Verlauf
Bizarre konfigurierte Hautläsionen lassen zumeist eine durch externen Kontakt verursachte Genese vermuten. Die heftig juckende und teils vesikulöse Morphe in Verbindung mit der Anamnese sprach in erster Linie für ein toxisches Kontaktekzem.
Der zeitliche Zusammenhang mit der landschaftsgärtnerischen Tätigkeit und den blasig schmerzhaften Hautveränderungen waren pathognomonisch für das Vorliegen einer Phytophotodermatitis, auch als Dermatitis bullosa praetensis („Wiesengräserdermatitis“) bekannt. Diese phototoxische Dermatitis entsteht nach Kontakt mit Pflanzen bzw. deren Bestandteilen oder Säften, die phototoxische Substanzen enthalten sowie anschließender Sonnenexposition. Diesbezüglich problematische Pflanzen sind in unseren Breiten die Herkulesstaude, der Wiesen-Bärenklau, die Knorpelmöhre, die Petersilie und der Wiesenkerbel. Aber auch Bergamotte, Sellerie und bestimmte Zitrusfrüchte sind zu nennen.
Nach Kontakt mit den phototoxischen Pflanzensäften und der Exposition zu UV-Licht kommt es verzögert (24-48 h) zur heftigen zellschädigenden Ekzemraktion mit Rötung und Blasenbildung, die unbehandelt nur über mehrere Wochen und zumeist mit postinflammatorischer Hyperpigmentierung abklingt. Im vorliegenden Fall konnte der fachkundige Gärtner anamnestisch den Wiesenkerbel und den Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) identifizieren.
Anthriscus sylvestris, so der botanische Name des Wiesenkerbel, ist eine häufig anzutreffende Wildpflanze auf Wiesen und Weiden sowie an Wegesrändern, der im Frühjahr in voller Blüte steht. Die Stauden erreichen bis zu 150 cm Wuchshöhe (Abb. 7-9).
Abb. 7-10: Wiesenkerbel, eine Halbrosettenpflanze mit Wurzelrübe, zeigt bis dreifach gefiederte dunkelgrüne Blätter mit dreieckigem Umriss und doldenförmig angeordneten creme-weißen, gekerbten Kronblättern (Abb. 7,8). Der Wiesenbärenklau wird 50 bis 150 cm groß. Die lappig gestielten und behaarten Blätter ähneln Tierfüßen bzw. einer Bärenklaue, daher der volkstümliche Name „Bärenklau“. Die mehrstrahlige Doppeldolde kann 20 cm Durchmesser haben (Abb. 9). Großblasige Phytophotodermatitis nach Kontakt mit Riesenbärenklau (Abb. 10).
Der Wiesenbärenklau, Heracleum sphondylium, ist im Gegensatz zum Riesenbärenklau in Europa heimisch. Er ist besonders auf Wiesen, an Ufern, Gräben und Böschungen verbreitet (Abb. 7,8).
Die Furocoumarine werden erst durch den Kontakt mit dem Sonnenlicht, vor allem dem UVA-Anteil, zu phototoxischen Agenzien aktiviert. Die akute, juckende, klein- bis großblasige Dermatitis zeichnet je nach Art und Intensität des Kontaktes streifige bizarre Abbilder der ursächlichen Pflanze. Die Dermatitis ist auf den Kontaktbereich mit der Pflanze begrenzt, Streuphänomene fehlen (Abb. 10).
Ganz typisch ist die, wie auch im aktuellen Fall berichtete, verzögerte Reaktion, nach der die Symptome etwa ein bis drei Tage später auftreten und zwar genau an den Stellen, die in Kontakt mit der Pflanze waren. Die heftigen und auch schmerzhaften Läsionen heilen mit postinflammatorischen Hyperpigmentierungen ab, die Wochen bis Monate anhalten können. In aller Regel sind phytophototoxische Pflanzen keine Dornenträger, doch können Kratzer oder anderweitige Hautdefekte die Reaktion intensivieren.
Therapie
In der Aktutphase führen potente Klasse III (Mometason, Betamethason) bzw. Klasse IV (Clobetasol)-Steroide als Creme oder Lotion zum raschen Abklingen der Entzündung. Je nach Größe der Blasen oder bei Superinfektion sollten Antiinfektiva beigemischt sein. Bei größeren Blasen sollten diese aufgestochen werden und mit Salbengase („Anklebeschutz“) steril verbunden werden. Kühlung und Zinkschüttelmixtur können die subjektiven Beschwerden lindern. Weiterhin ist ein vorübergehender konsequenter UV-Schutz wichtig. Sowohl für Beruf als auch für Freizeit gilt die Empfehlung den Kontakt zu den gefährlichen Pflanzen zu meiden und sich bei Aufenthalten in Feld- und Weidenbereichen durch gut abdeckende Kleidung zu schützen.
Da gerade an See- und Flussufern häufig derartige Pflanzen wachsen, sollte man als Badegast besonders vorsichtig sein und den direkten Hautkontakt mit den Pflanzen meiden.
Der weitere Verlauf
Unter Anwendung von initial Clobetasol Creme und nachfolgend Mometason-Creme sowie Lotio zinci oxidati kam der pathologische Hautbefund innerhalb einer Woche zum Abklingen.
Die pathognomonische Korrelation von klinischem Befund und Anamnese machen die „Wiesengräserdernatitis“ zu einer dankbaren Blickdiagnose.
Differenzialdiagnostisch wären die ausgeprägte Insektenstichreaktion, der Scrophulus infantum und photoallergische Reaktionen wie die polymorphe Lichtdermatose (PLD) zu nennen.
Die Phytophotodermatitis ist nicht namentlich als eigene Ziffer in der Berufskrankheiten-Verordnung aufgeführt. Sie kann jedoch als eine Berufskrankheit anzusehende Krankheit (nach § 9 Abs. 2 SGB VII) oder unter der BK-Nr. 5101 ("Schwere oder wiederholt rückfällige Hauterkrankungen") anerkannt werden. Dies kann relevant werden für Personen im Garten- und Landschaftsbau, in der Land- und Forstwirtschaft, in Gärtnereien oder in der Obst- und Gemüseverarbeitung. Bei Anerkennung der Erkrankung als Ergebnis eines sogenannten Hautarztverfahrens übernimmt die Berufsgenossenschaft dann die Kosten für die Heilbehandlung, spezielle Hautschutzmittel sowie Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz.