Springer Medizin benennt Fachzeitschriften um. Ein Kommentar Logo of esanum https://www.esanum.de

Springer springt zu kurz

Der Traditionsverlag Springer Medizin rühmt sich, mit der Umbenennung seiner Zeitschriftentitel einen wichtigen Schritt nach vorn zu tun: Hin zu mehr Gendergerechtigkeit, mit Fokus auf das Wissen, das alle teilen. Alles gut - aber eben nicht schön.

Aus "Der Chirurg" wird NICHT "Die Chirurgin"

Auf den ersten Blick scheint es vielversprechend: Eine Frau in konservativ-karierter Bürojacke hält die neu betitelte Fachzeitschrift in der Hand, und zwar so, dass ihre rot lackierten Fingernägel das Ende des Titels verdecken. “Die Chirurg…” liest man da, und das Autorinnenherz jauchzt, bereits an den eigenen Titel denkend: Aus "Der Chirurg" wird "Die Chirurgin"!

Aber so ist es eben nicht. So mutig sind deutsche Texter nicht. Von den Männern zu verlangen, dass sie sich bei "Die Chirurgin" mitgemeint fühlen, so wie jahrzehntelang meine Mutter als niedergelassene Dermatologin "Der Hautarzt" las und nicht darüber murrte, dass sie mit diesem Titel auch angesprochen ist, das wäre nun wirklich mal was Neues. Das wäre nicht so korrekt wie die karierte Bürojacke des Fotomodells. Das wäre kreativ und würde Männern und Minderheiten, denn schließlich gibt es auch Trans-Ärzte, eine großzügige Lesart abverlangen: Dass mal eine Zeitlang die Frauen auf dem Titel stehen dürfen. Muss ja nicht für immer sein, in zehn Jahren könnte man den Titel "Chirurgx" nennen. 

Gleichstellung "light"

Undenkbar? Offenbar für den Springer Medizin Verlag. "Der Chirurg" heißt jetzt "Die Chirurgie", "Der Kardiologe" heißt "Die Kardiologie" und so weiter und so fort durch alle Fachbereiche. Und die Begründung ist sehr überzeugend, dass es schließlich jenseits von Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft um den wissenschaftlichen Inhalt ginge. Zitat eines Herausgebers: "Der neue Titel ist eine salomonische Lösung, er fokussiert auf das Fach, so einfach ist das." 

Neutralisierung statt Positionierung

Und je weiter man in der Online-Meldung liest, desto besser klingt das alles. Zugegeben, auch wir bei esanum folgen nicht dem Motto "Frechheit siegt", sind kein Netzwerk von Ärztinnen für Ärzte, und wir veranstalten weiterhin den Hausarzt-Tag und nicht den Hausärztinnen-Tag. Mir ist schon klar, dass es schwierig ist, einen Titel zu finden, der sowohl gerecht als auch kurz und knackig ist. Aber es ändert nichts daran, dass der alte Titel der Springer-Zeitschriften den Leser ansprach - oder die Leserin. Hallo Hautarzt, du bist wichtig, du bist für deine Patienten ein sehr wichtiger Mensch. Um dich und deine (medizinischen) Probleme geht es bei dieser Fachzeitschrift. Jetzt geht es um das Gebiet. Die Gender-korrekten Bezeichnungen sind häufig eine Neutralisierung, damit aber auch eine Entsinnlichung, Entmenschlichung.

Man könnte es natürlich auch anders sehen: Ein Gebiet ist etwas, das dazu anreizt, es zu erobern. In diesem Sinne könnte die Gebietsbezeichnung als Titel dann doch wieder ein Stimulans sein, die Zeitschrift aufzuschlagen. Aber da hätte der Springer Verlag den Artikel weglassen müssen: "Chirurgie", so wie "Amerika". Das hätte allerdings bedeutet, mit der Tradition zu brechen, und so weit wollte man dann doch nicht gehen.
 

Die originale Pressemitteilung von Springer finden Sie hier.