Unsere Gesundheitspolitiker sind inzwischen so in Panik, dass sie nur noch populistische Forderungen stellen, statt eine klare Analyse der Situation zu wagen. Inzwischen kann man eigentlich nur noch den Kopf schütteln. Die Wartezeiten auf Facharzttermine werden immer länger. Und die durchschnittliche Arbeitszeit der Ärzte nimmt gleichzeitig dramatisch ab.
Nun – das liegt vermutlich daran, dass man den Ärzten – und zwar Haus-, Fach- und Zahnärzten – seit ca. 20 Jahren ein wirtschaftlich tragfähiges Honorar vorenthält. Und das auf eine wirklich perfide Art und Weise: Man hat um die Jahrtausendwende von Ärzteseite einen angeblich betriebswirtschaftlich kalkulierten EBM vorgeschlagen – eine Art verbindliche Preisempfehlung. Schon dieser Vorschlag hatte einige Schwächen, in dem die „Brot- und Butterleistungen“ in Pauschalen versenkt wurden. Das bedeutet, haben wir den Patienten einmal gesehen, dann ist jeder weitere Kontakt “umsonst“ und auch EKG und einige andere Leistungen sind einfach mal im Preis inbegriffen. Das ist so, wie wenn man in der Pizzeria einmal bezahlt und für drei Monate die Pizza umsonst bekommt. Die Zahlenbasis für die betriebswirtschaftliche Berechnung war übrigens bei der Entstehung bereits 2 oder 3 Jahre alt.
So – und weil das „Ärztepack“ (Horst Seehofer) ja sowieso zu viel verdient, hat man diesen EBM unter der Ägide von Ulla Schmidt einfach nochmal um 10% gekürzt – ohne weitere Begründung. “Die Ärzte sollen zu den Preisen arbeiten, die wir bereit sind zu zahlen“ (Ulla Schmidt).
Und an den Preisen hat sich seitdem nicht viel geändert – bei den Verhandlungen zu den Punktwerten wird seit ca. 10 Jahren nicht mal der Inflationsausgleich erreicht.
So – wer hat wohl Lust, zu diesen Konditionen auch über die gesetzlich verpflichtende Arbeitszeit zu arbeiten, wenn er ca. 6 Monate später auf seiner Abrechnung erkennt, dass er für einige tausend Euro „per umme“ gearbeitet hat, aber seine Personal- und Mietkosten trotzdem zahlen soll? Manche nennen es schlicht Zechprellerei…
Und dann haben wir noch die andere Seite der Medaille: Warum wird die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Ärzte immer weniger? Nun – da hat man politisch den nächsten Fehler gemacht. Man hat – weil das “Ärztepack“ als Freiberufler ja angeblich zu viel Macht im Markt hatte – die Zulassung von MVZs ermöglicht und damit den Weg frei gemacht, dass Ärzte eben auch als Angestellte arbeiten können. Und – oh Wunder – unter den oben beschriebenen Konditionen – und wenige Kröten des Selbständig-Arbeitens in eigener Praxis mehr – sind junge Mediziner nicht mehr bereit, eine eigene Praxis zu eröffnen. Inzwischen sind wir bei fast 50% angestellten Ärzten im ambulanten System angekommen. So – und wenn in so einem Arbeitsvertrag halt 38,5 Wochenarbeitsstunden stehen, lassen die angestellten Ärzte eben auch nach 38,5 Stunden den Stift fallen, während die alte Ärztegeneration halt so lange gearbeitet hat, bis der letzte Patient aus dem Wartebereich verschwunden war.
Und – weil die Medizin auch unter anderem weiblicher wird (das darf ich als Frau sagen) und eben auch die Ärztegeneration Z auf ihre Life-Work-Balance achtet, gibt es zunehmend auch Teilzeitstellen. Konsequenz: die Zahl der „Ärzteköpfe“ wächst, aber die Ärztearbeitszeit nimmt trotzdem ab. Derzeit liegen wir bei 34,5 Wochenstunden im Durchschnitt.
Soooo – und dieses Problem betrifft sowohl die Hausärzte, die in Zukunft in einem Primärarztsystem das Nadelöhr für Patienten spielen sollen, die sie von unnötigen Facharztbesuchen abhalten sollen, als auch die Fachärzte, die dann eben keine Termine haben.
Und jetzt kommen wir niedergelassenen Fachärzte nicht mehr in den Schlaf vor Lachen oder vor Ärger. Gleichzeitig wird gerade auf dem Land Klinik für Klinik geschlossen. Und sorry, die Kliniken haben überhaupt nicht die Kapazität und meistens auch nicht die Fachabteilung, um diese Forderungen zu erfüllen. Die kommen ja nicht mal mit ihren stationären Aufgaben zurecht und die Ausbildung des Ärztenachwuchses leidet darunter, dass auch die Klinikfachärzte verheizt werden.
By the way – in den meisten Ambulanzen in den Kliniken sitzen eben nicht die Fachärzte selber, sondern die Weiterbildungsassistenten unter mehr oder weniger guter Aufsicht eines Facharztes. Sorry, aber unsere Gesundheitspolitiker sind entweder total dämlich, ahnungslos oder belügen die Bürger mit ihren untauglichen Vorschlägen in böswilliger Absicht. Dieses System ist auch durch diese untauglichen Vorschläge genau da, wo wir derzeit stehen: Am Ende eines zusammenbrechenden Systems.
Macht Euch endlich ehrlich, Ihr sogenannten Gesundheitsexperten!
Diskussion: Dr. Enger nennt gedeckelte Honorare und den MVZ-Boom als Hauptursachen der Praxiskrise – fehlt Ihnen ein wichtiger Faktor in dieser Analyse, oder trifft sie den Nagel auf den Kopf?