Verwirrtheit nach Gastroenteritis: Kasuistik einer 44-Jährigen Logo of esanum https://www.esanum.de

Verwirrt und gangunsicher nach Magen-Darm-Infekt

Eine 44-Jährige kommt eine Woche nach Gastroenteritis mit Verwirrtheit und Gangunsicherheit in die Notaufnahme. Der Fall zeigt, welche Differentialdiagnose hier nicht übersehen werden darf.

Fallbeschreibung

Claudia ist 44 Jahre alt, Büroangestellte, verheiratet und kinderlos. Sie raucht nicht und trinkt keinen Alkohol. Seit acht Monaten erhält sie wöchentlich eine subkutane Semaglutid-Injektion, die ihr Hausarzt aufgrund von Adipositas Grad I (BMI 33 kg/m²) verordnet hat. In dieser Zeit hat sie fast 16 Kilogramm abgenommen.

Etwa zehn Tage vor der Vorstellung in der Notaufnahme trat eine Gastroenteritis auf: Übelkeit, wiederholtes Erbrechen über drei Tage hinweg sowie nur eine minimale Aufnahme von Flüssigkeit und fester Nahrung. Sie bewältigte dies zu Hause, wie es viele Patienten tun. Das Erbrechen klang nach einigen Tagen ab. Doch etwas kehrte nie ganz zur Normalität zurück.

Ihr Mann bringt sie am Abend in die Notaufnahme. Er berichtet, dass Claudia seit vier bis fünf Tagen „nicht ganz bei sich“ sei: Sie antwortete langsam auf Fragen, verlor mitten im Satz den Faden und hatte Schwierigkeiten, sicher zu gehen, besonders im Dunkeln oder auf offenen Flächen. Am Vortag sei sie zu Hause auf der Treppe gestolpert. Claudia spielt die Symptome herunter und führt sie auf Müdigkeit und eine noch nicht vollständige Genesung nach der Gastroenteritis zurück.

Erstuntersuchung (21:15 Uhr)

Vitalparameter

  • Blutdruck: 118/74 mmHg.
  • Herzfrequenz: 88 Schläge/Min., regelmäßig.
  • Temperatur: 36,9 °C.
  • SpO₂: 98 % bei Raumluft.
  • Atemfrequenz: 16 Atemzüge/Min.

Körperliche Untersuchung

  • Bewusstseinsstatus: wach, zeitlich und räumlich orientiert, jedoch mit deutlicher psychomotorischer Verlangsamung.
  • GCS: 15.
  • Sprache: leicht dysarthrisch, mit gelegentlichen Wortfindungsstörungen.
  • Pupillen: gleich groß und reaktiv. Keine spontan berichtete Diplopie.
  • Gangbild: breitbeinig, mäßige Instabilität im Romberg-Test, Rumpfataxie.
  • Muskeltonus und Kraft: normal.
  • Tiefe Sehnenreflexe: vorhanden und symmetrisch.
  • Keine meningealen Zeichen.

Die Medikamentenanamnese wird vom Ehemann erhoben: Semaglutid 1 mg/Woche, keine weiteren chronischen Medikamente. Keine Vorgeschichte von Alkoholmissbrauch, Lebererkrankungen, bariatrischen Eingriffen oder früheren neurologischen Erkrankungen.

Erstuntersuchungen (21:35 Uhr)

  • Großes Blutbild: unauffällig.
  • Elektrolyte: Na 138 mmol/l, K 3,4 mmol/l.
  • Leber- und Nierenfunktion: unauffällig.
  • CRP: 4 mg/l.
  • Blutzucker: 96 mg/dl.
  • Ammoniak: 34 µmol/l (normal).
  • TSH: 1,8 mU/L.
  • EKG: Sinusrhythmus, QTc 430 ms.
  • Hirn-CT (ohne Kontrastmittel): unauffällig.

Das CT-Ergebnis ist unauffällig. Für den Notarzt wird dies zum Ankerpunkt. Die Arbeitsdiagnose lautet postinfektiöse Enzephalopathie, wahrscheinlich metabolisch bedingt oder leicht entzündlich, bei einem Patienten mit kürzlich durchgemachter Gastroenteritis. Es wird eine intravenöse Rehydrierung eingeleitet, einschließlich glukosehaltiger Flüssigkeiten, zur Elektrolytkorrektur und Energiezufuhr. Eine neurologische Konsultation wird angefordert.

Neurologische Konsultation (23:50)

Der diensthabende Neurologe untersucht Claudia sorgfältig. Eine Rumpfataxie und eine Dysarthrie werden bestätigt. Dann bittet er sie – fast wie eine routinemäßige Ergänzung der neurologischen Untersuchung – ihren Blick langsam und bewusst seinem Finger zu folgen. Dabei zeigt sich ein subtiler Befund: ein feiner horizontaler Nystagmus, der beim Blick nach rechts deutlicher wird. Darauf war zuvor nicht gezielt geachtet worden. Er war nicht entdeckt worden. Der Neurologe notiert den Befund und überprüft anschließend die Medikamentenliste. Semaglutid. Er fragt den Ehemann, wie lange Claudia es bereits einnimmt, wie viel Gewicht sie in letzter Zeit verloren hat und wie ihre Nahrungsaufnahme aussah.

„Fast gar nichts“, antwortet der Ehemann. „Schon vor der Gastroenteritis hat sie sehr wenig gegessen. Und dann mit dem Erbrechen…“. Der Neurologe hält einen Moment inne. Dann wendet er sich an den Kollegen aus der Notaufnahme: „Haben Sie den Thiaminspiegel überprüft?“ Die Antwort lautet: nein. Es stand nicht auf der Liste. Es ist kein Routinetest. Ein Thiaminmangel ist nichts, woran man bei einer 44-jährigen Frau ohne Alkoholkonsum oder Lebererkrankungen in der Vorgeschichte denkt. „Fügen wir es hinzu“, sagt der Neurologe. Fast entschuldigend.

Erweiterte Untersuchungen und diagnostischer Wendepunkt (00:30)

Es werden dringende Laboruntersuchungen angeordnet:

  • Plasma-Thiamin: 18 nmol/L (Referenzbereich 70–180 nmol/L) → deutlich vermindert
  • Vitamin B12: 312 pg/mL (normal)
  • Folsäure: leicht vermindert

Der diagnostische Fokus verschiebt sich vollständig auf die Wernicke-Enzephalopathie. Noch bevor alle Ergebnisse vorliegen, hat der Neurologe aufgrund des klinischen Bildes und des starken Verdachts bereits eine empirische Behandlung mit hochdosiertem intravenösem Thiamin (500 mg über 30 Minuten, dreimal täglich) eingeleitet. Die Behandlung kann nicht auf eine biochemische Bestätigung warten.

Es ist wichtig zu beachten, dass Plasma-Thiamin-Spiegel erhebliche Einschränkungen hinsichtlich der Sensitivität, der Verfügbarkeit und der Durchlaufzeit aufweisen und daher nicht als Entscheidungsgrundlage für dringende klinische Maßnahmen empfohlen werden.

Am nächsten Morgen wird eine MRT des Gehirns mit Gadolinium durchgeführt. Der Befundbericht beschreibt symmetrische T2/FLAIR-Hyperintensitäten in den Mammillarkörpern (ein typischer Befund), den medialen Thalamus und der periaquäduktalen Region. Diese Befunde sind hochspezifisch und charakteristisch für die Wernicke-Enzephalopathie.

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Die richtige Antwort ist B.

Die Option B gibt die diagnostische Logik am besten wieder: Eine Kombination aus zerebellärer Ataxie, kognitiver Beeinträchtigung und Dysarthrie, die stark auf eine Wernicke-Enzephalopathie hindeutet, selbst wenn die klassische Trias nicht vollständig vorliegt, und die im Zusammenhang mit einem eindeutigen und messbaren Ernährungsrisiko auftritt.

Option D ist bewusst überzeugend: Sie enthält wichtige neurologische Symptome und einen plausiblen Auslöser, lässt jedoch die entscheidende Einbeziehung der Ernährungsgefährdung und des pharmakologischen Kontexts vermissen. Option A spiegelt den anfänglichen Verankerungsfehler wider: Alle Elemente sind real, aber die Interpretation ist fehlerhaft, da sie bei der offensichtlichsten Erklärung Halt macht. Option C ist eine Ablenkung, da die aufgeführten Anomalien in diesem Zusammenhang unspezifisch sind.

Der verborgene Mechanismus

Die Wernicke-Enzephalopathie ist ein akutes neurologisches Syndrom, das durch einen Thiaminmangel (Vitamin B1) verursacht wird. Thiamin ist ein essenzieller Cofaktor für Schlüsselenzyme im zellulären Energiestoffwechsel, darunter Pyruvatdehydrogenase, α-Ketoglutaratdehydrogenase und Transketolase, und sein Mangel führt zu einem selektiven Stoffwechselversagen in Hirnregionen mit hohem Energiebedarf: den Mammillarkörpern (der am häufigsten betroffenen Region), dem medialen Thalamus, der periaquäduktalen grauen Substanz und dem Kleinhirn.

Die Thiamin-Speicher des Körpers sind begrenzt (sie reichen ohne Zufuhr nur für 2–3 Wochen aus). Bei einer Kombination aus längerer Nahrungsrestriktion, wiederholtem Erbrechen und möglicherweise der Verabreichung von Kohlenhydraten ohne Thiamin-Supplementierung kann es schnell zu einem Mangel kommen.

In Claudias Fall kamen mindestens drei Faktoren zusammen:

  1. chronische Semaglutid-Anwendung mit ausgeprägter Appetitunterdrückung und verminderter Kalorien- und Mikronährstoffaufnahme;
  2. rascher Gewichtsverlust (ca. 2 kg/Monat), ein indirekter Marker für anhaltende Kalorienrestriktion;
  3. kürzlich aufgetretene Gastroenteritis mit wiederholtem Erbrechen, wodurch jegliche Restaufnahme verhindert wurde.

Ein weiterer, oft übersehener Faktor könnte dazu beigetragen haben: die iatrogene Auslösung. Die Verabreichung von intravenösen glukosehaltigen Flüssigkeiten in der Notaufnahme, die zwar Standard zur Rehydrierung ist, hat den Thiaminmangel wahrscheinlich verschlimmert, indem sie den Bedarf an thiaminabhängigen Enzymen erhöhte, die am Glukosestoffwechsel beteiligt sind. In diesem Zusammenhang war die Gastroenteritis nicht die Ursache der neurologischen Symptome. Sie war vielmehr der letzte Schritt in einem bereits in vollem Gange befindlichen Prozess.

Ein häufig auftretender Diagnosefehler

Autopsieuntersuchungen deuten darauf hin, dass die Wernicke-Enzephalopathie nur in etwa 20 % der Fälle vor dem Tod diagnostiziert wird. Bei nicht alkoholbedingten Krankheitsbildern liegt die Rate der vor dem Tod gestellten Diagnosen sogar noch niedriger, nämlich bei etwa 16 %. Der Grund dafür ist fast immer derselbe: Der Zusammenhang zwischen der Wernicke-Enzephalopathie und Alkoholismus ist so tief verwurzelt, dass es schwierig ist, die Diagnose außerhalb dieses Kontextes in Betracht zu ziehen. Das Risikoprofil hat sich jedoch in den letzten Jahren erheblich erweitert. Dazu gehören bariatrische Operationen, Chemotherapie, längere parenterale Ernährung, Hyperemesis gravidarum und mittlerweile zunehmend auch die Behandlung mit GLP-1-Rezeptoragonisten. Pharmakovigilanzdaten (einschließlich Analysen von VigiBase und der FDA-FAERS-Datenbank) haben ein aufkommendes Signal für eine mit Semaglutid und Tirzepatid assoziierte Wernicke-Enzephalopathie identifiziert. In den meisten gemeldeten Fällen hatten die Patienten unter Übelkeit, Erbrechen oder einer deutlich verminderten oralen Nahrungsaufnahme gelitten, häufig verbunden mit einem raschen Gewichtsverlust innerhalb kurzer Zeit. Die klassische Trias (Enzephalopathie, Ophthalmoplegie und Ataxie) liegt nur bei einer Minderheit der Patienten in vollständiger Form vor. In veröffentlichten Fallserien wird Nystagmus in etwa 29 % und Ophthalmoplegie in etwa 15 % der Fälle beobachtet. Das Abwarten der vollständigen Trias, bevor der Verdacht auf diese Diagnose besteht, bedeutet in den meisten Fällen, dass die Diagnose zu spät oder gar nicht gestellt wird.

Klinische Schlussfolgerung

Der Neurologe erkannte die Wernicke-Enzephalopathie in diesem Fall nicht sofort. Er verordnete Thiamin, „um sie auszuschließen“. Und doch verhinderte diese scheinbar unbedeutende Entscheidung bleibende neurologische Folgeschäden. Dank der sofortigen Behandlung zeigte Claudia eine rasche klinische Besserung: Innerhalb von 48–72 Stunden begann sich ihre Verwirrung aufzuklären, ihre Sprache wurde klarer und ihre Gangstabilität verbesserte sich deutlich. Nach zwei Wochen hatte sie die vollständige Wiederherstellung ihrer kognitiven Funktionen und der selbstständigen Gehfähigkeit erreicht, ohne neurologische Restdefizite bei der Nachuntersuchung. Die Wernicke-Enzephalopathie ist keine durch Alkoholmissbrauch verursachte Erkrankung. Es handelt sich um eine Erkrankung aufgrund eines Thiaminmangels, und jeder, der einem Risiko für einen Nährstoffmangel ausgesetzt ist, ist ein potenzieller Patient. Dazu gehören heute zunehmend auch Personen, die mit GLP-1-Rezeptoragonisten behandelt werden und unter schnellem Gewichtsverlust, anhaltender Übelkeit oder wiederholtem Erbrechen leiden. Es ist entscheidend, sich nicht mit der ersten plausiblen Erklärung zufriedenzugeben. Die Gastroenteritis war real. Das Erbrechen war real. Eine postinfektiöse Erschöpfung war plausibel. Aber die neurologischen Symptome passten nicht vollständig zu diesem Bild. Wenn die klinische Geschichte nicht ganz schlüssig ist, lohnt es sich zu fragen, was möglicherweise fehlt. Es ist unerlässlich, sich nicht mit der ersten plausiblen Erklärung zufriedenzugeben. Die Gastroenteritis war echt. Das Erbrechen war echt. Eine postinfektiöse Erschöpfung war plausibel. Doch die neurologischen Symptome passten nicht ganz zu diesem Bild. Wenn das klinische Bild nicht ganz schlüssig ist, lohnt es sich zu fragen, was möglicherweise fehlt. Ein Nystagmus zeigt sich nur, wenn aktiv danach gesucht wird. Bei Patienten mit akuten kognitiven Veränderungen und Ataxie ist eine sorgfältige Untersuchung der Augenbewegungen kein optionales Verfahren, sondern Teil der neurologischen Grunduntersuchung und kann den diagnostischen Prozess entscheidend neu ausrichten. Thiamin ist sicher, kostengünstig und weit verbreitet. Bei Patienten mit einem entsprechenden Krankheitsbild besteht kein Grund, die Behandlung aufzuschieben, während man auf eine Laborbestätigung wartet. Eine frühzeitige empirische Therapie kann den Unterschied zwischen vollständiger Genesung und einem irreversiblen Korsakoff-Syndrom ausmachen.

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Quellen:
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  2. Lev D, Leibowitz A, Lang A, Shlomai G, Twig G, Eden-Friedman Y, Engel T, Cukierman-Yaffe T, Dankner R, Gerstein HC, Goldman A. Glucagon-like peptide-1 receptor agonists and Wernicke encephalopathy: A pharmacovigilance study and literature review. Clin Nutr. 2026 Feb;57:106571. doi: 10.1016/j.clnu.2025.106571. Epub 2026 Jan 2. PMID: 41534460.
  3. Sheth K, Garza E, Saju A, Nazir N, Agarwal A. Wernicke Encephalopathy Associated With Semaglutide Use. Cureus. 2024 Jun 6;16(6):e61783. doi: 10.7759/cureus.61783. PMID: 38975533; PMCID: PMC11227085.
  4. Li S, Xing C. Wernicke encephalopathy: a mini review of the clinical spectrum, atypical manifestations, and diagnostic challenges. Front Neurol. 2025 Jul 16;16:1566366. doi: 10.3389/fneur.2025.1566366. PMID: 40740851; PMCID: PMC12307376.
  5. Galvin R, Bråthen G, Ivashynka A, Hillbom M, Tanasescu R, Leone MA; EFNS. EFNS guidelines for diagnosis, therapy and prevention of Wernicke encephalopathy. Eur J Neurol. 2010 Dec;17(12):1408-18. doi: 10.1111/j.1468-1331.2010.03153.x. PMID: 20642790.