Bereits Bismarcks taktische Überlegungen trugen den Keim des Scheiterns unseres Gesundheitssystems in sich. Der Hintergrund war damals, dass man die medizinische Versorgung der Arbeiter nicht den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie überlassen wollte. Darum wollte Bismarck die etwa 10% der Ärmsten im Krankheitsfall absichern, um einen gewissen sozialen Sprengstoff zu entschärfen.
Im weiteren hat dann der Staat die Gesundheitsversorgung insgesamt an sich gezogen und zwingt damit 90% der Bürger in eine gesetzliche Pflichtkrankenkasse mit zunehmender Einheitsversorgung – gleich schlecht für alle. Das war ein Fehler. Das dabei gegebene „Rund-um-sorglos-Verprechen“ hat dazu geführt, dass das System nicht mehr finanzierbar geworden ist. Inzwischen reichen die Beiträge, die von den Erwerbstätigen automatisch eingezogen werden, schon lange nicht mehr für alle, die damit versorgt werden sollen.
Die Politik ist deshalb in Panik und kommt auf immer neue Ideen, um das scheiternde GKV-System zu stützen. Beamte und Selbständige sollen zusätzlich als Beitragszahler in die Pflichtversicherung gezwungen werden. Die Beitragsbemessungsgrenze soll weiter gehoben werden, so dass weniger Menschen in die privaten Krankenversicherungen abwandern können. Man will aber auch an die Beitragsrückstellungen der kapitalgedeckten privaten Krankenversicherungen. Was man dabei vergisst: Wenn die PKV-Versicherten in die GKV überführt werden, bringen die eben nicht nur Geld mit, sondern auch Ansprüche auf Leistungen. Das Geld wird also nie reichen!
Deshalb will die Gesundheitspolitik sparen – und das vor allem an den selbständigen Leistungsträgern in unserem Gesundheitssystem – insbesondere an den Ärzten im ambulanten Bereich, den Apothekern, den therapeutischen Fächern.
Kaum jemand hat dabei auf dem Schirm, wie viele von uns Ärzten in den nächsten Jahren ihre Praxis abgeben werden. Dazu gehöre auch ich als sogenannter Seehofer-Boomer. Ich habe mich auch bereits nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger umgesehen und bin dabei eben auch in Kontakt mit Medizinern in der entsprechenden Facharztausbildung. In etwa drei Jahren könnten sie sich niederlassen. Aber sie sagen mir nun, dass die geplante Gesetzgebung sie verunsichert. Das finanzielle Wagnis einer Niederlassung ist inzwischen eine unsichere Wette auf die Zukunft – und die Karriere in der Klinik oder in einem MVZ erscheint sicherer. Dieses Thema wird in den nächsten Jahren virulent werden. Es gefährdet nicht nur die Praxen oder die Altersabsicherung der jetzigen Medizinergeneration, sondern auch die Versorgung der dann verwaisten Patienten.
Aber auch bei der stationären Versorgung knirscht es bedenklich. Wenn man Krankenhäuser weiterhin kaputtspart, gibt es weniger Ausbildungsstätten für Mediziner. Damit wächst der Medizinermangel automatisch an. Die Versorgung trocknet aus.
Ein weiterer Aspekt: Es gibt immer weniger, die die nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe wie medizinisch-technische Fachangestellte anstreben wollen. Denn von dem Gehalt kann man keine großen Sprünge machen, geschweige denn eine Familie ernähren. Das Gehalt der MFAs hängt ja auch wieder an den Umsätzen der Praxen, die immer schmaler werden. Die Praxisinhaber überlegen bereits, wie man Personal einsparen kann oder ob man MFAs ausbildet.
Die Praxen sterben analog zu dem derzeit beklagten Apothekensterben. Im Endeffekt wird die geplante Gesetzgebung dazu führen, dass es nicht mehr, sondern deutlich weniger Arzttermine gibt, dass weniger Arztpraxen übrig bleiben und weniger Ärzte ausgebildet werden. Auch bei den Psychotherapeuten wird kontraproduktiv gespart.
Betrachtet man die Situation in den Praxen, so wirken die Forderungen der Gesundheitspolitiker nach Termingarantie und schnelleren Facharztterminen wie purer Hohn. Wer in die Arztpraxen schaut, sieht, dass die Kollegen nicht auf dem Golfplatz stehen, sondern bereits heute über dem Limit arbeiten.
Gleichzeitig wissen die meisten Patienten nicht, dass das Nadelöhr der Facharzttermine eben auch politisch gemacht ist. Es gibt eine Fallzahlgrenze, bis zu der die Ärzte die „unverbindliche Preisempfehlung“ für ihre Leistung bekommen. Behandeln Ärzte mehr Patienten als diese vorgegebene Höchstzahl, wird das Honorar nochmal massiv gekürzt (bis auf 10%). In Wahrheit werden wir Ärzte also durch die Gesetzgebung gezwungen, Patienten abzulehnen, weil sich die Arbeit nicht mehr wirtschaftlich darstellen lässt. Eine perfide Situation, die von der Politik gerne verschwiegen wird.
Gerne werden wir Ärzte ja an unser soziales Gewissen erinnert. Wenn ich aber von meinem Umsatz 70 Prozent Kosten abziehen muss, bleibt für Altruismus nicht mehr allzu viel übrig. Ich habe zum Beispiel gerade ein neues Ultraschallgerät gebraucht, das zahlt man nicht aus der Portokasse. Diese Ausgabe werde ich über die Ultraschallleistungen in meiner Zeit mit eigener Praxis nicht mehr reinholen – das ist also reiner Altruismus, diese Leistung weiter anzubieten. Ich bin sehr für Altruismus, aber wenn sich bestimmte Dinge einfach nicht mehr rechnen, sich auch nicht querfinanzieren lassen, dann funktioniert es einfach nicht.
Es gab ein Gutachten der KV Bayern vor ca. 10 Jahren, das besagte, dass eine Praxis mindestens 320 000 Euro Umsatz machen muss, damit man ein Gehalt erwirtschaften kann, das einem Oberarzt in der Klinik entspricht. Im Umkehrschluss kann ich keinem Oberarzt sagen, er solle sich niederlassen, wenn er dann weniger verdient als in der Klinik. Heute dürften die notwendigen Umsätze noch deutlich höher liegen und die wirklichen Umsätze noch deutlich niedriger, um eine Niederlassung attraktiv zu machen.
Um von den Missständen in der medizinischen Versorgung abzulenken, greift die Politik auf das gute alte Neidprinzip zurück und schürt Zwietracht bei den Leistungsträgern. Apotheker sollen impfen, Blutdruck messen, Medikamente verschreiben dürfen – um ihre wirtschaftliche Not zu lindern. Ärzte wiederum sind sauer auf die Apotheker, weil die sich in unsere Fachgebiete einmischen. Manche sagen: Dann wollen wir auch Medikamente abgeben. Ich denke aber, wir sollten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen. Wir sind doch hier nicht in einer römischen Arena!
Die derzeitigen gesundheitspolitischen Strategien sind untauglich, verschlechtern die medizinische Versorgung der Patienten und treiben die Leistungsträger aus der medizinischen Versorgung und vor allem verteuern sie das System auf lange Sicht.
Offene Diskussionsfrage: Apotheker sollen impfen, Blutdruck messen und Medikamente verschreiben dürfen. Wo ist für Sie die Grenze, und wo wäre Zusammenarbeit der bessere Weg als Konkurrenz?