Rheuma im Alter: Warum die Diagnose schwierig ist Logo of esanum https://www.esanum.de

Rheuma-Diagnose: Warum sie im Alter eine Herausforderung sein kann

Die Diagnose entzündlich-rheumatischer Erkrankungen ist durch die steigende Zahl an Komorbiditäten deutlich komplexer geworden. Welche Strategien helfen bei der präzisen Erkennung?

Breite Differentialdiagnose der rheumatischen Erkrankungen

Im hohen Alter treten Krankheiten mit Gelenksymptomen gehäuft auf. Neben der rheumatoiden Arthritis (RA), gibt es beispielsweise eine ganze Reihe an Erkrankungen, die mit Gelenkschwellungen und -schmerzen einhergehen: Polyarthrose, Polymyalgia Rheumatica (PMR), RS3PE-Syndrom (Remitting Seronegative Symmetrical Synovitis with Pitting Edema), Kristallarthropathie sowie Neoplastische Syndrome. Die Röntgenaufnahme der Hand stellt zwar immer noch den Goldstandard zur primären Diagnostik der RA dar, Dr. Bühring plädiert jedoch dafür, mehr Ultraschalluntersuchungen der Gelenke bei der seronegativen RA zu veranlassen. Denn mittlerweile können Kalziumpyrophosphatablagerungen bei PPPD mit hoher Sensitivität und Spezifität mittels Ultraschalls identifiziert werden.2 Studien haben außerdem belegt, dass die RA sich im Late Onset anders manifestiert, und bei bis zu 23% der Patienten PMR-ähnliche Symptome aufweisen kann.3

Sowohl die MRT als auch die Labortestung sind bei älteren Menschen ebenfalls schwieriger zu interpretieren. Dr. Bühring empfiehlt deshalb, sich bei der Krankheitsentität nicht voreilig festzulegen, sondern weitere Differentialdiagnosen mit ähnlichen Symptomen anhand der breiten Palette an diagnostischen Möglichkeiten auszuschließen. 

Anamnestische Herausforderungen bei entzündlich rheumatischen Erkrankungen

Die korrekte Diagnosestellung bei älteren Patienten kann manchmal an sehr subtilen Details scheitern. Die Anamnese und klinische Untersuchung können stark von externen Faktoren beeinflusst werden, beispielsweise durch kognitive Defizite, Schwerhörigkeit oder Depression. Dr. Bühring empfiehlt hierfür, ein geriatrisches Assessment durchzuführen, um die häufigsten geriatrischen Symptome zu identifizieren. Hierfür können das "Manageable Geriatric Assessment (MAGIC)"4 oder das "Comprehensive Geriatric Assessment"5 durchgeführt werden. 

Chronologisches Alter vs Biologisches Alter: 

"Ältere Menschen sind nicht einfach ältere junge Erwachsene", betont Dr. Bühring. Im hohen Alter verändern sich die physiologischen und pathophysiologischen Prozesse. Hierbei sind Komorbiditäten und Stärke des Immunsystems von hoher Relevanz, um die richtigen Behandlungskonzepte zu erstellen. Eine zu starke Immunsuppression kann beispielsweise zu einer tödlichen Pneumonie führen.

Ein weiterer essentieller Punkt: Das biologische Alter ist nicht mit dem chronologischen Alter gleichzusetzen: das biologische Alter spiegelt den Grad der körperlichen und geistigen Fähigkeit wider und kann zwischen Menschen mit gleichem chronologischem Alter sehr variabel sein. Das biologische Alter hingegen kann anhand des geriatrischen Assessments sowie der Vorerkrankungen und Polypharmazie eingeschätzt werden. Diese Einschätzung hilft dabei, eine adaptierte Behandlungsempfehlung zu geben.

DGRh-Kongress 2023: "Blick über den Tellerrand"

Vom 30.08. bis zum 02.09.2023 kommt die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie im Rahmen ihres 51. Fachkongresses zusammen, um sich zum gesamten Spektrum der Rheumatologie auszutauschen – von der klinischen Rheumatologie über den praktischen Versorgungsalltag hin zur experimentellen Rheumatologie mit innovativen Entwicklungen und zum interdisziplinären "Blick über den Tellerrand". Alle Highlights finden Sie in der 
esanum-Berichterstattung.

Referenzen:
  1. Dr. Björn Bühring, Sitzung: Herausforderungen in der Diagnostik von entzündlich rheumatischen Erkrankungen im Alter, DGRh Kongress 2023, 1.09.2023
  2. Filippou G, Scirè CA, Adinolfi A, Damjanov NS, Carrara G, Bruyn GAW, Cazenave T, D'Agostino MA, Delle Sedie A, Di Sabatino V, Diaz Cortes ME, Filippucci E, Gandjbakhch F, Gutierrez M, Maccarter DK, Micu M, Möller Parera I, Mouterde G, Mortada MA, Naredo E, Pineda C, Porta F, Reginato AM, Satulu I, Schmidt WA, Serban T, Terslev L, Vlad V, Vreju FA, Zufferey P, Bozios P, Toscano C, Picerno V, Iagnocco A. Identification of calcium pyrophosphate deposition disease (CPPD) by ultrasound: reliability of the OMERACT definitions in an extended set of joints-an international multiobserver study by the OMERACT Calcium Pyrophosphate Deposition Disease Ultrasound Subtask Force. Ann Rheum Dis. 2018 Aug;77(8):1194-1199. doi: 10.1136/annrheumdis-2017-212542. Epub 2018 Mar 13. PMID: 29535120.
  3. Mavragani CP, Moutsopoulos HM. Rheumatoid arthritis in the elderly. Exp Gerontol. 1999 Jun;34(3):463-71. doi: 10.1016/s0531-5565(98)00072-2. PMID: 10433401.
  4. Barkhausen T, Junius-Walker U, Hummers-Pradier E, Mueller CA, Theile G. "It's MAGIC"--development of a manageable geriatric assessment for general practice use. BMC Fam Pract. 2015 Jan 22;16:4. doi: 10.1186/s12875-014-0215-4. PMID: 25608946; PMCID: PMC4320637.
  5. Briggs R, McDonough A, Ellis G, Bennett K, O'Neill D, Robinson D. Comprehensive Geriatric Assessment for community-dwelling, high-risk, frail, older people. Cochrane Database Syst Rev. 2022 May 6;5(5):CD012705. doi: 10.1002/14651858.CD012705.pub2. PMID: 35521829; PMCID: PMC9074104.