ePA-Umsetzung: Sind Ärzte mitschuldig? | Kolumne Logo of esanum https://www.esanum.de

ePA-Debakel: Sind wir Ärzte mitschuldig an der schlechten Umsetzung?

Alle meckern über die elektronische Patientenakte – doch Kolumnist Dirk Schemmann nimmt auch die eigene Zunft in den Blick: Die ePA war seit 2021 nutzbar, die Anbieter suchten händeringend Praxis-Feedback – und kaum jemand machte mit. Warum aus Kritik Verweigerung wurde.

Plötzlich ePa – als ob Weihnachten ist, aber keiner hat Geschenke gekauft

Seltsam, wie überrascht plötzlich alle waren, als die ePA 2025 kam. Dabei war sie schon ab 2021 zur Anwendung freigegeben. Eigentlich hätten wir alle die Möglichkeit gehabt, das mal ausprobieren zu können – es hat nur fast keiner gemacht. Das ist so ähnlich, wie wenn plötzlich Weihnachten ist und keiner hat Geschenke gekauft.

Was bei der Kritik oft übersehen wird: Wir Ärzte hätten mitgestalten und mittels Praxissoftware vernünftigen Zugriff organisieren können. Ausdrücklich zur Umsetzung eingeladen waren wir zwar nicht, aber unsere Erfahrungen hätten wir durchaus einbringen können. Die Anbieter haben händeringend Leute gesucht, die ihnen Rückmeldung aus der Praxis geben. 

Die elektronische Patientenakte ist ja zunächst nur eine – sehr sichere – Datenbank. Wie ich darauf zugreife, mir Inhalte anzeigen lasse und wie ich diese nutze, das sind Fragen der Praxissysteme und Ihrer Benutzeroberflächen. 

Man konnte die ePA also seit 2021 anwenden. Doch Patienten hatten extrem schwierigen Zugriff darauf, sie mussten sich per Postident anmelden, mussten sehr technikaffin sein, um die Akte freischalten zu können. Die Krankenkassen hatten hier extrem hohe Hürden aufgebaut. Und es hat auch kaum einer in der Praxis die elektronische Patientenakte genutzt. Obwohl technisch alles lief, wurden kaum Dokumente gespeichert. Ich habe damals mit unserem Software-Anbieter viel diskutiert, weil ich die Anwendung in der Praxis-Software schwierig fand. Man muss jedes Dokument, das man einstellt, einzeln kategorisieren, das war umständlich und zeitaufwendig. Und der Anbieter hat entsprechend reagiert und hat Schablonen und Vorlagen angefertigt, sodass es nur noch einen Klick brauchte, um ein Dokument einzustellen. Das war ein Ergebnis konkreter Rückmeldung aus der Praxis. 

Wir Ärzte haben es versäumt, bei der ePA rechtzeitig mitzuwirken

Deswegen sage ich: Wir als Ärzteschaft haben es versäumt, bei der ePA mitzuwirken, damit sie für uns nutzbar wird. Und so kam es 2025 für alle überraschend, dass sie die ePA anwenden sollten. Es ist klar, dass ich den Anschluss verliere, wenn ich im alltäglichen Pflichtbetrieb erst anfange, mich damit zu beschäftigen. Für mich ist das, als ob man sich wundert, dass plötzlich am 24.12. Weihnachten ist.

Vom Sinn der elektronischen Speicherung waren alle überzeugt

Dabei waren doch alle davon überzeugt, dass es Sinn macht, alle Dokumente elektronisch zu speichern, um beispielsweise Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Wie sollte das anders laufen, als mit zentraler Speicherung? Darüber herrscht schon lange große Einigkeit in der Ärzteschaft, dass man den Patienten nicht mehr hin- und herschicken sollte, um Unterlagen, Befunde oder Bilder zu holen. Bilder auf CD im Taxi können nicht die Lösung des 21. Jahrhunderts sein.

Auch spielen die Krankenhäuser bisher überhaupt nicht mit bei der Umsetzung der ePA. Warum ist das eigentlich so? Ich vermute, dass die Software-Anbieter dort nicht hinterherkommen. Die Krankenhäuser haben selten eine volle KV-Zulassung und ihr Fokus liegt nicht auf der ambulanten Versorgung. 

Misstrauen und Skepsis statt konstruktiver Kritik

Ich beobachte bei Ärzten ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber moderner Technik. Das hat ganz verschiedene Aspekte. Die zentrale Speicherung, die Sorge vor behördlichem Zugriff, die Frage, wer alles die ePA einsehen kann. Das ist eine Blackbox, wo es je nach Geisteshaltung ganz unterschiedliche Bedenken gibt. Die Datensicherheit ist ein wesentlicher und empfindlicher Punkt, aber gerade die ist unstrittig sehr hoch – gerade im Vergleich mit unverschlüsselten Festplatten oder CDs. Jedes Fax ist nur ein Digitalfoto ohne Schutz, und bis in die Pandemie hinein war das Fax über Jahrzehnte unser Hauptkommunikationsmittel. 

Verrückt: keine Speicherung von medizinischen Bildern möglich  

Auch auf technischer Seite darf man die ePA kritisieren: Als Orthopäde/Unfallchirurg bemängele ich natürlich, dass keine medizinischen Bilddaten gespeichert werden können. Das ist verrückt. Die meisten Radiologen haben deswegen die Möglichkeit geschaffen, dass Bilder über eigene Server oder Dienstleister online mit QR-Codes zur Verfügung gestellt werden können. Der Schutz der Daten: Das Passwort ist bisher immer das Geburtsdatum des Patienten. All das wäre ureigene Aufgabe der ePA gewesen, und am besten nicht irgendwann, sondern bald, damit der Nutzwert steigt!

Vieles muss doppelt gemacht werden

Viele Kollegen empfinden die Technik nicht als Arbeitserleichterung, sondern als zusätzliche Belastung. Das liegt daran, dass vieles doppelt gemacht wird – also zusätzlich auf Papier, per Fax oder KIM. Parallel zur ePA muss sowohl der weiterbehandelnde Arzt als auch der Patient extra über Befunde informiert werden. Für mich zeigt sich darin ein Misstrauen der Verordnungsgeber gegenüber Ihren eigenen Strukturen. Wir machen mal besser alles doppelt … das ist natürlich völliger Unsinn. In dieselbe Richtung geht der Hinweis der Kassenärztlichen Vereinigungen, dass Ärzte ihre Patienten über die Datenspeicherung aufklären und ihre Einwilligung holen sollen. Das kostet Zeit. Die ePA wurde doch mit einer Opt-Out-Lösung für alle gesetzlich eingeführt. Damit darf ich doch erwarten, dass meine Patienten Bescheid wissen.

Die Frage ist nun: Nennen wir das Ganze Misstrauen oder Kritik? Kritik an der ePA kann man ja konstruktiv üben, um sie besser zu machen. Misstrauen tendiert eher zur Verweigerung. Und wenn ich mich gar nicht auskenne, verhallt meine Kritik. Besser wäre, die ePA zu nutzen und zu sagen, was mir nicht gefällt. Das würde uns alle weiterbringen. Ich kann mich aber auch auf den Standpunkt stellen: Das ist alles Teufelszeug. Das finde ich destruktiv und wenig hilfreich, weil ich an die Idee der ePA glaube.

Beispiel E-Rezept – erst Misstrauen, inzwischen Erleichterung

Ich hoffe, wir werden die Nachteile beheben und die ePA bald sinnvoll für alle nutzen. Sodass ich die alte Dame mit Knieschmerzen, die heute zu mir kam, nicht mühsam und fehlerträchtig ausfragen muss (“achja, so eine kleine rosa Tablette auch noch”), sondern auf eine zuverlässige, nachvollziehbare Krankengeschichte inklusive Medikamentenliste zugreifen kann, auf deren Grundlage ich sicherer verordnen kann. Ich erinnere da gern an das E-Rezept. Was gab es anfangs für ein Riesengeschrei – das wird doch nichts! Doch bis auf kleine Ausfälle funktioniert es jetzt zuverlässig, ich kann auf telefonische Anfrage oder im Rahmen der Videosprechstunde problemlos sofort verordnen. Alle sparen Zeit und sind glücklich. Leider sind wir davon, was die ePA betrifft, noch weit entfernt – weil die gute Idee nicht gut genug umgesetzt wurde.

Diskussion: Was müsste sich Ihrer Meinung nach an der ePA konkret ändern, damit Sie sie im Alltag wirklich gerne nutzen?