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Gicht: eine nahende Epidemie

Die Gicht-Prävalenz steigt, obwohl gute Behandlungsoptionen verfügbar sind. Versäumte und verspätete Diagnosestellungen, mangelnde oder diskontinuierliche Behandlung befördern eine steigende Inzidenz.

Die Gicht-Prävalenz steigt, obwohl gute Behandlungsoptionen verfügbar sind. Versäumte und verspätete Diagnosestellungen, mangelnde oder diskontinuierliche Behandlung befördern eine steigende Inzidenz. Diese Daten wurden auf einer Tagung zum wissenschaftlichen Outcome auf dem EULAR Annual Congress 2016 in London präsentiert.

“Gicht ist eine Erkrankung, deren Entstehungsmechanismus wir verstehen, die wir zu diagnostizieren wissen, und für die wir mindestens für 50 Jahre gute Behandlungsoptionen hatten”, sagte Dr. Lennard Jacobsson (Universität von Gothenburg). “Dennoch steigt die Gichtprävalenz weiter an. In Europa liegt die Prävalenz bei 1,7%, bis  2,5%; in den Vereinigten Staaten liegt sie bei fast 4%. Das Gichtaufkommen nimmt epidemische Ausmaße an.”

Verschiedene Faktoren tragen zum Ansteigen der Gichtprävalenz bei, erklärte Dr. Jacobsson. “Risikofaktoren wie eine alternde Gesellschaft, ein steigender Body Mass Index und wachsende körperliche Inaktivität tragen zu einer steigenden Gichtinzidenz bei. Zusätzlich bewirken versäumte und verspätete Diagnosestellungen und mangelnde oder diskontinuierliche Behandlung ein Ansteigen der Gichtprävalenz”, animierte Dr. Jacobsson Rheumatologen und andere Mediziner, Gichtfälle zeitnah zu diagnostizieren und zu therapieren und den Behandlungsprozess ihren Patienten besser zu erklären.

“Harnsäurekristalle können sich bis zu zehn Jahren vor einem ersten Gichtanfall ausbilden. Und es können drei bis fünf Jahre effektiver Behandlung notwendig sein, bis man die Aggregate an Harnsäurekristallen wieder loswird. Über diesen Zeitraum, besonders am Anfang, können die Patienten noch Gichtanfälle haben. Oft fehlinterpretieren Patienten diese Attacken als Nebenwirkung der Medikation oder als Behandlungsmißerfolg. Wenn Patienten nicht angemessen über die Erkrankung und ihre Behandlung aufgeklärt werden, kann das leicht zu einem Behandlungsabbruch führen.”

Während die Erkrankung früher als Wohlstandskrankheit betrachtet wurde, ist Gicht heute überwiegend mit einem geringen Einkommen und einem niedrigen sozioökonomischen Status assoziiert, wie es für viele andere chronsiche Erkankungen auch der Fall ist. Zusätzlich steht Gicht in Wechselbeziehung mit vielen Faktoren des metabolischen Syndroms, wie Adipositas, Hypertonie und Diabetes. “Wenn man eine Nierenerkrankung hat, hat man höhere Harnsäurewerte und kann leichter Gicht entwickeln.  Aber, andersherum, kann sich aus erhöhten Harnsäurewerten auch eine eingeschränkten Nierenfunktion entwickeln.”

“Harnsäure abbauende Wirkstoffe bilden den Kern der Behandlung, betonte Dr. Jacobsson. Diese Medikamente sollten beim ersten Ausbruch verschrieben werden”, bestätigte Dr. Pascal Richette (Hôpital Lariboisière, Paris) in seiner Präsentatin während einer Tagung zum Thema Gichtbehandlung / Gichtmanagement. “Eine verspätete Harnsäure reduzierende Therapie setzt Patienten einer höheren Kristalllast, Schwierigkeiten mit der Kristallauflösung und langandauernder Hyperurikämie aus, was schädlich für das kardiovaskuläre System und die Nieren ist. Zusätzlich wird das Absetzen von Hyperurikämie induzierenden Medikamenten empfohlen, ebenso wie Diät und vermehrte körperliche Aktivität.”

Es können verschiedene Arzneimittel eingesetzt werden, um die Harnsäurewerte zu reduzieren, zum Beispiel XO-Inhibitoren (Allopurinol, Febuxostat), Urikosurika (Lesinurad, Benzbromaron, Probenecid) und Pegloticase. “Es ist wichtig, bis zum Zielwirkspiegel zu therapieren: 300 – 360 µmol/l”, betonte Richette. “Und vergessen Sie nicht: Patientenaufklärung ist notwendig, um Compliance zu erreichen!”