Klinischer Fall: Milde Leberwerterhöhung bei jungem Erwachsenen Logo of esanum https://www.esanum.de

Milde Leberwerterhöhungen bei einem jungen Patienten

Ein 29-Jähriger mit seit Jahren mild erhöhten Transaminasen – abgetan als Steatose. Doch dann kommen Tremor, Dysarthrie und ein auffälliges Labormuster hinzu. Hätten Sie früher weitergedacht?

Fallvorstellung

Marc L., ein 29-jähriger Büroangestellter, stellte sich bei seinem Hausarzt mit zunehmender Müdigkeit, verminderter Konzentrationsfähigkeit und intermittierendem Handtremor vor. Er berichtete, dass sich die Symptome über mehrere Monate schleichend entwickelt hätten und seine Arbeitsfähigkeit zunehmend beeinträchtigten. Akute Beschwerden, Schmerzen oder kürzliche Erkrankungen verneinte er.

Marc lebte mit seiner Partnerin zusammen und hatte keine Kinder. Er beschrieb einen überwiegend sitzenden Lebensstil. Er war Nichtraucher und gab nur gelegentlichen Alkoholkonsum an, typischerweise beschränkt auf gesellschaftliche Anlässe. Den Konsum illegaler Drogen verneinte er; eine regelmäßige Medikamenteneinnahme bestand nicht.

Die körperliche Untersuchung war weitgehend unauffällig. Die Vitalzeichen lagen im Normbereich. Die neurologische Untersuchung ergab einen feinschlägigen Haltetremor, jedoch keine fokalen Defizite. Klinische Zeichen einer chronischen Lebererkrankung fanden sich nicht.

Vorgeschichte

Bereits drei Jahre zuvor waren im Rahmen einer arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung erstmals erhöhte Leberwerte aufgefallen, die sich im weiteren Verlauf als persistierend erwiesen. Zu jenem Zeitpunkt war der Patient asymptomatisch.

Die initialen Laborergebnisse umfassten:

  • ALT: 68 U/L (oberer Normwert 45)
  • AST: 52 U/L (oberer Normwert 40)
  • AP: 78 U/L (Referenzbereich 40–130)
  • Gesamtbilirubin: 0,8 mg/dl
  • INR: 1,0

Die Abdomensonographie zeigte eine milde Steatosis hepatis ohne Hinweis auf Fibrose. Eine weiterführende Abklärung wurde nicht eingeleitet. Serielle Verlaufskontrollen bestätigten eine stabile, aber persistierende Aminotransferasenerhöhung.

Die Screeninguntersuchungen auf virale, autoimmune und eisen-assoziierte Lebererkrankungen waren unauffällig.

Aktueller Krankheitsverlauf

Im Jahr vor der aktuellen Vorstellung entwickelte der Patient eine zunehmende Müdigkeit und dezente Verhaltensänderungen, darunter Reizbarkeit und verminderte kognitive Leistungsfähigkeit. Familienangehörige berichteten über subtile Veränderungen der Sprachflüssigkeit, die der Patient selbst zunächst nicht wahrgenommen hatte.

Laboruntersuchungen, die etwa drei Wochen vor der aktuellen Vorstellung erhoben wurden, zeigten:

  • ALT: 94 U/L
  • AST: 69 U/L
  • AP: 41 U/L (grenzwertig niedrig)
  • Gesamtbilirubin: 1,9 mg/dl (überwiegend indirekt)
  • LDH: erhöht
  • Haptoglobin: nicht nachweisbar

Diese Laborkonstellation sprach für eine begleitende Hämolyse bei gleichzeitig persistierender hepatozellulärer Schädigung.

Bemerkenswert war, dass der Quotient AP/Gesamtbilirubin <4 betrug – ein Parameterwert, der bei bestimmten metabolischen Erkrankungen einen wichtigen diagnostischen Hinweis liefern kann. Obwohl der Verlauf bei Marc chronisch war, wurde die disproportionale Erniedrigung der AP im Verhältnis zum Bilirubin als klinisch bedeutsam gewertet.

Neurologische Beurteilung

Die neurologische Untersuchung, durchgeführt etwa sechs Wochen nach der initialen hausärztlichen Vorstellung, bestätigte:

  • einen feinschlägigen Haltetremor,
  • eine milde Dysarthrie.

Eine kraniale MRT, die sechs Monate zuvor durchgeführt worden war, war als unauffällig befundet worden. Retrospektiv trug der unauffällige MRT-Befund zur diagnostischen Verankerung bei. Bei bestimmten metabolischen oder toxischen Erkrankungen treten charakteristische T2-Signalalterationen in den Basalganglien erst in fortgeschritteneren Stadien auf – das Fehlen früher bildgebender Veränderungen kann daher die diagnostische Zuordnung erheblich verzögern.

Diagnostische Neubewertung

In der hepatologischen Mitbeurteilung gab die Konstellation aus persistierenden hepatozellulären Enzymerhöhungen, diskreten neurologischen Befunden und laborchemischen Hinweisen auf eine Hämolyse Anlass zu einer weiterführenden diagnostischen Abklärung. Eine schlüssige Einordnung des Gesamtbefundes in das Spektrum gängiger hepatischer oder neurologischer Erkrankungen war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.

Wiederholte Laboruntersuchungen ergaben:

  • ALT: 97 U/L (oberer Normwert 45)
  • AST: 72 U/L (oberer Normwert 40)
  • Alkalische Phosphatase (AP): 39 U/L (Referenzbereich 40–130)
  • Gesamtbilirubin: 2,1 mg/dl (überwiegend indirekt)
  • LDH: erhöht
  • Haptoglobin: nicht nachweisbar

Der disproportional niedrige AP-Wert im Verhältnis zum Bilirubin stellte zusammen mit den laborchemischen Hämolysezeichen ein atypisches Muster dar. Während jede einzelne Auffälligkeit für sich genommen unspezifisch war, ließ deren Kombination den Verdacht auf eine zugrunde liegende metabolische Erkrankung aufkommen. Gezielte metabolische Untersuchungen wurden deswegen daraufhin veranlasst:

  • Coeruloplasmin im Serum: 18 mg/dl (Referenzbereich 20–40)

Obwohl nur mäßig erniedrigt, wurde dieser Befund im Zusammenhang mit dem klinischen und biochemischen Gesamtkontext als pathologisch gewertet.

Zu diesem Zeitpunkt blieb die diagnostische Zuordnung noch unsicher.

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Diagnostisches Ergebnis

Die Bestimmung der Kupferausscheidung im 24-Stunden-Sammelurin ergab deutlich erhöhte Werte. Die anschließende Spaltlampenuntersuchung erbrachte den Nachweis bräunlich-grüner, peripher betonter kornealer Ablagerungen im Bereich der Descemet-Membran, vereinbar mit dem Vorliegen von Kayser-Fleischer-Ringen.

Eine genetische Analyse bestätigte den Nachweis biallelischer pathogener Varianten im ATP7B-Gen, das für einen hepatozellulären Kupfertransporter kodiert. Die Gesamtkonstellation der Befunde sicherte die Diagnose eines Morbus Wilson mit kombinierter hepatischer und neurologischer Beteiligung.

Die diagnostische Einordnung war kongruent mit dem Leipzig-Score, der klinische Merkmale (Kayser-Fleischer-Ringe, neurologische Symptome), biochemische Marker (erniedrigtes Coeruloplasmin, erhöhtes Kupfer im Urin) und die genetische Testung integriert.

Sofern verfügbar, können neuere Biomarker des Kupferstoffwechsels (wie das austauschbare Kupfer bzw. „Relative Exchangeable Copper") die diagnostische Abklärung zusätzlich unterstützen.

Klinischer Verlauf und Komplikationen

Zum Zeitpunkt der Diagnosestellung schritt die neurologische Symptomatik rasch fort, mit Verschlechterung von Tremor, Dysarthrie und Ganginstabilität. Auch die hepatische Beteiligung nahm zu, erkennbar an einer abnehmenden Synthesefunktion:

  • INR progressiv ansteigend von 1,2 auf 1,8;
  • Serumalbumin: erniedrigt.

Episoden einer hämolytischen Anämie traten zunehmend in den Vordergrund und spiegelten die systemischen Auswirkungen der Kupfertoxizität wider.

Eine Chelattherapie wurde umgehend nach Diagnosestellung eingeleitet. Die neurologische Erholung blieb jedoch unvollständig, was mit der Beobachtung übereinstimmt, dass fortgeschrittene neurologische Schädigungen nur teilweise reversibel sein können. Angesichts der zunehmenden hepatischen Dekompensation erfolgte schließlich die Vorstellung in einem Transplantationszentrum zur Evaluation einer Lebertransplantation.

Klinische Überlegungen und Diskussion

Dieser Fall veranschaulicht, wie persistierende, aber milde Leberwerterhöhungen zu diagnostischer Verzögerung führen können – insbesondere, wenn konkurrierende Befunde wie eine Steatosis hepatis eine plausible Erklärung zu liefern scheinen. Bei jungen Erwachsenen nimmt die Prävalenz der metabolisch assoziierten steatotischen Lebererkrankung (MASLD) zwar zu, sie muss jedoch stets eine Ausschlussdiagnose bleiben.

Die neurologischen Auffälligkeiten, Hämolysezeichen und die disproportional niedrigen alkalischen Phosphatase stellten entscheidende diagnostische Hinweise dar. Hervorzuheben ist, dass die Coeruloplasminkonzentration lediglich grenzwertig erniedrigt war – ein Befund, der die diagnostische Limitierung singulärer Teststrategien und die Notwendigkeit einer multiparametrischen Befundintegration unterstreicht.

Die verzögerte Diagnosestellung ermöglichte eine Krankheitsprogression mit teilweise irreversibler neurologischer Schädigung und fortgeschrittener hepatischer Dysfunktion – trotz der Verfügbarkeit einer effektiven krankheitsmodifizierenden Therapie.

Kernbotschaften

An Morbus Wilson denken: Bei jungen Erwachsenen sollte eine persistierende Aminotransferasenerhöhung ohne eindeutige Ursache stets an einen Morbus Wilson denken lassen – auch wenn die Auffälligkeiten gering sind und das klinische Bild zunächst unauffällig erscheint.

Auf die AP achten: Routinemäßige Leberwerte können entscheidende diagnostische Hinweise verbergen. Eine disproportional niedrige alkalische Phosphatase im Verhältnis zum Bilirubin stellt insbesondere in Kombination mit Hämolysezeichen ein wichtiges Warnsignal für Kupferstoffwechselstörungen dar.

Über die Steatose hinausdenken: Eine Steatosis hepatis ist häufig, bei jungen Patienten jedoch muss sie stets eine Ausschlussdiagnose bleiben. Der bildgebende Nachweis einer Steatosis hepatis darf keine diagnostische Schließung bewirken, solange klinische oder laborchemische Diskrepanzen den Verdacht auf eine zugrunde liegende oder konkurrierende Erkrankung aufrechterhalten.

Diagnostischen Abschluss vermeiden: Häufige Diagnosen erklären häufige Befunde, doch Seltene Erkrankungen verbergen sich oft dahinter. Eine persistierende Diskordanz zwischen klinischen Befunden und Routineuntersuchungen sollte stets Anlass zu erneuter diagnostischer Aufmerksamkeit sein.

Morbus Wilson in der klinischen Praxis

Der Morbus Wilson ist eine seltene autosomal-rezessiv vererbte Kupferstoffwechselstörung, die durch pathogene Varianten im ATP7B-Gen verursacht wird und zu einer gestörten biliären Kupferexkretion mit progredienter Kupferakkumulation führt. Die geschätzte Prävalenz beträgt etwa 1:30.000 mit einer Heterozygotenfrequenz von ungefähr 1:90, wobei regionale Unterschiede bestehen. Aufgrund mangelnder richtig gestellter Diagnosen und phänotypischer Heterogenität könnte die tatsächliche Prävalenz höher liegen als traditionell angenommen.

Die klinische Manifestation erfolgt typischerweise zwischen dem ersten und vierten Lebensjahrzehnt, am häufigsten in der Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter. Hepatische Manifestationen dominieren häufig bei Kindern und jüngeren Patienten, während neurologische und neuropsychiatrische Symptome eher bei Jugendlichen und Erwachsenen beobachtet werden. Das Alter bei Diagnosestellung variiert erheblich, und eine verzögerte Erkennung bleibt häufig – insbesondere bei Patienten mit milden oder unspezifischen Frühbefunden.

Die Diagnose erfordert eine zusammenfassende Bewertung aller Symptome und Parameter unter Einbeziehung biochemischer Marker (einschließlich Coeruloplasmin und Kupferausscheidung im 24-Stunden-Sammelurin), ophthalmologischer Untersuchung und genetischer Testung. Kein einzelner Parameter ist ausreichend, um die Erkrankung auszuschließen. Eine frühe Diagnosestellung ist essentiell, da die rechtzeitige Einleitung einer kupfersenkenden Therapie irreversible hepatische und neurologische Schädigungen verhindern kann, während eine verzögerte Diagnose zu progredienter Organdysfunktion und bleibenden neurologischen Folgeschäden führen kann.

Quellen:
  1. European Association for the Study of the Liver. EASL-ERN Clinical Practice Guidelines on Wilson's disease. J Hepatol. 2025 Feb 22:S0168-8278(24)02706-5. doi: 10.1016/j.jhep.2024.11.007. Epub ahead of print. PMID: 40089450.
  2. Członkowska A, Litwin T, Dusek P, Ferenci P, Lutsenko S, Medici V, Rybakowski JK, Weiss KH, Schilsky ML. Wilson disease. Nat Rev Dis Primers. 2018 Sep 6;4(1):21. doi: 10.1038/s41572-018-0018-3. PMID: 30190489; PMCID: PMC6416051.
  3. Shribman S, Poujois A, Bandmann O, Czlonkowska A, Warner TT. Wilson's disease: update on pathogenesis, biomarkers and treatments. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2021 Oct;92(10):1053-1061. doi: 10.1136/jnnp-2021-326123. Epub 2021 Aug 2. PMID: 34341141.
  4. Orphanet. Wilson disease. Orphanet Rare Disease resource. 

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