Klinischer Fall zum Mitraten: Wenn die Antibiose nicht wirkt Logo of esanum https://www.esanum.de

„Da stimmt etwas nicht": Wenn die Pneumonie keine Pneumonie ist

Ein 45-jähriger Mann, hohes Fieber, quälender Husten, stark erhöhte Entzündungswerte – die Diagnose scheint klar. Doch die Antibiose wirkt nicht, drei Kliniken schicken ihn weg, es findet sich kein Fokus. Die Ärztin spürt: Hier wird etwas übersehen. Was hat der Patient?

Zu Katja Wagenführer

Katja Wagenführer ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und arbeitet seit rund zwölf Jahren als Hausärztin und seit 5 Jahren in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Friedberg (Hessen). Regelmäßige Einblicke gibt sie auf ihrem Instagramprofil Hausärztin mit Herz. In ihrem Praxisalltag begegnen ihr täglich die unterschiedlichsten Beschwerdebilder, von der harmlosen Erkältung bis zur ernsten Erkrankung, die sich zunächst hinter unspezifischen Symptomen verbirgt. Genau einen solchen Fall, der sie besonders gefordert und über mehrere Wochen begleitet hat, schildert sie im Folgenden und beschreibt dabei ihr Vorgehen. Welche Diagnose würden Sie stellen?

Erstvorstellung

Januar/Infektsaison:

Ein 45 jähriger Mann, mit deutlicher Beeinträchtigung des Allgemeinzustandes, seit einer Woche stärkste Gliederschmerzen, starke Halsschmerzen, thorakale Schmerzen und Engegefühl, extrem schlapp, Fieber bis 39,5 Grad.

Innerhalb der laufenden Woche ist die Symptomatik schlechter geworden. Sein Husten tritt auch nachts auf (unproduktiv, trocken und schmerzhaft). Er klagt zudem über Kopfschmerzen.

Er ist Nichtraucher, in der Familie ist außer ihm kein anderer erkrankt, keine Vorerkrankungen, keine Dauermedikation. Keine Auslandsaufenthalte. RR 120/80mmHg, Puls 110/min, Sauerstoffsättigung 98%, Körpertemperatur 38,8 Grad, Hautkolorid rosig.

Die körperliche Untersuchung zeigt: Lunge: o.p.B (das machte mich stutzig), Rachen: gerötet, Tonsillen o.p.B, Ohren: o.p.B, Lymphknoten nuchal geschwollen, occipital und retroauriculär o.p.B, NNH: kein Druckschmerz. Abdomen: o.p.B, Cor: o.p.B, Haut o.p.B, kein Meningismus, Bewegungsapparat o.p.B, neurologisch unauffällig, kein Brennen beim Wasserlassen.

Mein Vorgehen:

Labor abgenommen, EKG geschrieben (o.p.B), Medikation: Rezept Antibiose (Amoxi/Clav 875/125 1-0-1).

Das Labor rief mich nachmittags an:

  • CRP 127 (Normwert <5)
  • Leukozytose 14,5
  • BSG 38 (Norm <15)
  • Thrombozytose 373

Ich rief den Patienten an und bat ihn darum, direkt mit der Antibiose zu beginnen.

Meine Verdachtsdiagnose war eine Pneumonie.

 4 Tage später

Der Patient stellt sich vier Tage nach der Erstaufnahme wieder vor, denn die Antibiose hatte nicht angeschlagen, sodass sich die Symptomatik verschlechterte:

Weiterhin Fieber bis 39,5 Grad, Reduktion des AZ, Tachypnoe und schmerzhafter Husten, Tachykardie 110/min.

Für eine stationäre Aufnahme rief ich deshalb in mehreren Krankenhäusern in der ZNA an. Aber: Alle Kliniken waren abgemeldet und hatten keine Betten mehr. Außerdem wollte der Patient nicht ins Krankenhaus, stattdessen wollte er es ambulant abklären lassen.

Ich gab ihm eine Überweisung zum Röntgen mit, ein Termin war am nächsten Tag möglich.

Da die Antibiose nicht angeschlagen war, stellte ich bei nun bestehendem Verdacht auf eine atypische Pneumonie auf Azithromycin 500 mg 1-0-0 um.

Um die Infektparameter zu kontrollieren, veranlasste ich nochmal eine Laboruntersuchung.

Gegen Abend desselben Tages ging es dem Patienten so schlecht, dass ihn seine Frau ins Krankenhaus fuhr. Dort wurde er noch am selben Tag mit der Diagnose Grippaler Infekt wieder entlassen.

Um die Ursache des Infekts näher zu bestimmen, wurde im Krankenhaus eine Abdomensonographie gemacht: o.p.B. EKG: o.p.B (wobei HF 110/min), Röntgen-Thorax: o.p.B. Außerdem wurde Blut abgenommen. Die Laborwerte wurden vor der Entlassung nicht mit dem Patienten besprochen. Er ging ohne ein Abschlussgespräch.

Labor im Entlassungsbrief: Leukozytose, CRP stark erhöht (11 bei Normwert <0,5), Neutrophile waren erhöht, Ergebnisse der Blutkulturen standen noch aus, zudem extrem auffällige Schilddrüsenwerte. Da sie auf der zweiten Seite ganz unten standen, waren sie vom Patienten selbst übersehen worden.

Erst über eine Woche  nach seiner Vorstellung im KH kam der Patient wieder zu mir. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Entlassungsbrief noch nicht gesehen. Er kam zur Verlängerung seiner AU und zum erneuten Labor. Die Ergebnisse zeigten CRP und BSG sowie Leukozyten leicht rückläufig. Der Patient hatte jedoch weiterhin Beschwerden, u.a. hohes Fieber. Seine AU lief mittlerweile schon fast 2 Wochen. Ein Infektfokus war bis dato nicht gefunden worden.

Bei seiner erneuten Vorstellung, hatte der Patient den Entlassungsbrief aus dem KH nicht dabei. Im Verlauf machten wir zwei Tage später nochmal ein Labor und endlich bekam ich auch den Entlassungsbrief zu Gesicht. Mittlerweile waren die Entzündungswerte wieder angestiegen. Es ging ihm so schlecht, dass er kaum noch aufstehen konnte und 7 kg an Gewicht verloren hatte.

Welche Verdachtsdiagnose haben Sie, wenn Sie die Fallbeschreibung genauer betrachten? Welche Fragen würden Sie dem Patienten stellen, um den Fall zu lösen?

Gerne können Sie dies in der Kommentarfunktion diskutieren. Die Auflösung folgt in Kürze.

Finden Sie heraus, ob Sie richtig lagen

Der Schlüssel zur richtigen Diagnose

Fast 14 Tage nach dem Erstkontakt sah ich im Gespräch mit ihm plötzlich die Schilddrüsenwerte, die im KH abgenommen worden waren. Das war für mich der Aha-Moment:

  • TSH: 0,010 mU/L  reduziert
  • fT3: 4,76 pg/ml gesteigert
  • fT4: 2,30 ng/dl gesteigert

In Kombination mit einem hohen CRP, hoher BSG (Sturzsenkung), Leukozytose mit Neutrophilie und Thrombozytose war mir die Diagnose sofort klar: Thyreoiditis de Quervain.

Zur Erklärung: Bei der Thyreoiditis de Quervain kann es infolge eines viralen Infekts zu einer entzündlichen Zerstörung von Schilddrüsenfollikeln kommen. Dadurch werden bereits gespeicherte Schilddrüsenhormone aus den zerstörten Follikeln freigesetzt. Deshalb steigen fT3 und fT4 an, wobei gleichzeitig durch das hohe Hormonangebot das TSH unterdrückt wird (über die negative Rückkopplung).

Merksatz: Die Hyperthyreose entsteht nicht durch eine vermehrte Hormonproduktion, sondern durch die Freisetzung bereits gebildeter Hormone aus den zerstörten Schilddrüsenfollikeln.

Bezüglich der Symptome des Patienten: Husten gehört nicht zu den typischen Symptomen einer Thyreoiditis de Quervain. Er kann jedoch im Rahmen eines vorausgegangenen viralen Infekts der Atemwege auftreten, der als möglicher Auslöser der Erkrankung gilt.

Typische Symptome einer Thyreoiditis de Quervain:

  • Starke Schmerzen im Bereich der Schilddrüse (wurden vom Patienten als Halsschmerzen beschrieben)
  • Ausstrahlung der Schmerzen in Kiefer, Ohr, Kopf  (er hatte Kopfschmerzen)
  • Fieber und ausgeprägtes Krankheitsgefühl
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Tachykardie durch die Hyperthyreose (sein Puls lag bei 110/min)
  • Gewichtsabnahme (7Kg), Schwitzen, Zittern (hatte er ebenfalls).

Bei deutlich reduziertem Allgemeinzustand, Schmerzen, hohem Fieber, klinisch relevanter Hyperthyreose bei Thyreoiditis de Quervain, habe ich den Patienten stationär eingewiesen.

Verlauf und stationärer Aufenthalt

Der Patient verbrachte sieben Tage stationär im Uniklinikum:

Therapie:

  • Sofortiger Beginn einer oralen Kortisontherapie
  • Pantoprazol als Magenschutz unter Kortison- und NSAR-Therapie
  • Ibuprofen
  • Propranolol zur Frequenzkontrolle bei Tachykardie
  • Calcium und Colecalciferol zur Osteoporoseprophylaxe

Initial erhielt der Patienten stationär eine dreitägige Prednisolon-Stoßtherapie, mit anschließendem Ausschleichschema über zwölf Wochen. Unter der Therapie erfolgte eine OsteoporoseProphylaxe sowie ein Magenschutz. Blutdruck und HbA1c wurden im Verlauf hausärztlich kontrolliert. Ein endokrinologischer Kontrolltermin erfolgte vier Wochen nach Entlassung.

Vier Wochen nach dem endokrinologischen Kontrolltermin stellte sich der Patient erneut in unserer Praxis vor. In der abschließenden Laborkontrolle lagen sämtliche Laborwerte wieder im Normbereich. Die ergänzend durchgeführte Schilddrüsensonographie zeigte einen unauffälligen Befund.

Was ich aus diesem Fall mitnehme:

Wenn der klinische Verlauf nicht zur vermeintlichen Diagnose passt und eine Therapie nicht den erwarteten Erfolg bringt, ist es Zeit, die bisherige Annahme zu hinterfragen. Manchmal liegt die Ursache dort, wo man sie zunächst nicht vermutet. Laborwerte sind nur dann hilfreich, wenn sie im klinischen Kontext interpretiert werden.

Dieser Fall hat mich daran erinnert, dass Medizin bedeutet, die einzelnen Puzzleteile immer wieder neu zusammenzusetzen und die eigene erste Annahme zu hinterfragen. Denn manchmal führt erst ein scheinbar kleines Detail zur richtigen Diagnose.

Am meisten berührt hat mich aber die Dankbarkeit des Patienten. Genau deshalb liebe ich meinen Beruf. Ein schwer kranker Mensch saß vor mir und am Ende konnte er gesund nach Hause gehen.. Einen Menschen auf diesem Weg begleiten zu dürfen, gehört zu den erfüllendsten Momenten unseres Berufs!

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