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Telefonische Krankschreibung - gut! Aber warum erst jetzt?

Die Berliner Hausärztin Dr. Petra Sandow ist froh, dass sie Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen wieder telefonisch ausstellen darf. Ganz zufrieden ist sie dennoch nicht.

Verzögerte Entscheidungsfindung und systemische Hürden

Na endlich! Der Bundesausschuss hat sich einen Ruck gegeben und den Weg frei gemacht für die weitere, seit Corona gut eingespielte telefonische Krankschreibung.

Ende gut, alles gut? Ich weiß nicht. 

Das Procedere und die Dauer der Entscheidungsfindung lässt leider darauf schließen, wie zäh und schwerfällig es bei uns weiterhin läuft, wenn es um sinnvolle Erleichterungen im Praxisalltag geht - um weniger Arbeitsaufwand mit gleichen Resultaten und weniger Bürokratie. 

Es war spätestens seit Anfang Herbst bekannt, dass die Atemwegserkrankungen wieder durch die Decke gehen würden, dass auch Corona wieder an Fahrt aufnimmt, dass die Praxen sich enorm füllen würden und Patienten, die mit einem verstauchten Zeh in die Praxis kommen, von dort gleich noch ein Virus mit nach Hause nehmen könnten.

Aber die Zuständigen ließen sich Zeit und taten sich schwer.

Kann man nicht endlich einen Mechanismus beschließen und fest implementieren, damit unter bestimmten Bedingungen die telefonische Krankschreibung einfach Usus wird? Kann man die technischen Hürden, die es bei den Krankenkassen und bei manchem Arbeitgeber noch gibt, nicht endlich abbauen, damit das System künftig für alle rund läuft?

In der Coronazeit hatte die telefonische AU monatelang wunderbar funktioniert. Wegen verschiedener Infekte ohne Atemnot musste sich keiner auf den Weg machen und keiner zu uns kommen. Die Erfahrung war sehr positiv und darauf hätte man jetzt eigentlich unkompliziert zurückgreifen können. Und auch müssen! Die Sorge, dass sich zu viele Leute auf einer Krankschreibung ausruhen würden, teile ich so nicht. Wir sehen eher das Problem, dass Menschen auch zur Arbeit gehen, wenn sie sich nicht gut fühlen - weil sie Angst um ihre Jobs haben. 

Bedenken und Hoffnungen

Lange hatte der Gesundheitsminister ja bereits angekündigt, dass es wieder zur telefonischen Krankschreibung kommen würde - nur Deutschland braucht eben  immer etwas länger. Wir saßen also täglich in den Startlöchern, hatten jeden Tag Dutzende von Patienten, die einfach nur eine AU brauchten, für die wir wegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit ohnehin oft nichts weiter tun konnten, nur eben den Zettel über den Tisch schieben. Derweil haben die Patienten ihre Viren und Bakterien munter in unseren Praxisräumen verteilt. Wir standen täglich Gewehr bei Fuß und haben auf die erlösende Entscheidung gewartet. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Ohnmacht konnte sich da durchaus einschleichen - nicht nur bei mir. Schon vor der Entscheidung des Bundesausschusses haben ständig Patienten bei uns angerufen und gebeten, sie per Telefon krank zu schreiben. Ich musste mich täglich neu schlau machen, was aktuell gilt: telefonische AU oder nicht? Und ich musste es Patienten immer wieder erklären, dass es jetzt leider nicht möglich ist, sie per Telefon krank zu schreiben, obwohl sie es ja damals so schon einmal erlebt hatten. Warum also nicht jetzt? Diplomatische Antworten waren schwer zu finden.

Eine Überlegung, die zu dem ausgiebigen Zögern der Verantwortlichen geführt haben könnte, ist neben Sorgen vor einem Missbrauch der Regelung vielleicht auch die Hoffnung, dass man auf diese Weise in den Praxen mehr Abstriche bekommt, also mehr Daten zum Infektionsgeschehen. Aber wir haben ja in der Realität gar keine Zeit, neben Corona jeden Erreger zu bestimmen. 

Enttäuschung über anhaltende Benachteiligung

Und nun? Ende gut, alles gut? Nein.

Ich bin es leid, dass wir niedergelassenen Hausärzte immer die letzten sind, die man entlastet. Einfach weil wir es ja irgendwie immer schaffen, unter schwierigsten Umständen zu funktionieren.

Jetzt haben wir endlich eine Arbeitserleichterung, nachdem monatelang alle gestöhnt haben, dass die Arbeit kaum noch zu schaffen ist. Jetzt hoffen wir, dass die technischen Vorgänge gut laufen, sodass die elektronischen Krankschreibungen die Arbeitgeber tatsächlich korrekt erreichen. Das ist ja leider auch nicht in jedem Fall gegeben. Zusammengefasst: Ich bin erleichtert, dass neuerdings Patienten mit Atemwegserkrankungen nicht mehr in dem Maße die Wartezimmer füllen und stattdessen unkompliziert zu Hause bleiben können. Und ich erwarte für die Zukunft situativ angepasste, gesundheitspolitische Entscheidungen, die uns Ärzten und unseren Patienten gerecht werden. Und das bitte jeweils zügig!