Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Was bringt die Digitalisierung? Logo of esanum https://www.esanum.de

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Was bringt die Digitalisierung?

eHealth gehört zu den Schlagworten der Gesundheitswirtschaft. Die Digitalisierung soll laut Bundesministerium für Gesundheit die Behandlung und Betreuung von Patient*innen schneller und effizienter machen, die Behandlung von immer mehr älteren und chronisch kranken Menschen sowie die medizinische Versorgung strukturschwacher ländlicher Gebiete unterstützen und helfen, teure medizinische Innovationen zu bezahlen<sup>1</sup>.

Die Digitalisierung verspricht gewaltige Fortschritte für Qualität und Effizienz in vielen Bereichen. Sie beschleunigt unseren Alltag, verändert gewohnte Strukturen, Abläufe und auch die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Das kann große Vorteile gerade im Gesundheitssektor bieten: Elektronische Patientenakten (ePA) können helfen, ungewollte Wechselwirkungen bei der Verschreibung von Medikamenten zu vermeiden.2 Telemedizinische Portale ermöglichen den Austausch zwischen Ärzt*innen und Patient*innen, egal wo sie sind.3 Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) unterstützen durch systematische Auswertung medizinischer Daten Diagnostik und Therapie.3 Gesundheits-Apps können chronisch Kranken den Alltag mit ihrer Erkrankung erleichtern.3

In Deutschland haben Projekte wie die Telematikinfrastruktur (TI), das elektronische Rezept (E-Rezept), die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und die ePA in den vergangenen Jahren erst mühsam Fahrt aufgenommen.3,4 Doch es gibt auch Bewegung in der Branche: Immer mehr Digital Health-Startups werden gegründet5, große internationale Technologieunternehmen drängen in den Gesundheitsmarkt, regionale Pilotprojekte loten die Chancen der Telemedizin aus und diverse Gesundheits-Apps versprechen neue Möglichkeiten für Prävention und Versorgung.3

Vor allem die Telemedizin, zu denen auch Wearables (am Körper getragene Computersysteme, die auf die Nutzer*innen oder deren Umwelt bezogene Daten registrieren und verarbeiten) und „electronic Patient-Reported Outcomes“ (ePRO) zählen, hat hierzulande deutlich an Bedeutung gewonnen.3 Großen Anteil daran haben veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die SARS-CoV-2-Pandemie, die Vor-Ort-Termine in der Praxis deutlich erschwerte.6 Inzwischen wird die Telemedizin als reelle Chance betrachtet, Wartezeiten auf Termine bei Fachärzt*innen zu verkürzen und insbesondere den Mangel an Ärzt*innen in strukturschwachen ländlichen Regionen ein Stück weit auszugleichen, indem virtuell problemlos auch weiter entfernt praktizierende Mediziner*innen konsultiert werden können.3

Erfahrungen aus den USA mit der Betreuung von CED-Patient*innen7

Da chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) in der Regel eine Langzeitbetreuung erfordern, kann auch die Gastroenterologie von telemedizinischen Angeboten profitieren. So berichten Spezialist*innen der Cleveland Clinic von ihren Erfahrungen mit der Telemedizin nach der Pandemie und betonen, wie sich Patient*innen und Ärzt*innen das Format der virtuellen Visite zunutze machen. Inzwischen führen 80 % der Ärzt*innen der Klinik virtuelle Besuche durch, vor der Pandemie war es nur jede*r dritte. Die Patient*innen schätzten die Einfachheit, Spezialist*innen aufzusuchen, wann es ihnen passt, ohne in die Klinik fahren und sich in einem großen medizinischen Zentrum zurechtfinden zu müssen. CED-Patient*innen, die am Disease Management-Programm „IBD Medical Home“ teilnehmen, können durch virtuelle Besuche Zeit sparen. Früher haben die Patient*innen an einem Tag Gastroenterolog*innen, Psycholog*innen, Krankenpfleger*innen, Ernährungsberater*innen und Chirurg*innen aufgesucht. Mit den virtuellen Konsultationen konnten sie diese Termine nun nacheinander oder zu verschiedenen Zeiten erledigen. Auf diese Weise haben sie die große Menge an Informationen leichter verarbeitet. Durch spezielle Kameraeinstellungen konnten Ärzt*innen und Patient*innen jederzeit Blickkontakt halten – etwas, das die Patient*innen bemerken und schätzen. Für Notizen und Krankenakten nutzen die Spezialist*innen der Klinik einen zweiten Bildschirm, sodass sie sich nicht abwenden müssen.

Chancen der Telemedizin für Patient*innen mit CED

Persönliche Termine bei Fachärzt*innen sind gerade für Patient*innen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen mit finanziellen Belastungen verbunden, vor allem, wenn sie in einer strukturschwachen Region wohnen, in der es kaum Fach*ärztinnen gibt.8 Wer abseits größerer Städte eine fachärztliche Behandlung benötigt, muss sich auf lange Anfahrtswege und noch längere Wartezeiten einstellen.9 Dass in ländlichen Regionen nicht nur die ärztliche Versorgungsdichte geringer ist, sondern auch die ÖPNV-Anbindung, bedeutet für die Betroffenen und ihre Angehörigen einen besonders hohen Zeitaufwand und hohe Fahrtkosten sowie mögliche Probleme am Arbeitsplatz. Lässt sich ein Teil der regelmäßigen Ärzt*innenbesuche zum Beispiel durch eine Videokonsultation ersetzen, bringt das eine finanzielle und organisatorische Erleichterung - sowohl für die Patient*innen als auch für die Leistungserbringer*innen und das Gesundheitssystem.10

Die Telemedizin erweist sich somit als eine Möglichkeit, die medizinische Versorgung vor allem chronisch kranker Patient*innen zu sichern und dabei zugleich Zeit und Kosten einzusparen. Was sich während der Pandemie als praktikabel bewährt hat, könnte auch einen Beitrag leisten, den wachsenden Herausforderungen im Gesundheitswesen gerecht zu werden. Als Vorteile der Telemedizin haben sich bei der Betreuung von CED-Patient*innen vor allem ein besserer Zugang zu Spezialist*innen sowie das nichtinvasive Fernmonitoring der Erkrankung erwiesen.11 So analysiert zum Beispiel eine Smartwatch die Herzfrequenzvariabilität.12 Wearables messen Entzündungsparameter wie das C-reaktive Protein (CRP), den Tumornekrosefaktor (TNF) und das Interleukin-6 (IL-6) im Schweiß.13 Das bietet ein enormes Potential zur Verbesserung der Versorgung und könnte sogar die Vorhersage der Krankheitsaktivität ermöglichen.11

Kommunikation zwischen Haus- und Fachärzt*innen

Für die kontinuierliche Betreuung chronisch Erkrankter sind in der Regel die Hausärzt*innen die erste Anlaufstelle. Entsprechend wichtig ist eine reibungslose Kommunikation zwischen Primärversorger*innen und Spezialist*innen – doch gerade die gestaltet sich im Alltag schriftlich und telefonisch oft schwierig.14 Telemedizinische Anwendungen können hier Wege zu einer Verbesserung der interdisziplinären Kommunikation und Koordination öffnen, die letztlich der Patient*innenversorgung zugutekommt. Mögliche Settings sind dabei sowohl fach- und berufsgruppenübergreifende Konferenzen über gesicherte digitale Plattformen als auch asynchrone oder sogar synchrone Patient*innenkonsultationen mit mehreren Spezialist*innen per Videoübertragung, wie sie im Rahmen der integrierten Versorgung im Laufe der Pandemie erfolgreich etabliert wurden.15

Patient*innenzufriedenheit und Therapietreue

In der Gastroenterologie kommt die Telemedizin oft auch bei der psychologischen Betreuung und im Rahmen von Disease-Management-Programmen zum Einsatz, die Betroffene bei dem Umgang mit ihrer chronisch-entzündlichen Erkrankung durch verbesserten Zugang zu Spezialist*innen unterstützen soll.16 Studien zeigen, dass sich die Krankheitslast bei CED, Reizdarm und Zöliakie durch eine ergänzende telemedizinische Versorgung verringern und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern lässt.17 Die Patient*innen profitieren von der engeren gastroenterologischen Betreuung per eHealth sowohl hinsichtlich ihrer Lebensqualität als auch ihres Stresslevels, der Adhärenz und des Krankheitswissens sowie insbesondere der erforderlichen Klinikaufenthalte.18

Neues Whitepaper bringt praxisnahes Wissen zum Thema Digitalisierung

Wie sich der digitale Wandel in der Medizin – insbesondere bei der Versorgung von Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen – in der Praxis nutzen lässt, erfahren Sie in unserem neuen Whitepaper. Sie können es hier kostenlos herunterladen.

Referenz

  1. Bundesministerium für Gesundheit. Digitalisierung im Gesundheitswesen. www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/digitalisierung/digitalisierung-im-gesundheitswesen.html Letzter Zugriff: 11.05.2023.
  2. Gematik. Elektronische Patientenakte für alle. www.gematik.de/media/gematik/Medien/ePA/Dokumente/gematik_ePA_fuer_alle_print.pdf
    Letzter Zugriff: 12.05.2023.
  3. Bratan T, et al. E-Health in Deutschland: Entwicklungsperspektiven und internationaler Vergleich, Studien zum deutschen Innovationssystem, No. 12-2022, Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Online verfügbar: http://hdl.handle.net/10419/251366 Letzter Zugriff: 12.05.2023.
  4. Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2018. Online verfügbar: www.bmwk.de/Redaktion/DE/Downloads/C-D/digitalisierungsprofil-gesundheitswesen-2018.pdf?__blob=publicationFile&v=2 Letzter Zugriff: 20.3.2023
  5. Spiske S. Health Tech Startups verändern das System. DMEXCO 2023. Online verfügbar: https://dmexco.com/de/stories/health-tech-startups-veraendern-das-system/ Letzter Zugriff: 12.05.2023.
  6. Solitano V, et al. IBD goes home: from telemedicine to self-administered advanced therapies. Expert Opin Biol Ther. 2022;22(1):17-29.
  7. Cleveland Clinic. Telehealth for Gastroenterology Patients. Online verfügbar: https://consultqd.clevelandclinic.org/telehealth-for-gastroenterology-patients-past-the-pandemic/
  8. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Ärztemangel in ländlichen Regionen. Gesundheit in Deutschland, 2015. Online verfügbar: www.gbe-bund.de/gbe/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=26011) Letzter Zugriff: 20.03.2023.
  9. Zi/KBV Update Fachärztliche Internisten je 100.000 Einwohner in den Jahren 2013. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). Versorgungsatlas-Bericht Nr. 15/04. Berlin 2015. Online verfügbar: www.versorgungsatlas.de/themen/alle-analysen-nach-datum-sortiert?tab=2&uid=45&cHash=d6141ef2e2d3ac9adea26ea8df56cb6e Letzter Zugriff: 20.03.2023.
  10. Gajarawala SN, Pelkowski JN. Telehealth Benefits and Barriers. The Journal for Nurse Practitioners 2021;17:218-21.
  11. Rowan C, Hirten R. The future of telemedicine and wearable technology in IBD. Curr Opin Gastroenterol. 2022;38(4):373-81.
  12. Rapaport L. Apple Watches Help Predict IBD Flares in Small Study. Everyday Health 2023. Online verfügbar: www.everydayhealth.com/ibd/apple-watches-help-predict-ibd-flares-in-small-study/ Letzter Zugriff: 03.04.2023.
  13. Susman E. Wearable Tech Shows Promise for Predicting IBD Flares. MedPage Today 2023. Online verfügbar: www.medpagetoday.com/meetingcoverage/ccc/102739 Letzter Zugriff: 03.04.2023.
  14. Bönsch R. Ärzte in Praxen kommunizieren immer noch per Telefon und Fax. vdi Nachrichten. 3.2.2021. Online verfügbar: www.vdi-nachrichten.com/technik/gesundheit/aerzte-in-praxen-kommunizieren-immer-noch-per-telefon-und-fax/. Letzter Zugriff: 12.5.2023.
  15. Potthoff LM. Telemedicine and Integrated Multidisciplinary Care for Pediatric IBD Patients: A Review. Children (Basel). 2021;8(5):347.
  16. Cloutier A, et al. Successful implementation of remote video consultations for patients receiving home parenteral nutrition in a national UK Centre. Frontline Gastroenterology 2020;11:280-4.
  17. Knowles SR, Mikocka-Walus A. Utilization and efficacy of internet-based eHealth technology in gastroenterology: a systematic review. Scand J Gastroenterol. 2014;49(4):387-408.
  18. Rohde JA, et al. Impact of eHealth technologies on patient outcomes: a meta-analysis of chronic gastrointestinal illness interventions. Transl Behav Med. 2021;11(1):1-10.

Biogen-207075 v1.0 04/2023