Diese Zahl ist tatsächlich eine aktuelle Schätzung des RKI. Gerade deshalb müsste Journalismus erklären, was hinter ihr steckt. Denn 9.600 „Hitzetote“ bedeuten nicht, dass bei 9.600 Verstorbenen durch Leichenschau oder Totenschein Hitze als eindeutige Todesursache festgestellt wurde. Das RKI schätzt die hitzebedingte Mortalität statistisch aus dem Zusammenhang von Temperaturen und Sterblichkeit.
Das erinnert an eine methodische Debatte, die wir schon aus der Corona-Zeit kennen. Damals erklärte das RKI ausdrücklich, dass in seine COVID-19-Todesfallstatistik sowohl Menschen eingingen, die unmittelbar an COVID-19 verstorben waren, als auch Verstorbene mit Vorerkrankungen und SARS-CoV-2-Infektion, bei denen sich nicht abschließend feststellen ließ, was die Todesursache war. Das bedeutete keineswegs, dass COVID-19 harmlos gewesen wäre – das RKI verwies im Gegenteil darauf, dass bei der großen Mehrheit der entsprechend dokumentierten Fälle COVID-19 als ursächlich angegeben wurde.
Aber die damalige Diskussion hätte eines lehren müssen: Todesfallstatistik, statistische Assoziation und individuelle Kausalität sind nicht dasselbe.
Heute scheint diese Differenzierung bei der Hitze plötzlich kaum noch zu interessieren.
Da werden aus statistisch modellierten hitzebedingten Sterbefällen sprachlich „9.600 Menschen, die hitzebedingt starben“. Für Rheinland-Pfalz ist sogar von 1.500 „registrierten“ Hitzetoten die Rede. Registriert wurden Todesfälle. Ihre statistische Zuordnung zur Hitze ist etwas anderes.
Besonders interessant wird es, wenn man den Blick auf das andere Ende des Thermometers richtet: Kältebedingte Todesfälle gibt es ebenfalls – und international zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass niedrige Temperaturen einen erheblichen Anteil temperaturassoziierter Mortalität ausmachen können. Auch hier geht es häufig nicht um Menschen, auf deren Totenschein schlicht „Kälte“ steht. Kälte erhöht unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen; anschließend wird statistisch untersucht, welcher Anteil der Sterblichkeit niedrigen Temperaturen zugerechnet werden kann.
Genau deshalb wäre die journalistisch interessante Frage: Wenn wir über „Hitzetote“ berichten, warum berichten wir nicht mit derselben Aufmerksamkeit über „Kältetote“ – und warum erklären wir bei beiden nicht konsequent die zugrunde liegende Methodik?
Das soll die Gefahren hoher Temperaturen keineswegs relativieren. Es zeigt vielmehr, wie problematisch es ist, aus komplexen epidemiologischen Modellierungen scheinbar unmittelbar gezählte Opferzahlen zu machen.
Ein „Hitzetoter“ ist in einer solchen Statistik eben nicht automatisch dasselbe wie ein Verkehrstoter, bei dem Unfallhergang, Verletzungen und Todesursache individuell dokumentiert wurden. Ebenso wenig ist ein statistisch der Kälte zugerechneter Todesfall zwingend ein Mensch, der erfroren aufgefunden wurde.
Das sind epidemiologische Zuschreibungen – keine 9.600 individuellen Obduktionsbefunde.
Gerade das RKI weiß, wie entscheidend solche Definitionen sind. Bei Corona wurde jahrelang darüber gestritten, was „an“, „mit“ und „in Zusammenhang mit“ einer Infektion bedeutet. Bei Hitze und Kälte müsste mindestens dieselbe sprachliche Sorgfalt gelten. Stattdessen liefert die Presse Schlagworte: „Rekordzahl“, „dramatischer Anstieg“ und „Menschenleben gefordert“.
Hitze kann zweifellos tödlich sein und bestehende Erkrankungen erheblich verschlimmern. Kälte übrigens ebenfalls. Aber ausgerechnet deshalb sollte man eine Modellschätzung nicht wie das Ergebnis Tausender individueller Todesursachenfeststellungen präsentieren.
Noch problematischer wird es, wenn aus solchen Zahlen unmittelbar politische Botschaften abgeleitet werden. Epidemiologische Modelle sind wichtige Instrumente für Gesundheits- und Präventionspolitik. Sie werden aber nicht seriöser, indem man ihre Unsicherheiten aus der Schlagzeile entfernt. Und unter dem Artikel steht dann auch noch: „ai-modified“.
Nach Corona sollte eigentlich jeder Journalist verstanden haben, wie sensibel die Begriffe „Todesursache“, „assoziierter Todesfall“ und „statistische Schätzung“ sind.
Vielleicht braucht die Debatte deshalb weniger Temperatur und mehr Methodik. Wer mit Todeszahlen Politik und Öffentlichkeit informiert, schuldet dem Leser nicht nur eine möglichst spektakuläre Zahl – sondern vor allem die Erklärung, wie sie zustande gekommen ist. Und wer über Hitzetote spricht, sollte zumindest erklären können, warum das andere Ende des Thermometers medial so viel weniger Aufmerksamkeit bekommt.
Diskussion: Sollten Redaktionen bei jeder Todeszahl aus Modellschätzungen künftig verpflichtend die Methodik mit erklären – oder überfordert das die Leserschaft eher, als dass es hilft?