"Nutznießer"-Aussage von Merz: Ärztin widerspricht und erklärt warum Logo of esanum https://www.esanum.de

„Wir sind keine Nutznießer, wir sind Leistungserbringer" – eine HNO-Ärztin über Merz, Politik und ihre Zukunft

Ein TV-Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz sorgt für Empörung in der Ärzteschaft. Eine HNO-Fachärztin aus Herne ordnet die Debatte ein und erklärt, warum echte Strukturreformen an der Politik bislang vorbeigehen und was das mit ihrer eigenen Zukunftsplanung macht.

Dr. med. Patricia Gosens, Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde* 

Am 27. August 2026 traf Bundeskanzler Friedrich Merz im RTL-Format „Am Tisch mit Friedrich Merz“ auf die Kinderärztin Dr. Maria Bea Merscher. Merscher kritisierte die geplante Gesundheitsreform scharf; Merz entgegnete: „Da sind Sie als Teil dieses Gesundheitssystems auch Nutznießer. Sie als Ärztin, Sie könnten ohne dieses Gesundheitssystem nicht leben.“ Die Aussage löste in der Ärzteschaft, auch auf Social Media, breite Kritik aus.

„Wir sind keine Nutznießer“

Patricia Gosens hat die Aussage nach eigenen Worten „mehrfach anhören“ müssen – und widerspricht deutlich: „Wir sind keine Nutznießer, wir sind Leistungserbringer. Und ohne uns gibt es das Gesundheitssystem nicht. Dazu zählen nicht nur wir Ärzt:innen, sondern auch Psychotherapeut:innen, Pflegekräfte, MFAs, Heilmittelerbringer:innen - und so viele mehr. Wir haben einen sozialen Beruf gewählt, um mit unserem Wissen die Menschen hochwertig medizinisch zu versorgen. Und ja, für diese Leistung werden wir vergütet. Gleichzeitig tragen wir aber auch das Gesundheitssystem, selbst unter diesen realitätsfernen Rahmenbedingungen.“

Wie sie den Vorfall persönlich einordnet:
„Es geht hier nicht um die einzelne Wortwahl. Wir Bürger:innen dürfen von unserem Bundeskanzler erwarten auch in einem kritischen Dialog wertschätzend behandelt zu werden.”

„Die Bundesregierung spricht von einer Gesundheitsreform – so wie das Gesetz vorliegt ist es meiner Meinung nach keine Reform”

Vorausgegangen war dem Gesetz die Arbeit der eigens eingesetzten Finanzkommission Gesundheit. Sie teilte ihre Vorschläge in drei Kategorien ein: Kategorie A* für Maßnahmen mit erwarteten positiven Auswirkungen auf die Versorgung, Kategorie A für Maßnahmen ohne erwartbare negative Folgen und Kategorie B für Maßnahmen mit unsicheren oder potenziell negativen Auswirkungen.

„Die Frage ist, wo ist das Sparpotential, ohne eine hochwertige medizinische Versorgung kaputt zu sparen. Die Bundesregierung konzentriert sich vor allem auf Sparmaßnahmen mit schnellem Wirkeintritt, welche größtenteils gesetzlich Versicherte und Leistungserbringer tragen werden. Die versicherungsfremden Leistungen bleiben nahezu unberührt. Das ist allerdings eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren (vollständige) Finanzierung über Steuermittel anstatt über GKV-Beiträge geregelt werden sollte.", sagt Gosens.

Die Finanzkommission hatte die mögliche Entlastung der GKV dadurch für 2027 auf rund zwölf Milliarden Euro beziffert. Das Gesetz sieht zwar eine schrittweise Erhöhung der Bundesbeteiligung vor, bleibt aber deutlich unter diesem Betrag und kürzt gleichzeitig an anderer Stelle den Bundeszuschuss. 

„Die Bundesregierung spricht von einer Gesundheitsreform. So wie das Gesetz vorliegt, ist es meiner Meinung nach keine Reform. Wenn versicherungsfremde Leistungen aus Steuermitteln finanziert werden, der Bürokratieaufwand in Praxen und Krankenhäusern spürbar abgebaut wird und die Anzahl der 93 Krankenkassen reduziert wird, erst dann könnten wir von einer Reform sprechen.“ 

Der Weg in die Niederlassung, der immer schwieriger wird

Was bedeutet dieses Klima für die eigene berufliche Zukunft?*

„Grundsätzlich konnte ich mir schon immer vorstellen, eine eigene Praxis zu übernehmen – eigenverantwortliches Arbeiten in einem selbst ausgewählten Team, Gestaltungsfreiheiten. Das hört sich nach wie vor gut an.“

Was sie zurückhält, ist zum einen ein struktureller Widerspruch:
„Das Problem ist allerdings, dass man als niedergelassene Ärztin das volle unternehmerische Risiko bei gleichzeitiger staatlicher Fremdbestimmung trägt. Auf der Einnahmenseite sind wir extrem reglementiert und gedeckelt, auf der Ausgabenseite (Löhne, Miete, Materialkosten, Energiekosten usw.) unterliegen wir jedoch den Bedingungen des freien Marktes.“ 

Was sie der Politik und dem Nachwuchs mitgibt

Trotz aller Kritik setzt Gosens auf den politischen Dialog: Sie hat ihren eigenen Bundestagsabgeordneten kontaktiert und bereits eine Antwort mit Terminvorschlägen erhalten. Ihre Empfehlung an Kollegen: das Gespräch mit dem eigenen Abgeordneten suchen „damit politische Theorie auf die Realität in der Praxis trifft und somit konkrete Verbesserungsvorschläge besprochen werden können.“

Angehenden Ärzten rät sie, sich bereits im Studium mit Abrechnungssystemen und dem Gesundheitswesen zu befassen und nach dem Facharzt jede mögliche Zusatzweiterbildung wahrzunehmen: „Denn je breiter wir aufgestellt sind, desto resilienter sind wir gegenüber Veränderungen in der Gesundheitspolitik. Und es werden immer wieder Veränderungen auf uns zukommen.“ 

Trotz allem betont sie: „Ich liebe meinen Beruf, und besonders die HNO-Heilkunde. Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden.“

Fazit

Zwischen einer öffentlichkeitswirksamen „Nutznießer“-Debatte und einer eher unbeachteten Finanzkommission liegt für Patricia Gosens der eigentliche Kern des Problems: Eine ehrliche Diskussion darüber, wer welche Kosten im Gesundheitssystem trägt, findet aus ihrer Sicht bislang kaum statt. 

Aus ihrer Sicht wird vor allem bei Leistungserbringern und gesetzlich Versicherten gekürzt und damit an der medizinischen Versorgung. Stattdessen fordert sie, zunächst strukturelle Einsparpotenziale auszuschöpfen, etwa durch die steuerliche Finanzierung versicherungsfremder Leistungen, weniger Bürokratie und eine geringere Zahl an Krankenkassen.

Im nächsten Beitrag erzählt sie, welche konkreten Auswirkungen die Sparmaßnahmen auf ihre Praxis haben und warum sie und ihre Kollegen jetzt ihre Praxis umstrukturieren müssen.

Jetzt sind Sie gefragt

So deutlich Patricia Gosens der „Nutznießer“-Aussage widerspricht, so unterschiedlich fallen die Reaktionen in der Ärzteschaft auf die Äußerung und das GKV-Spargesetz insgesamt aus.

Manche Kollegen sehen darin vor allem eine weitere Zumutung, andere hoffen zumindest auf einzelne Nachbesserungen im Dialog mit der Politik. Deshalb interessiert uns Ihre Einschätzung.

Wie bewerten Sie die Aussage von Friedrich Merz, Ärztinnen und Ärzte seien „Nutznießer" des Gesundheitssystems? Halten Sie die Kritik an der fehlenden Reform, versicherungsfremder Leistungen, mangelndem Bürokratieabbau, sowie ausbleibender Reduzierung der Krankenkassen für berechtigt? 

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*Dr. med. Patricia Gosens ist seit 2023 Fachärztin für HNO-Heilkunde und arbeitet als angestellte Ärztin in einer HNO Praxis in Herne. Zuvor war sie Assistenzärztin in Wuppertal und in Bochum. Sie ist Mutter von zwei Kindern, zwei und fünf Jahre alt.

Quellen
  1. esanum-Interview mit Patricia Gosens, Fachärztin für HNO-Heilkunde in Herne, geführt von Jörg Zorn und Laura-Sophie Ferchof, 31. August 2026 (unveröffentlichtes Transkript, Redaktionsarchiv).
  2. Tagesspiegel: „Er lachte mich aus“: Kinderärztin legt nach TV-Streit mit Merz nach – RTL dementiert Aussagen teils. https://www.tagesspiegel.de/politik/er-lachte-mich-aus-kinderarztin-legt-nach-tv-streit-mit-merz-nach--rtl-dementiert-aussagen-teils-15994857.html
  3. Stuttgarter Zeitung: Die Nutznießer-Aussage von Merz im Wortlaut mit Video. https://www.stuttgarter-zeitung.de/politik/interview-mit-kinderaerztin-bei-rtl-die-nutzniesser-aussage-von-merz-im-wortlaut-79429061.html
  4. Bundesministerium für Gesundheit: FinanzKommission Gesundheit – Erster Bericht, 30. März 2026 (u. a. Empfehlung Nr. 62 zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen für Bürgergeldbeziehende). https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/F/FinanzKommission_Gesundheit/FinanzKommissionGesundheit_Erster_Bericht_20260330.pdf
  5. Bundesministerium für Gesundheit: GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz – Verfahrensstand. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz