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Cannabis für den Freizeitkonsum: Wie geht es weiter mit Medizinalcannabis?

Schon im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung wurde festgelegt: Die kontrollierte Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken soll kommen. Doch was bedeutet die Legalisierung für Patientinnen und Patienten von Medizinalcannabis?

Versorgung mit Medizinalcannabis schützen und verbessern

Die medizinische Nutzung von Cannabis geht auf 2.700 vor Christus zurück1 und findet seit der Legalisierung von Medizinalcannabis in 2017 auch in Deutschland Anwendung. Die Wirkstoffe, die sogenannten Phytocannabinoide, können bei zahlreichen Indikationen eingesetzt werden. Denn das körpereigene Endocannabinoidsystem ist im ganzen Körper verteilt und an der Homöostase verschiedener Prozesse beteiligt, beispielsweise bei der Schmerzwahrnehmung und bei immunologischen Prozessen2. So können beispielsweise andere Schmerzmedikamente wie Opioide bei chronischen Schmerzen durch die Einnahme von Cannabis ersetzt werden3.

Die Entwicklungen in anderen Ländern haben gezeigt, dass durch eine Legalisierung der Zugang zu Cannabis erleichtert werden kann - sowohl für Patientinnen und Patienten, als auch für Freizeit-Konsumentengruppen. In einigen Staaten der USA ging die Verschreibung von Medikamenten nach der Legalisierung im Freizeitbereich signifikant zurück. Dies könnte darauf hinweisen, dass Patientinnen und Patienten den Markt gewechselt haben und sich nun selbst therapieren. Der Rückgang der Verschreibung fällt in Bereiche, die durch Cannabis behandelt werden können (z. B. Schmerzen, Depressionen, Angstzustände, Schlaf, Psychosen, Anfälle)4. Eine Studie5 besagt, dass kanadische Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose zu 74 Prozent Cannabis in Selbstmedikation anwendeten und keine Aufklärung und Beratung von Fachpersonal erhielten.

Medizinalcannabis: nach wie vor schwer zugänglich

Das sollte in Deutschland auf jeden Fall verhindert werden. Doch wie ist die Lage hierzulande? Trotz des nachgewiesenen Nutzens bleibt medizinisches Cannabis auch nach fünf Jahren Cannabis als Medizin-Gesetz für viele Patientinnen und Patienten schwer zugänglich. Die Verschreibung und Kostenerstattung sind mit hohen Hürden verbunden. Unter anderem der Genehmigungsvorbehalt der gesetzlichen Krankenkassen führt dazu, dass viele Betroffene ihre Cannabistherapie aktuell selbst finanzieren müssen.

Darüber hinaus besteht das Risiko wie in den USA, dass Patientinnen und Patienten aus Kostengründen auf das zukünftige Genusscannabis ausweichen könnten. Eine Cannabistherapie sollte immer in Begleitung von medizinischem und pharmazeutischem Fachpersonal erfolgen. Eine Form der Selbstmedikation muss verhindert werden.

Der Bundesverband Pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen e.V. (BPC) fordert den Gesetzgeber daher auf, die Verschreibung und Kostenerstattung von medizinischem Cannabis zu vereinfachen, die Therapiehoheit der Ärzteschaft zu stärken und den Genehmigungsvorbehalt abzuschaffen.

Wie kann der Schwarzmarkt verdrängt werden?

Die Ziele der Legalisierung von Cannabis als Genussmittel können nur erfolgreich erreicht werden, wenn dem deutschen Markt von Anfang an qualitätsgesicherte Produkte ausreichend zur Verfügung stehen, um den Schwarzmarkt effektiv zu verdrängen. Daher ist es aus Sicht des Verbandes von großer Relevanz, sich frühzeitig mit der Versorgungskette auseinander zu setzen.

Wie auch bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Medizinalcannabis wird es für den Markt mit Genusscannabis notwendig sein, sowohl eine nationale Produktion als auch den Import aus EU- und Nicht-EU-Ländern zu ermöglichen. Anders als bei medizinischem Cannabis sollte ein zentraler Ankauf und eine zentrale Distribution der Produktionsmengen von Genusscannabis durch eine staatliche Stelle vermieden werden.

Der Bedarf von Genusscannabis wird konservativ auf ca. 400 Tonnen pro Jahr geschätzt. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass sich auch der Marktbedarf nach Cannabinoid-Arzneimitteln über die letzten Jahre stetig erhöht hat und zur Sicherstellung des Patientenwohls vorrangig gedeckt werden muss.

Sie interessieren sich für den Einsatz von Medizinalcannabis?

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Der Bundesverband pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen (BPC) e.V. richtet am 23. September 2022 ein CME-zertifiziertes Fachsymposium zum Thema Cannabinoide in der Medizin in Berlin aus. Von den Grundlagen bis zum Einsatz von Cannabis in verschiedenen Fachrichtungen und Praxistipps werden Ihnen vor Ort renommierte Referentinnen und Referenten den Einstieg in diese Therapieform ermöglichen. Weitere Informationen und die Anmeldung finden Sie unter https://bpc-deutschland.de/fachsymposium/.

Referenzen: 

1. Müller-Vahl K, Grotenhermen F.: “Cannabis und Cannabinoide in der Medizin”. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2019.
2. Mechoulam R, Parker LA. The endocannabinoid system and the brain. Annu Rev Psychol. 2013;64:21-47. doi:10.1146/annurev-psych-113011-143739
3. Greis A, Larsen E, Liu C, Renslo B, Radakrishnan A, Wilson-Poe AR. Perceived Efficacy, Reduced Prescription Drug Use, and Minimal Side Effects of Cannabis in Patients with Chronic Orthopedic Pain [published online ahead of print, 2021 Nov 12]. Cannabis Cannabinoid Res. 2021;10.1089/can.2021.0088. doi:10.1089/can.2021.0088
4. Raman S, Bradford A. Recreational cannabis legalizations associated with reductions in prescription drug utilization among Medicaid enrollees [published online ahead of print, 2022 Apr 15]. Health Econ. 2022;10.1002/hec.4519. doi:10.1002/hec.4519
5. Santarossa TM, So R, Smyth DP, Gustavsen DS, Tsuyuki DRT. Medical cannabis use in Canadians with multiple sclerosis. Mult Scler Relat Disord. 2022;59:103638. doi:10.1016/j.msard.2022.103638