Schlechte Nachrichten überbringen: Kommunikation lernen Logo of esanum https://www.esanum.de

Das Gespräch ist der Eingriff, auf den wir uns nicht vorbereiten

Auf Operationen bereiten sich Ärztinnen und Ärzte vor, auf schwere Gespräche kaum. Prof. Jalid Sehouli zeigt anhand zweier Befragungen der Charité, wie groß die Lücke ist, welche Tipps für Sprache und Körpersprache im Gespräch helfen und warum Training, Supervision und Zeit zur Reflexion verbindlicher Teil der Arbeit sein müssen.

Ich war junger Arzt und zweiter Assistent bei der Operation einer 88-jährigen Patientin mit Eierstockkrebs. Der Eingriff war sehr gut verlaufen. Als ich nach mehr als sieben Stunden aus dem OP kam, hieß es, eine Nachbarin habe angerufen. Der Ehemann der Patientin, 94 Jahre alt, hatte sich das Leben genommen. Er hatte die Angst um seine Frau nicht ausgehalten.

Wer sagt es der Patientin? Und wie?

Ich fragte meinen Oberarzt und die anderen Kollegen, was in diesem Moment die einzig wichtige Frage war: Wer sagt es ihr? Und wie?

Auf Operationen bereiten wir uns vor, auf solche Gespräche kaum. Dabei entscheidet gerade das Gespräch, ob sich ein Mensch gesehen oder nur verwaltet fühlt. Gespräche können, genau wie Operationen, schaden. Ärztinnen und Ärzte werden für das Operieren, Diagnostizieren und Forschen ausgebildet, für das Sprechen und für das, was Körper und Geist und Seele sagen, meist nicht. 

94, 5 Prozent der Patientinnen sehen Verbesserungsbedarf

Wie groß die Lücke ist, zeigen zwei Befragungen aus unserer Arbeitsgruppe. In der NOGGO-Charité Expression-XX-Umfrage (Igde et al., Curr Oncol 2026) schilderten 249 Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren und Brustkrebs anonym, wie sie das Überbringen schlechter Nachrichten erlebt haben. 94,5 % der Befragten sahen Verbesserungsbedarf, 39,1 % sogar erheblichen. Mit der fachlichen Kompetenz waren 67,9 % zufrieden. Aber 30,5 % vermissten Empathie und 32,9 % ausreichend Zeit für das Gespräch.

Auf der anderen Seite haben wir in einer Umfrage unter 786 Ärztinnen und Ärzten und 303 Medizinstudierenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht (Herzog et al., Int J Gynecol Cancer 2023). 32,7 % der Ärztinnen und Ärzte überbringen mehrmals pro Woche schlechte Nachrichten, 45,2 % mehrmals im Monat. Gelernt, das gut zu tun, haben es nach eigener Einschätzung nur 67,3 % der Ärztinnen und Ärzte und 49,5 % der Studierenden.

Wir brauchen eine klare Sprache

Gemeint ist keine einfache Sprache, die Patientinnen und Patienten herabsetzt. Klare Sprache behandelt Menschen respektvoll und intelligent, mit dem Recht auf verständliche Information.

Konkrete Tipps für das gute Gespräch

  • Ankündigen: Das schenkt Sekunden zur Vorbereitung, statt den Menschen mit dem Befund zu überfallen. Dann eine kurze Pause.
  • Kernbotschaft zuerst: Nicht mit der Vorgeschichte beginnen, sondern mit dem, worauf der Mensch wartet.
  • Kurze Sätze, eine Information pro Satz: Wer eine schwere Nachricht hört, nimmt danach oft nur noch wenig auf.
  • Dinge beim Namen nennen: „Krebs“ sagen, nicht „eine Veränderung“. Umschreibungen schützen häufig die Ärztin, nicht die Patientin.
  • Fachbegriffe vermeiden oder gleich erklären, nicht nur übersetzen. Nicht weglassen, sondern erklären.
  • Floskeln vermeiden: „Das wird schon“ sagt nichts. Konkret ist besser: „Nächste Woche besprechen wir die Therapie, und Sie bekommen alles schriftlich.“
  • Nachfragen: „Ich möchte sicher sein, dass ich es gut erklärt habe. Was ist bei Ihnen angekommen?“
  • Gefühle benennen: „Das ist ein Schock.“ Wer Emotionen ausspricht, nimmt den Druck.
  • Pausen machen und bewusst aushalten: Nach der Nachricht schweigen. In diesem Schweigen beginnt das Begreifen.

Die Sprache des Körpers

Patientinnen und Patienten lesen uns, bevor wir den Mund öffnen. Passen Worte und Körper nicht zusammen, glauben Menschen dem Körper.

So kommunizieren Sie mit dem Körper

  • Sitzen statt stehen: Auf Augenhöhe, mit zugewandtem Oberkörper. Wer steht, signalisiert Eile.
  • Blickkontakt: Nicht starren, aber auch nicht im Bildschirm verschwinden.
  • Handy: Weglegen oder besser gar nicht mitnehmen. Ein unnötiger Blick auf die Uhr kann ein Gespräch beenden, bevor es begonnen hat.
  • Offene Haltung: Keine verschränkten Arme, keine Barriere aus Schreibtisch und Akte.
  • Stimme: Ruhiges Tempo, eher leiser und tiefer als im Alltag.
  • Berührung: Mit Fingerspitzengefühl, denn was der einen Halt gibt, empfindet der andere als übergriffig. Ein angebotenes Taschentuch tut oft mehr als eine Geste.
  • Beobachten: Die Körpersprache zeigt, ob jemand noch folgt, abschaltet oder ob Tränen kommen.

Das ist keine Nebensache. In unserer Patientenbefragung unterschieden sich zufriedene und unzufriedene Patientinnen signifikant in der Gesprächsdauer, in der nonverbalen Kommunikation, in der Ruhe des Settings und im Stress nach dem Gespräch. Auch darin, ob ihnen angeboten wurde, eine Vertrauensperson mitzubringen oder ein Folgegespräch zu vereinbaren.

Auch die gute Nachricht will gelernt sein

Merkwürdigerweise gilt das Überbringen guter Nachrichten als Selbstläufer. Der Normalbefund wird oft im Nebensatz erledigt, in Fachsprache verpackt: „unauffällig“, „kein pathologischer Befund“. Für die Patientin kann es die wichtigste Nachricht seit Wochen sein. 

Auch die gute Nachricht will angekündigt sein: „Ich habe gute Nachrichten.“ Dann Pause, erst danach der Kern: „Es ist alles in Ordnung.“ Und wieder Schweigen, denn auch Erleichterung braucht Raum. Manche weinen, manche lachen, manche sind still. Mimik und Tonfall müssen zur Botschaft passen. 

Zur guten Nachricht gehört Ehrlichkeit. Ein Normalbefund sagt etwas über heute, nicht über die Zukunft. Wann ist die nächste Kontrolle, worauf sollte man achten, und wann soll man sich früher melden? Wer nur beruhigt, wird später unglaubwürdig, wer nur warnt, verdirbt die Freude. 

Mehrere Gespräche, nicht eins

Ärztliche Kommunikation ist mehr als das Gespräch zwischen Ärztin und Patient. Es sind vier Gespräche: 

  • Mit der Patientin, dazu häufig mindestens drei weitere.
  • Mit den Angehörigen: Sie sitzen oft im Raum und werden selten gefragt. Sie tragen die Nachricht mit, haben eigene Ängste und bitten manchmal, dem Patienten „nicht alles zu sagen“. Der Patient entscheidet, was er wissen will, und was die Angehörigen wissen sollen, nicht umgekehrt. 
  • Mit dem Team: Pflege, Assistenzärzte, Psychoonkologie und Sozialdienst sind den Patientinnen oft näher als den Ärzten. Wo man „Das habe ich nicht verstanden“ sagen darf, entstehen weniger Fehler. 
  • Mit uns selbst: Selbstreflexion und Austausch sind keine einmalige Übung, sondern eine lebenslange Aufgabe. Wer viele schwere Nachrichten überbringt, trägt sie mit nach Hause, und wer nie darüber spricht, stumpft ab oder brennt aus. 

Emotionen kontrollieren, professionell bleiben

Unsere Ärztebefragung zeigt, wie real diese Last ist: 35,1 % der Befragten fällt es schwer, ihre Emotionen zu kontrollieren, 43,4 % fällt es schwer, professionell zu bleiben. Das Überbringen schlechter Nachrichten ist mit Angst verbunden, bei erfahrenen Ärztinnen und Ärzten im Median mit 3,8 von 10 Punkten, bei Studierenden mit 5,3, und es beeinflusst die Berufszufriedenheit erheblich. Solche Reflexion gelingt nicht nebenbei, sie braucht Strukturen: feste Zeiten, geschützte Räume, geschulte Begleitung, ist Teil der institutionellen und gesellschaftlichen Verantwortung.

Kommunikation zahlt sich aus

In unserer Befragung verringerte Kommunikationstraining die Angst und stärkte das Selbstvertrauen im Gespräch. Gute Kommunikation trägt die Beziehung, auf der jede Therapie beruht und stärkt die Adhärenz: Wer den Sinn einer Behandlung begriffen hat, führt sie eher zu Ende. Sie erhöht die Patientensicherheit, sie bindet Personal, weil Teams, die offen sprechen können, länger bleiben und sie beugt Burnout vor. Und sie ist kosteneffektiv: Ein Gespräch von wenigen Minuten ist günstiger als Missverständnisse, Folgetermine und Therapieabbrüche.

Der Skandal der Rahmenbedingungen

Und genau daran fehlt es. Das Krankenhaus wird längst als Unternehmen geführt, mit Kennzahlen, Controlling und Erlösoptimierung. Umso erstaunlicher ist, dass ausgerechnet die Grundprinzipien moderner Personalführung an der Klinikpforte haltmachen. In vielen Unternehmen ist Coaching ein Basisinstrument der Führungsentwicklung. In der Medizin nennen wir es lieber „Supervision“ und bieten es, wenn überhaupt, als freiwilliges Zusatzangebot außerhalb der Dienstzeit an.

Dabei tragen Ärztinnen und Pflegende mit jeder Diagnose, jedem Sterben und jeder schwierigen Entscheidung eine Last, die kaum ein anderer Beruf kennt. Wer erwartet, dass sie diese Last dauerhaft allein tragen und daneben zugewandt kommunizieren, erwartet Unmögliches. Dass die Rahmenbedingungen dafür fast vollständig fehlen, ist ein Skandal. 

Was es braucht, ist kein Luxus: bezahlte Zeit für Reflexion, Coaching und Supervision als verbindlicher Teil der Arbeitszeit, Kommunikationstraining in Aus-, Weiter- und Fortbildung und Führungskräfte, die es vorleben. Doch 60,6 % der Studierenden und 41,1 % der Ärztinnen und Ärzte nennen fehlendes Bewusstsein ihrer Vorgesetzten als Hürde.

Kommunikation ist lernbar

77,0 % der Studierenden und 74,9 % der Ärztinnen und Ärzte nennen Zeitmangel als größte Hürde für Kommunikationstraining. Aber ein gutes Gespräch kostet Minuten, ein misslungenes kostet Vertrauen, Folgetermine und manchmal die Therapietreue. Niemand wird als Überbringer schlechter oder guter Nachrichten geboren. Es gibt Modelle, Rollenspiele, Videofeedback und Kolleginnen, von denen man lernen kann. Die Wünsche sind klar: Seminare mit Simulation (Studierende 71,4 %, Ärztinnen und Ärzte 49,5 %), das Hospitieren bei erfahrenen Kolleginnen und Kollegen (57,4 % und 55,1 %) sowie Supervision und Feedback (36,3 % und 45,7 %). Alle Teilnehmenden wünschten sich mehr Training. Es fehlt nicht am Wissen, sondern an der Bereitschaft, den Rahmen dafür zu schaffen. Beide Befragungen fordern deshalb systematische Trainingsprogramme und strukturierte Gesprächsprotokolle in der gynäkologischen Onkologie.

Kommunikation ist keine Kür neben der Medizin. Sie ist das Rückgrat der Medizin oder sollte es wieder werden. Und sie beginnt mit dem ersten Satz und mit der Haltung, in der er gesprochen wird.

Erinnern Sie sich an ein Gespräch, das Sie bis heute beschäftigt, sei es, weil es besonders gut oder weniger gut gelaufen ist? Was hätte Ihnen damals geholfen, und was würden Sie heute anders machen?