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Interaktionen zwischen Nahrungsmitteln und Pharmaka: häufiger und gravierender als gedacht

Dass die Interaktion zwischen Nährstoffen und Arzneimitteln nicht unterschätzt werden sollte, zeigte sich auf einer Vortragssitzung auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) im Kongress Palais in Kassel.

DGEM-Kongress: Ernährung 2018

Dass die Interaktion zwischen Nährstoffen und Arzneimitteln nicht unterschätzt werden sollte, zeigte sich auf einer Vortragssitzung auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) im Kongress Palais in Kassel.

Schon eine Arzneimitteltherapie im Rahmen der Ernährungstherapie birgt verschiedene Risiken, wie Prof. Dr. Roland Radzivill, Leiter der Apotheke des Klinikums Fulda und des Patienten-Beratungszentrums deutlich machte. Hauptsächlich, so Radzivill, treten Probleme auf bei:

  • geriatrischen Patienten
  • multimorbiden Patienten
  • parentalen Arzneimittelmischungen (Stabilitätsminderung, Inkompatibilitäten)

In der der Regel sind aber Arzneimittel die Ursache für Probleme in der Ernährungstherapie.

Arzneimittel, so Radzivill, beeinflussen die Nährstoffaufnahme, vor allem die Vitaminaufnahme. So kommt es zu einer verringerten Aufnahme der Vitamine D, K und B6 und B12 und auch zu einer Störungen des Natriumhaushaltes (va. durch Diuretika, Antidepressiva, Antipsychotika und NSARs).

Weitere Auswirkungen verschiedener Arzneimittel sind:

  • Anorexie (Cholinesterase-Ihnhibitoren, Antibiotika, Herzglykoside, Hypnotika)
  • Frühes Sättigungsgefühl (Anticholinergika, Sympathomimetika)
  • Einschränkung der Nahrungsaufnahme (Opioide, Sedativa)
  • Dysphagie (NSAR)
  • Obstipation (Opioide, Diuretika)
  • Diarrhoe (Laxantien, Antibiotika)

Hinzu kommt bei der Arzneimitteltherapie der Aspekt der Polypharmazie: Also den  gleichzeitigen Gebrauch von 5 und mehr Medikamenten/Wirkstoffen pro Patient. Eine exzessive Polypharmazie liegt beim Gebrauch von ≥ 10 Arzneimitteln vor. Im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen gilt folgende Faustformel: Ab 5 Arzneimitteln/Wirkstoffen verdoppelt sich das Nebenwirkungsrisiko und ab 7 bis 8 Arzneimitteln verdreifacht es sich.

Arzneimittel nehmen Einfluss auf den Ernährungstatus eines Patienten durch folgende Faktoren:

  • Appetitverlust
  • Übelkeit
  • Diarrhoe
  • Geschmacksveränderungen
  • Abnahme der Speichelproduktion
  • Veränderung des Glucosestoffwechsels
  • Beeinflussung der Pharmakokinetik (Passagezeit, Resorption, Verteilung, Metabolismus, Ausscheidung)

Daraus ergibt sich ein erhöhtes Risiko für Gewichtsverlust. Bei Alterspatienten, die ≥ 5 Arzneimittel einnehmen ist das Risiko Gewicht (4,5 kg/Jahr) zu verlieren um das Dreifache erhöht. Das führt zu einer geringeren Energieaufnahme im Alter. Bedenken sollte man aber auch, dass Polymedikation auch ein Ausdruck von höherer Morbidität ist.

Wie lassen sich die Auswirkungen einer Arzneimitteltherapie auf den Ernährungsstatus verringern? Radzivill rät zu folgendem Vorgehen:

  • Kritische Indikationsstellung für eine Arzneimitteltherapie
  • Beschränkung auf das Wesentliche (weniger ist oft mehr, Compliance)
  • Vollständige Arzneimittelanamnesen (inkl. Selbstmedikation)

Arzneimittel haben hauptsächlich Einfluss auf die Nahrungsaufnahme, da sie die Pharmakokinetik und nicht die –dynamik verändern. Sie wirken sich vor allem auf Resorptionsvorgänge aber auch auf den Appetit aus. Deshalb sollte man auch bei(supplementierender) Trinknahrung und enteraler Ernährung vorsichtig sein. Wobei die parenterale Ernährung weniger betroffen ist.

Dass die Interaktionen zwischen Nahrungsmitteln/Nahrungsergänzungsmitteln bei Krebspatienten mit oralen Antitumortherapeutika gravierend sein können, das machte Dr. Jürgen Barth, Apotheker für Klinische Pharmazie und Studienkoordinator am Universitätsklinikum Gießen, deutlich. Zur oralen Antitumortherapie stehen 70 Therapeutika zur Verfügung. Anwendungsfehler finden dabei immer noch viel zu wenig Beachtung. So ist der Zeitpunkt der Einnahme der Mittel ausgesprochen relevant, werde aber in der Praxis viel zu wenig beachtet, betont Barth.

Nahrung oder Nahrungsbestandteile können zu nachteiligen Reaktionen führen z.B.:

  • verzögerte Magenpassage, Verzögerung der Resorption. (Was, wenn schnelle Spitzenspiegel erreicht werden müssen?)
  • Zersetzung, verringerte Löslichkeit, Reaktionen mit Nahrungsbestandteilen; Verminderung der Bioverfügbarkeit
  • Verbesserung der Auflösung; Steigerung der Bioverfügbarkeit (Toxizität) (Erlotinib, Lapatinib, Nilotinib, Pazopanib, Atripla®)
  • Nahrung kann notwendig sein um eine ausreichende Bioverfügbarkeit zu gewährleisten
  • Verbesserung der Bioverfügbarkeit (Cobicistat, Dasabuvir, Elvitegravir, Rilpivirin, Ritonavir, Tenofovir, Simeprevir, Sofosbuvir, Viekirax®, Posakonazol).

Barth empfiehlt zur Einnahme grundsätzlich Leitungswasser zu trinken und das in ausreichender Menge (mind. 100 ml) und hinreichend großen Schlucken zu tun. Gerade bei schwerkranken Patienten, die in Rückenlage ihre Medikamente einnehmen müssen besteht sonst die Gefahr, dass die Substanz nicht richtig geschluckt wird und ein Teil in der Speiseröhre verbleibt.

Vielfach unterschätzt werden immer noch die Effekte von Grapefruit-Inhaltsstoffen auf orale Medikamente. Verursachen kann das ua.:

  • Enzymhemmung während der ersten Passage in der Darmwand
  • Folge: Überdosierung z.B. bei CSE-Hemmern
  • Mechanismus-basierte irreversible Hemmung von CYP3A4 in der Darmwand
  • Langfristige Hemmung auch nach Einmalgabe
  • Normalaktivität nach de-novo Synthese von CYP3A4
  • Re-Synthese-Halbwertszeiten 44-144 h

Dabei gilt: Je niedriger die Bioverfügbarkeit umso stärker der Inhibitoreffekt (z.B. Simvastatin, Nisoldipin BV < 5%)

Relevante Lebensmittelinteraktionen der Bioverfügbarkeit finden sich bei folgenden Medikamenten:

  • Ibrutinib: Grapefruit, Bitterorangen, Klementinen
  • Olaparib: Grapefruit, Bitterorangen, Klementinen
  • Venetoclax: Grapefruit, Bitterorangen, Klementinen, Sternfrucht
  • Panobinostat: Grapefruit, Bitterorangen, Klementinen, Sternfrucht, Granatapfel

Starke Interaktionen mit Antitumortherapeutika verursachen auch das Johanniskraut und der rote Reis (Red Yeast Rice). Ein Worst Case Szenario der Wechselwirkungen könnte nach Barth dann so aussehen:

  • Der Patient nimmt Lovastatin
  • Und Red Yeast Rice
  • Mit Grapefruitsaft
  • Und ein orales Krebsmedikament

Grundsätzlich beeinflussen Nahrungsmittel, Nahrungsergänzungsmittel (NEM), sonstige Arzneimittel und Genussmittel die Wirkung eines Zytostatikums. Bei den Nahrungsmitteln sind das va. Grapefruit, Bitterorangen, Klementinen, Schokolade, Käse, Hering, Hefe und Grüner Tee, bei den NEM Antioxidantien, Vitamine, Red Yeast Rice. Bei den sonstigen Arzneimitteln OCT, TCM und Phytopharmaka und bei den Genussmitteln Alkohol und Tabak.

Auch bei Psychotherapeutika gibt es ernährungstherapeutisch relevante Nebenwirkungen – das hob Prof. Dr. Martin Smollich, klinische Pharmakologie und Pharmakonutrition der Praxishochschule Rheine hervor. Grundsätzlich sind bei Psychopharmaka metabolische Nebenwirkungen sehr häufig. Darunter fallen Appetitsteigerung/Gewichtszunahme, Hyperurikämie, Fettstoffwechselstörung, Insulinresistenz, Morbidität und Mortalität.

Smollich machte aber auch deutlich, dass die Ursache dafür nicht allein die Psychopharmaka seien: Auch eine Depression selbst erhöht das Risiko für eine Gewichtszunahme und eine Insulinresistenz, es gibt komplexe pathophysiologische Zusammenhänge. Weil es unter Psychopharmaka sowohl zu einer Gewichtsreduktion als auch zu massiven Gewichtszunahmen kommen kann, ist eine wirkstoffspezifische Differenzierung nötig.

Nehmen Patienten Psychopharmaka ein, sollte man in der Ernährungstherapie auf folgende Konsequenzen vorbereitet sein:

  • Geschmacksstörungen
  • Effekte auf Körpergewicht
  • Mundtrockenheit
  • Mikronährstoff-Effekte
  • Interaktionen mit Lebensmitteln

Weiterführende Artikel finden Sie in unserem Diabetes Blog.

Quelle:
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin, Kongress Palais Kassel, 21. Juni bis 23. Juni 2018
Vortragssitzung VDOE: Interaktion zwischen Nährstoffen und Pharmaka