Die Forscher nahmen sich die Fachinformationen von Atorvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin und Simvastatin vor und erfassten alle dort genannten „unerwünschten Wirkungen“. Insgesamt waren es 66 verschiedene Ereignisse, von Hautausschlägen bis Demenz. Für jede dieser Nebenwirkungen prüften sie anschließend in insgesamt 19 großen doppelblinden, randomisierten Studien, wie häufig sie unter Statin im Vergleich zur jeweiligen Placebo-Kontrollgruppe auftraten. Darüber hinaus analysierten sie das Nebenwirkungsprofil der Statine in vier Studien mit intensiver versus weniger intensiver Statintherapie.
Insgesamt flossen Daten von 154.664 Personen ein, die im Median über etwa fünf Jahre behandelt wurden.
Nebeneffekte der Statine wie Myopathien (inklusive Rhabdomyolyse), vermehrte Muskelsymptome sowie ein moderater Anstieg von Diabetes-Neudiagnosen sind bereits durch frühere Auswertungen belegt und wurden hier nicht erneut im Detail analysiert.
Das überraschende Resultat: Für 62 von 66 geprüften unerwünschten Ereignissen fand sich kein Unterschied zwischen Statin- und Placebogruppe. Dazu gehören Beschwerden wie Schlafstörungen, Gedächtnisprobleme, depressive Symptome, sexuelle Funktionsstörungen, periphere Neuropathie, interstitielle Lungenerkrankungen oder akute Nierenschäden.
Leichte Zunahmen unter Statinen zeigten sich nur für:
- den Anstieg der Lebertransaminasen,
- Abweichungen anderer Leberwerte (z. B. alkalische Phosphatase, Gamma-GT),
- auffällige Urinbefunde (v. a. Proteinurie, Mikro-/Albuminurie) sowie
- Ödeme.
Die absoluten Unterschiede waren sehr gering: Unter Statinen traten die genannten Nebenwirkungen nur um wenige Hundertstel Prozentpunkte häufiger auf als unter Placebo – je nach Endpunkt lag die absolute Risikozunahme bei rund 0,03 bis 0,08 Prozentpunkten pro Jahr.
In den Studien mit intensiver vs. weniger intensiver Statintherapie fiel der Effekt auf die Leberwerte ausgeprägter aus, vor allem unter Atorvastatin 80 mg; dies deutet auf eine dosisabhängige Nebenwirkung hin. Für die beobachteten Urinauffälligkeiten und Ödeme ließ sich dagegen keine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung erkennen; sie traten unter hoher und niedriger Dosierung in ähnlicher Häufigkeit auf.
Fazit für die Praxis
Die Autoren erinnern daran, dass es nach irreführenden oder negativen Berichten über Statin-Nebenwirkungen vermehrt zu Therapieabbrüchen kam; dies war allein in Großbritannien mit schätzungsweise mehreren Tausend vermeidbaren kardiovaskulären Ereignissen in den folgenden Jahren verbunden. Vor diesem Hintergrund kritisieren sie, dass Statin-Produktinformationen lange Listen möglicher Nebenwirkungen enthalten, für die sich in großen doppelblinden Studien kein kausaler Zusammenhang nachweisen ließ.
Statine sind zwar keine „nebenwirkungsfreien“ Medikamente – Myopathien, ein leicht erhöhtes Diabetesrisiko und die hier aufgezeigten Laborwertveränderungen bzw. eine Ödemneigung sind relevante mögliche Begleiterscheinungen. Die neue Metaanalyse zeigt aber ebenso klar, dass ein Großteil der in Produktinformationen aufgeführten unerwünschten Wirkungen wahrscheinlich nicht vom Statin verursacht wird. Diese Erkenntnisse können Patienten und Ärzten dabei helfen, Nutzen und Risiken der Statintherapie realistischer einzuschätzen und dadurch unnötige Therapieabbrüche zu vermeiden.
- Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaboration. Electronic address: ctt@ndph.ox.ac.uk; Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaboration. Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials. Lancet. 2026 Feb 14;407(10529):689-703. doi: 10.1016/S0140-6736(25)01578-8. Epub 2026 Feb 5. PMID: 41655587.