aber Werbung für Alkohol und Zigaretten wurde bereits aus dem Fernsehen verbannt. Wieso können Kinder und Jugendliche nicht vor der Werbung für süchtig machende zuckerhaltige Produkte geschützt werden? Wieso schauen wir als Ärzte weiter zu, wie die Bevölkerung immer kränker wird durch Fehlernährung? Wieso behandeln wir erst die Symptome – in dem Fall mit Antidiabetika – statt das Übel bei der Wurzel zu packen und Primäre Prävention durch eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise zu promoten? Anders als die Politiker müssen wir als Ärzte nicht auf Kuschelkurs mit der Zucker-Lobby gehen. Es wäre schön, Krankheiten zu verhindern statt nur ihre Progression zu verlangsamen.10

Referenzen:
  1. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JHealthMonit_2022_03_Uebergewicht_GEDA_2019_2020.pdf?__blob=publicationFile
  2. https://www.zdf.de/kultur/13-fragen/body-positivity-13f-100.html
  3. DiNicolantonio JJ. et al. (2018). Sugar addiction: is it real? A narrative review. Br J Sports Med. 2018 Jul;52(14):910-913. 
  4. Ruiz-Castell M. et al. (2021). Estimated visceral adiposity is associated with risk of cardiometabolic conditions in a population based study. Sci Rep. 2021 Apr 27;11(1):9121. 
  5. Kim G, Jeong H, Yim HW. Associations between digital media use and lack of physical exercise among middle-school adolescents in Korea. Epidemiol Health. 2023;45:e2023012. 
  6. Wabitsch M. Kinder und Jugendliche mit Adipositas in Deutschland. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 47, 251–255 (2004). 
  7. Graf C. et al. (2010). Sport und Bewegung in der Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Springer Verlag. p77-78.
  8. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_01_2018_Adipositas_KiGGS-Welle2.pdf?__blob=publicationFile
  9. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Uebergewicht_Adipositas/Uebergewicht_Adipositas_node.html#:~:text=Nach%20Selbstangaben%20aus%20den%20Jahren,steigen%20Übergewichts%2D%20und%20Adipositasprävalenzen%20an.
  10. https://www.zdf.de/funk/die-da-oben-12030/funk-warum-die-politik-mit-der-zucker-lobby-kuschelt-102.html