Klinischer Fall: Vermeintliche Migräne mit dramatischem Verlauf Logo of esanum https://www.esanum.de

Kopfschmerz und Migräne-Verdacht – bis das Blutbild alles ändert

Aus einer vermeintlichen Migräne wird über das Wochenende eine neurologische Verschlechterung – und in der Notaufnahme sorgen die Laborbefunde für eine Überraschung. Erkennen Sie die Diagnose?

Ein häufiges Beschwerdebild

Sara ist 26 Jahre alt, arbeitet als Grafikdesignerin, raucht nicht und nimmt keine Dauermedikation ein. Zwei Wochen vor Symptombeginn hatte sie einen Infekt der oberen Atemwege, der spontan ausheilte. In ihrer Anamnese finden sich weder eine Migräne noch rezidivierende zyklische oder menstruationsassoziierte Kopfschmerzen.

Ihr Hausarzt sieht sie an einem Dienstagmorgen. Die Kopfschmerzen sind intensiv, pulsierend und linksseitig, begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Photophobie. Es bestehen keine Meningismuszeichen, keine fokal-neurologischen Defizite und kein Fieber.

Das klinische Bild ist mit einer ersten Migräneepisode vereinbar – keine ungewöhnliche Diagnose in dieser Altersgruppe. Ibuprofen und Metoclopramid werden verordnet, mit der Anweisung, sich erneut vorzustellen, falls die Symptome länger als 48 bis 72 Stunden anhalten.

Fünf Tage später meldet sich Sara erneut in der Praxis. Die Kopfschmerzen haben sich nicht gebessert, sie sind im Gegenteil dauerhaft geworden. Zudem berichtet sie über ausgeprägte Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit und zunehmende Konzentrationsschwierigkeiten. Ihr Hausarzt vermutet naheliegenderweise eine NSAR-refraktäre Migräne und ergänzt ein Triptan. Ein neurologischer Termin wird für die folgende Woche vereinbart.

Samstagnacht in der Notaufnahme

Am Samstagabend bemerkt Saras Partner, dass Sara Schwierigkeiten hat, Fragen zu beantworten, dass ihre Sprache verwaschen ist und ihr rechter Arm schwach erscheint. Er bringt sie in die Notaufnahme.

Der Notarzt erhebt die Anamnese überwiegend vom Partner, da Sara nur eingeschränkt kooperationsfähig ist. In der Untersuchung zeigt sie sich desorientiert, mit expressiver Aphasie, Dysarthrie und einer leichten rechtsseitigen Hemiparese. Zudem fällt ein leichter Sklerenikterus auf. Die Vitalparameter liegen im Normbereich, die Temperatur beträgt 37,2 °C.

Das unmittelbare Problem ist ein akutes fokal-neurologisches Defizit bei einer jungen Frau ohne bekannte kardiovaskuläre Risikofaktoren. Die initiale Differentialdiagnose umfasst einen akuten ischämischen Schlaganfall, eine Meningoenzephalitis sowie eine strukturelle intrakranielle Pathologie. Die Akutversorgung bei Verdacht auf Schlaganfall wird eingeleitet.

Die Bildgebung ist jedoch unerwartet unauffällig. Die native kraniale CT zeigt weder eine Blutung noch Frühzeichen einer Ischämie. Die CT-Angiografie der supraaortalen und intrakraniellen Gefäße ist normal. Die native MRT des Schädels weist keine Diffusionsrestriktion, keine Blutung, kein Ödem und keine raumfordernden Läsionen auf. Eine kleine T2-Hyperintensität in der rechten Kleinhirnhemisphäre wird als benigner perivaskulärer Raum interpretiert.

Die Routine-Blutuntersuchung offenbart gleichzeitig ein völlig anderes Bild: Hämoglobin 8,6 g/dl, Thrombozyten 22.000/µl, LDH 912 U/l, Gesamtbilirubin 3,1 mg/dl (direktes Bilirubin 0,4 mg/dl), nicht nachweisbares Haptoglobin, Kreatinin 0,91 mg/dl, INR und aPTT im Normbereich.

Angesichts einer schweren Thrombozytopenie und laborchemischer Hämolysezeichen bei einer Patientin mit neurologischer Symptomatik und unauffälliger Bildgebung fordert der Notarzt umgehend einen peripheren Blutausstrich an. Das Ergebnis ist eindrücklich: Es zeigen sich zahlreiche Schistozyten.

Welche Verdachtsdiagnose haben Sie, wenn Sie die Fallbeschreibung genauer betrachten? Welche Fragen würden Sie dem Patienten stellen, um den Fall zu lösen?

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Diagnostische Überlegungen

Der entscheidende diagnostische Hinweis in diesem Fall ist die Kombination aus schwerer Thrombozytopenie, hämolytischer Anämie und Schistozyten im peripheren Blutausstrich bei einer Patientin mit akuter neurologischer Symptomatik und unauffälliger Bildgebung. Diese Konstellation spricht stark für eine thrombotische Mikroangiopathie (TMA).

Unter den TMA-Syndromen deutet die Präsentation klar auf eine thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP) hin. Die neurologischen Manifestationen stehen im Vordergrund, die Nierenfunktion ist erhalten, und die Gerinnungsparameter sind normal – Befunde, die in ihrer Gesamtheit gegen eine disseminierte intravasale Gerinnung oder ein atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom (aHUS) sprechen.

Ein akuter ischämischer Schlaganfall (Option B) ist bei einem akuten fokal-neurologischen Defizit die erste klinisch sinnvolle Hypothese, und die Einleitung der Akutversorgung bei Verdacht auf Schlaganfall ist völlig angemessen. Das Fehlen einer akuten Ischämie in der MRT, kombiniert mit der schweren Hämolyse und Thrombozytopenie, lässt sich jedoch nicht allein als reaktives Phänomen im Rahmen eines Schlaganfalls erklären.

Eine bakterielle Meningoenzephalitis mit DIC (Option C) kann sich mit Kopfschmerzen, verändertem Bewusstsein, Fieber und Thrombozytopenie äußern. Die DIC ist jedoch durch Gerinnungsstörungen gekennzeichnet (erhöhter INR, verlängerte aPTT, niedriges Fibrinogen, erhöhte D-Dimere) – von denen hier keine vorliegt.

Der systemische Lupus erythematodes (Option D) ist bei einer jungen Frau eine wichtige Differentialdiagnose. Der neuropsychiatrische Lupus und Immunzytopenien sind gut bekannte Manifestationen. Dennoch priorisiert das Vorliegen von Schistozyten – als Ausdruck einer mikroangiopathischen Hämolyse – klar die TTP als unmittelbare Arbeitsdiagnose. Wichtig ist: Der SLE selbst kann gelegentlich eine sekundäre TTP auslösen.

Das atypische HUS (Option E) stellt die naheliegendste Alternativdiagnose dar, da es denselben Mechanismus der thrombotischen Mikroangiopathie sowie die Kombination aus hämolytischer Anämie und Thrombozytopenie teilt. Die Unterscheidung beruht maßgeblich auf der Organbeteiligung: Beim aHUS dominiert in der Regel die Nierenschädigung, während neurologische Manifestationen eher für eine TTP charakteristisch sind. In diesem Fall verschieben die erhaltene Nierenfunktion sowie die ausgeprägten neurologischen Defizite die Wahrscheinlichkeit in Richtung TTP.

Die Diagnose festigen

Die Kombination aus mikroangiopathischer hämolytischer Anämie, schwerer Thrombozytopenie und fluktuierender neurologischer Symptomatik bei fehlenden strukturellen Läsionen in der Bildgebung definiert eine thrombotische Mikroangiopathie.

Die neurologischen Manifestationen bei der TTP werden durch diffuse, thrombozytenreiche Mikrothromben verursacht, die zu einer transienten oder fluktuierenden zerebralen Ischämie führen – häufig ohne in der Standardbildgebung sichtbaren Verschluss großer Gefäße.

Der diensthabende Hämatologe wird unverzüglich kontaktiert. Vor Therapiebeginn wird am Krankenbett der PLASMIC-Score berechnet. Bei Sara zeigen sich:

  • Thrombozytenzahl unter 30.000/µl
  • keine aktive Krebserkrankung
  • keine Stammzelltransplantation in der Anamnese
  • normales MCV
  • INR unter 1,5
  • Kreatinin unter 2,0 mg/dl
  • eindeutige Hämolysezeichen

Der Gesamtscore beträgt 6 von 7 Punkten, was für eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen schweren ADAMTS13-Mangel und damit für eine TTP spricht.

Eine ADAMTS13-Bestimmung wird veranlasst, doch die Ergebnisse werden frühestens in 24 bis 48 Stunden vorliegen. Die aktuellen Leitlinien sind eindeutig: Die Therapie darf nicht hinausgezögert werden, während man auf die laborchemische Bestätigung wartet. Es wird die Verdachtsdiagnose einer erworbenen immunvermittelten TTP gestellt, und es werden umgehend ein notfallmäßiger therapeutischer Plasmaaustausch in Kombination mit hochdosiertem intravenösen Methylprednisolon eingeleitet.

Therapie und klinischer Verlauf

Das ADAMTS13-Ergebnis liegt am folgenden Morgen vor und bestätigt einen schweren Mangel mit einer Aktivität unter 5 % sowie einem positiven Inhibitortiter von 2,4 Bethesda-Einheiten, womit die Diagnose einer erworbenen immunvermittelten TTP (iTTP) gesichert ist.

Sara erhält täglich einen therapeutischen Plasmaaustausch. Jede Sitzung ersetzt das fehlende ADAMTS13 und entfernt zugleich den zirkulierenden Autoantikörper sowie die ultragroßen von-Willebrand-Faktor-Multimere, die für die Thrombozytenaggregation und die mikrovaskuläre Thrombosierung verantwortlich sind. Das tägliche Monitoring umfasst Thrombozytenzahl, LDH, Bilirubin und Haptoglobin.

Nach den ersten beiden Plasmaaustauschsitzungen steigt die Thrombozytenzahl auf 48.000/µl, und die LDH beginnt zu sinken. Die neurologische Symptomatik bessert sich rasch: Die Aphasie wird weniger ausgeprägt, und Sara erlangt zunehmend die Fähigkeit zurück, Aufforderungen zu befolgen und sich verständlich zu äußern.

Angesichts der Schwere der initialen Präsentation und des bestätigten Inhibitortiters wird an Tag drei Rituximab ergänzt. Ziel ist sowohl die Unterdrückung der Anti-ADAMTS13-Autoantikörperproduktion als auch die Senkung des Risikos eines frühen Rezidivs, das in den ersten Jahren nach Diagnosestellung weiterhin erheblich ist.

Caplacizumab wird vom interdisziplinären Team formell erwogen. Angesichts des raschen hämatologischen Ansprechens nach den ersten Plasmaaustauschsitzungen, der ausbleibenden weiteren neurologischen Verschlechterung sowie institutioneller Gegebenheiten hinsichtlich der unmittelbaren Verfügbarkeit fällt die Entscheidung jedoch gegen eine Gabe.

An Tag fünf erreicht die Thrombozytenzahl 156.000/µl. Die LDH normalisiert sich an Tag sechs. Die neurologischen Defizite bilden sich bis Tag sieben vollständig zurück, mit kompletter Wiederherstellung von Sprache und rechtsseitiger Motorik. Insgesamt absolviert Sara sechs Plasmaaustauschsitzungen.

Bei der Entlassung an Tag neun zeigen die Laborparameter ein Hämoglobin von 10,2 g/dl, Thrombozyten von 298.000/µl, eine LDH von 165 U/l, ein Gesamtbilirubin von 0,3 mg/dl und eine ADAMTS13-Aktivität von 81 %. Sie wird mit engmaschiger hämatologischer Nachsorge, einer über acht Wochen ausschleichenden oralen Prednisolon-Therapie und einem geplanten ADAMTS13-Monitoring nach 1, 3 und 6 Monaten entlassen.

Diskussion

Die TTP ist selten – mit einer geschätzten jährlichen Inzidenz von etwa 1,5 bis 6 Fällen pro Million Erwachsene –, ging jedoch vor Einführung der Plasmaaustauschtherapie historisch mit einer Mortalität von über 90 % einher. Die moderne Therapie hat die Sterblichkeit drastisch gesenkt, doch eine verzögerte Diagnose bleibt einer der stärksten Prädiktoren für einen ungünstigen Verlauf.

Dieser Fall veranschaulicht eine vertraute klinische Dynamik: eine initiale Präsentation, die mit einer häufigen, gutartigen Diagnose vereinbar ist und sich allmählich zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung entwickelt. Das Problem war kein diagnostischer Fehler. Vielmehr war es das Ausbleiben einer einfachen und überall verfügbaren Untersuchung (nämlich eines großen Blutbildes) im Verlauf eines fortschreitenden neurologischen Syndroms.

Nicht jeder Kopfschmerz erfordert eine umfangreiche Abklärung – das ist nicht die Lehre dieses Falls. Entscheidend ist vielmehr, dass Persistenz, Progredienz und subtile systemische Zeichen wie Müdigkeit oder ein leichter Ikterus die Schwelle für eine basale hämatologische Abklärung senken sollten. Denn in seltenen Fällen kann ein einziger Test die Diagnose radikal verändern und über das Überleben entscheiden.

Aus praktischer Sicht ist das Erkennen der thrombotischen Mikroangiopathie als klinische Entität der entscheidende erste Schritt. Die Kombination aus unerklärter Thrombozytopenie und mikroangiopathischer hämolytischer Anämie genügt, um eine umgehende fachärztliche Einbindung und die unmittelbare Erwägung einer Therapie auszulösen – noch bevor die ADAMTS13-Ergebnisse vorliegen.

Der PLASMIC-Score hat sich in diesem Zusammenhang zu einem wichtigen Bedside-Instrument entwickelt. Ein Score von 6 oder 7 identifiziert Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen schweren ADAMTS13-Mangel und rechtfertigt den umgehenden Beginn eines Plasmaaustauschs, während man auf die bestätigende Testung wartet.

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Quellen
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