Eine der wichtigsten Aufgaben in meiner gynäkologischen Arbeit ist die Aufklärung. Ich denke vor allem auch an die Aufklärung der Jugend, insbesondere zum Thema Infektionen. Ich meine: Wer, wenn nicht wir Ärzte, wir Gynäkologinnen, soll über diese so wichtigen Fragen reden? Wir haben die Kenntnisse, wir haben die Menschen vor uns sitzen, wir haben das Vertrauen. Wir müssen uns die Zeit nehmen.
Am einfachsten erreiche ich hier die Mütter – meine Patientinnen. Von ihnen weiß ich, wenn sie Kinder haben, wann sie in die Pubertät oder ins präpubertäre Alter kommen. Diese Mütter spreche ich in der Sprechstunde gezielt an.
Zunächst stellt sich die Frage: Inwiefern wurde schon mit dem Kind über die erwachende Sexualität geredet? Ich frage: Spielt Sexualität für Ihr Kind schon eine Rolle? Wie wird die Aufklärung in der Familie betrieben? Haben Sie Bücher darüber, andere Quellen? Ich habe im Wartezimmer Sexualaufklärungsbücher für Kinder im Kita-Alter, für Vorschul- und Grundschulkinder, auch für Teenager – und weise darauf hin, dass man sich die Literatur anschaffen und sie gemeinsam mit den Kindern lesen und darüber reden kann.
Die Mütter der Töchter frage ich, ob sie ihre Töchter darüber aufklären, dass sie eine Menstruation bekommen werden. Man glaubt es nicht, aber nach wie vor klären manche Mütter darüber nicht auf. Neben der Schule ist die Bindungsperson in der Familie doch meistens der wichtigste Ansprechpartner für diese sensiblen Themen. Ich frage auch: Hat Ihre Tochter schon Weißfluss, sprießt die Brust schon? Wenn ja, kann ich der Mama sagen, dass es noch etwa ein Jahr dauert, bis die Tochter die Periode bekommt – und sie daher jetzt die Zeit hat, sie darauf vorzubereiten. Derartige Gespräche streue ich bei der Vorsorge ganz locker ein – und bereite die weiteren Themen wie etwa die Infektionen so schon vor. Die Mütter reagieren meist total interessiert auf meine Fragen. Das proaktive Ansprechen kommt sehr gut an.
Ich sehe hier als Medizinerin die Pflicht und Verantwortung, aufzuklären, unabhängig von der Zusatzweiterbildung Sexualmedizin. Denn Wissen über sexuell übertragbare Krankheiten ist wichtig. Hepatitis B, C, HIV, Syphilis, Tripper, Chlamydien – all das sind die ureigensten Themen der Sexualaufklärung, und es geht auch um die sehr wichtige HPV-Impfung. Wir haben eine beschämend niedrige Impfquote – immer noch!
Über diesen medizinischen Aufhänger komme ich mit den Müttern ins weitere Gespräch.
Das ist nicht nur Sache des Kinderarztes, da sind auch wir Gynäkologinnen gefragt. Die HPV-Impfung ist für Mädchen und Jungen ab 9 bis 14 Jahren mit zwei Impfdosen und ab 15 Jahren mit drei Dosen zur Auffrischung empfohlen.
Hinzu kommt das große Thema Kontrazeption. Wir sprechen mit den jugendlichen Patientinnen natürlich über Pille, Spirale etc. Und ich spreche dann auch darüber, ob sie schon sexuell aktiv sind, ob es ihnen gefällt, ob sie sich wohl dabei fühlen. Wo findet das statt, wissen Mama und Papa davon? Das Gespräch ist in der gynäkologischen Praxis ganz niederschwellig möglich – wo sonst? Das Zutrauen von Jugendlichen erwirbt man mit möglichst offener und unverstellter Kommunikation. Wenn beispielsweise die 19-jährige fragt: Mein Freund schaut Pornos, was sagen Sie dazu? Oder: Mein Freund will immer das, ich mag das aber nicht. Wie soll ich damit umgehen? Ich bekomme die Themen von den jugendlichen Patientinnen selbst angetragen – weil ich die Tür für Gespräche ganz weit aufmache.
Ich sehe eine große Verantwortung bei der Sexualaufklärung. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen. Nicht bei jeder Vorsorge habe ich die Zeit. Aber viele Frauen kommen ja und sagen, alles ist gut, Menstruation ist regelmäßig,Verhütung passt und sie wollen nur, dass man einen Abstrich und Ultraschall macht. Das ist in zwei Sätzen geklärt. Natürlich kann ich das in sieben Minuten durchziehen, aber ich kann die Anamnese auch ein bisschen ausdehnen – und fragen, wie es mit den Kindern gerade läuft. Ich weiß ja, dass es einen hohen Impact für Mamas hat, wie es mit den Kindern läuft. Da kommen dann Themen wie Schule, ADHS, und anderes, mit dem sie konfrontiert sind. Und ich bin in drei, vier Fragen an den relevanten medizinischen Themen dran. Das gelingt sicher nicht bei jeder einzelnen Patientin, aber gerade bei Terminen, wo nur die Vorsorge im Kalender steht und keine eigenen gynäkologischen Themen anliegen, kann man das super machen.
Es gibt sicher nach wie vor viele Kolleginnen, die ihren Beruf als Berufung auffassen, sodass sie sich auch für das Sozialkonstrukt ihrer Patientinnen interessieren. In MVZs sehe ich die Problematik, dass der enge Bezug zur Patientin aufgrund von viel Teilzeittätigkeit und wechselnder Ärzte nicht immer gegeben ist: damit kann es zum Verlust von Informationen über die Patientinnen kommen, vor allem was die soziologischen Aspekte anbelangt.
Das ist in allen Prozessen so: Je mehr Personen beteiligt sind, desto mehr Informationen fallen weg. Ich bedaure das, denn es ist in der Medizin nicht hilfreich. Oder zugespitzt gesagt: Das ist manchmal sogar gefährlich.
Ich denke aber lieber nicht an Gefahren, sondern eher an Chancen. Denn wenn ich viel von einer Patientin weiß, kann ich ihr gegebenenfalls hilfreich zur Seite stehen. Dann hat sie im besten Fall Vertrauen zu mir. Dann finden wir auch zügig die entsprechenden Stellschrauben. Ich kann dann schneller erkennen, was abgeklärt werden muss, wann sie zum Beispiel mit ihrem Kind zum Kinder- und Jugendtherapeuten muss.
Es verkürzt die Wege, wenn man viel von seinen Patientinnen weiß. Wenn das aber systemimmanent – siehe MVZ – nicht möglich ist, verpassen wir unter anderem die Chance, ein paar Informationen zur Wichtigkeit der HPV-Impfung zu geben. Und das kann relevante Auswirkungen für die Gesellschaft haben. Irgendjemand muss darüber aufklären! Und das sind wir Ärzte! Wenn wir nicht reden, suchen die Menschen andere Ratgeber: Dr. Google, ChatGPT– darüber dürfen wir uns nicht beschweren, wenn wir die Zeit zum Gespräch nicht bieten! Wenn wir nicht aufklären – wer soll es denn sonst tun?
Wo sehen Sie persönlich die größte Lücke in der Sexualaufklärung heute – in den Familien, in der Schule oder in der ärztlichen Versorgung? Und was müsste sich konkret ändern? Teilen Sie Ihre Einschätzung und Erfahrungen gern in den Kommentaren.