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Vom Aufstieg und Fall der Familie Sackler

"Keiner hat den Charakter des medizinischen Marketings mehr geprägt als das Multitalent Dr. Arthur Sackler", heißt über den Mann, dessen Familienname heute als Synonym für die Opioid-Epidemie steht.

Familie Sackler und die Anfänge der Opioid-Epidemie

"Keiner hat den Charakter des medizinischen Marketings mehr geprägt als das Multitalent Dr. Arthur Sackler", heißt es in der Medical Advertising Hall of Fame über den Mann, dessen Familienname heute als Synonym für die Opioid-Epidemie steht.

Als "Leben kostend...Gemeinden verwüstend", beschrieb Obama die Opioid-Epidemie. Die medizinische Werbung war, wie es kürzlich ein Beitrag im Lancet ausdrückte, die "Hochglanzfront" dieser Epidemie.1 Hinter deren Anfängen standen drei Generationen der Familie Sackler, deren Vermögen durch Valium aufgebaut und deren Ruf durch Oxycodon zerstört wurde.

Nach etwa 50 Jahren wird das Elend der Sucht nach dem von den Sackler-Firmen hergestellten Oxycodon anerkannt

Bevor die Sacklers als feiner Drogenclan bekannt wurden, hatten sie dank ihres philantropischen Engagements Zugang zu den höchsten Ebenen der Gesellschaft. Zig Millionen spendeten sie an die berühmtesten Museen der Welt, an Universitäten. Doch diese Spenden gab es nicht "einfach geschenkt". Die Gegenleistung: ihr Name sollte einflussreich und demonstrativ zur Geltung gebracht werden: im Metropolitan Museum in New York war der Flügel mit dem altägyptischen Dendur-Tempel nach der Familie benannt. Das Guggenheim Museum, das Smithsonian, der Louvre und Universitäten wie Harvard und Oxford widmeten der Familie Räume.2

Arthur M. Sackler (1913-87) war Psychiater, Forscher und Inhaber einer exklusiven Marketingagentur. Im Jahr 1952 kaufte er zusammen mit seinen Brüdern Mortimer und Raymond ein kleines Pharmaunternehmen, Purdue Frederick. Arthur konzipierte das Marketing für Valium und baute das erste große Sackler-Vermögen auf. In den 90ern entwickelten sie schließlich das neue Schmerzmittel Oxycontin, 1995 erfolgte dessen Markteinführung. 

Dass Arthur Sackler 1997 in die Hall of Fame der Medizinwerbung (Medical Advertising Hall of Fame, MAHF) aufgenommen wurde, liegt vor allem darin begründet, wie er Marketing in die Medizin brachte.
Purdues Marketingexperten sorgten dafür, dass Schmerzen nicht mehr als Symptom galten, sondern dass der Schmerz selbst behandelt wurde. Als Arthur Sackler sich um Finanzmittel für die Erforschung medikamentöser Therapien für psychische Erkrankungen bemühte, gab er auch die Zeitschrift The Medical Tribune heraus, die ihrerseits durch Pharmawerbung finanziert und kostenlos an Ärzte verteilt wurde.1
Oxycontin stellte den Durchbruch für das Unternehmen dar. Das Medikament erzielte einen Umsatz von rund 35 Milliarden Dollar.3 Mit einem Vermögen von 14 Milliarden Dollar stand die Familie 2015 auf der Top 20 "Forbes"-Liste der reichsten US-Familien – noch vor den Rockefellers. Der Preis: eine öffentliche Gesundheitskrise ungeahnten Ausmaßes. Die Zahl der Drogentoten hat sich zwischen 1995 und 2019 versechsfacht. 2019 starben über 70% von ihnen an Opioiden wie Oxycodon.

Das Ende der Ära Sackler: Was macht die Familie heute?

Patrick Radden Keefe portraitierte die Geschichte der Sackler-Dynastie in einem explosiven Buch, welches inzwischen mehrere Nominierungen und Preise erhalten hat und in Windeseile zum New York Times Bestseller wurde: The Empire of Pain. Eingangs beschreibt er die Persönlichkeiten der Brüder Sackler am Beginn ihres sozialen Aufstieges, ihren Charakter, ihre Weltanschauung und ihre Besonderheiten. Ein Leser schreibt in einer Rezension: "Ich hatte [] den Eindruck, alle ziemlich gut zu kennen und habe mich gewundert, dass es keine Anzeichen für irgendeine kriminelle Energie gab."4 Doch Keefe ist für seine erschöpfende Recherchetiefe bekannt, räumte auch bereits Preise für sein vorangehendes Werk "Say Nothing" ab. Anschließend entwickelt sich sein Buch zu etwas, das von vielen Lesern wie ein Grisham-Thriller beschrieben wird, ein Buch eben, bei dem man immer wissen muss, was auf der nächsten Seite kommt. Am Ende jedes Kapitels platzt die nächste unerwartete Bombe.

"Großartiges Buch, gut geschrieben und schwer zu begreifen, dass die Familie Sackler so lange mit ihren Taten davonkommen konnte. Und selbst jetzt scheint sich nichts geändert zu haben oder ihren Reichtum zu beeinträchtigen. Unfassbar und verstörend." So oder ähnlich ist es in vielen Rezensionen zu lesen.4

Das Buch reicht dabei hinsichtlich der Ereignisse quasi bis an seinen eigenen Veröffentlichungszeitpunkt heran. Nachdem es tausende Klagen von Betroffenen und Hinterbliebenen gehagelt hatte, bekannte sich Purdue Pharma der strafrechtlichen Vorwürfe im Zusammenhang mit der Vermarktung des Medikaments schuldig, einschließlich Schmiergeldzahlungen an Ärzte, und erzielte einen Milliardenvergleich. Die Sacklers konnten sich mit einer Konkursvereinbarung und Geldstrafen freikaufen und befinden sich derzeit alle weiterhin auf freiem Fuß.1
 

Quellen: