- Messner, Julia (Essen). Vortrag: Schilddrüsenhormon. Sitzung: Hormontherapie revisited – wann beginnen, wann beenden? Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2026, Wiesbaden, 18.04.2026.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Bei latenter Hypothyreose ist eine Substitution nicht immer sinnvoll, vor allem bei TSH unter 10 mU/l.
- Der TSH-Wert ist altersabhängig; bei älteren Personen sind daher auch höhere Werte oft noch unbedenklich.
- Bei euthyreoten Frauen mit Schwangerschaftswunsch ist keine „TSH-Optimierung“ durch Senkung in einen niedrigeren Bereich nötig.
- Eine Struma nodosa ist keine Indikation für LT4.
- Bestehende LT4-Verordnungen sollten regelmäßig auf ihre weitere Notwendigkeit überprüft werden.
Besonders praxisrelevant ist das Vorgehen bei der primären Hypothyreose, vor allem wenn eine latente Unterfunktion vorliegt. Ein einmalig erhöhter TSH-Wert ist zunächst kein Grund für eine vorschnelle Substitution mit LT4. Stattdessen sollte der Wert nach drei bis sechs Monaten kontrolliert werden. Denn bei vielen Patienten normalisiert er sich im Verlauf spontan.
Hinzu kommt, dass TSH im Alter natürlicherweise ansteigt. Altersabhängige Referenzbereiche müssen deshalb berücksichtigt werden, auch wenn sie vom Labor oft nicht mitgeliefert werden. Als Orientierung gelten Werte bis 7 mU/l bei 65- bis 80-Jährigen und bis 10 mU/l bei über 80-Jährigen noch als akzeptabel.
Für die Indikationsstellung zur Substitution bleibt die ETA-Leitlinie von 2013 zur latenten Hypothyreose ein sinnvoller Anhaltspunkt. Eindeutig ist die Situation bei manifester Hypothyreose: Sie sollte behandelt werden. Komplexer ist die Entscheidung bei der latenten Hypothyreose:
Auch die praktische Umsetzung der Substitutionstherapie wurde konkret besprochen. Bei manifester Hypothyreose sollte gewichtsadaptiert mit 1,5 bis 1,8 µg LT4/kg dosiert werden; bei latenter Hypothyreose reichen meist 50 bis 100 µg täglich (ca. 1,5 µg/kg). Ältere Patienten und Menschen mit Herzerkrankungen sollten mit einer niedrigen Dosis von 25 oder 50 µg beginnen und langsam auftitriert werden, in der Regel in 25-µg-Schritten alle zwei bis drei Wochen.
Die erste Kontrolle der Schilddrüsenwerte erfolgt nach sechs bis acht Wochen, danach bei stabiler Einstellung jährlich. Wichtig ist außerdem, Patienten auf die korrekte Einnahme hinzuweisen: LT4 sollte morgens nüchtern eine Stunde vor dem Frühstück oder abends mit einem Abstand von zwei Stunden zur letzten Mahlzeit eingenommen werden. Zudem ist zu beachten, dass Wechselwirkungen unter anderem mit Calcium, Eisen oder Protonenpumpenhemmern auftreten können.
Nützliche Hinweise gab es auch zum Management der sekundären Hypothyreose, zur Schilddrüsenhormoneinstellung vor bzw. in der Schwangerschaft und zur Struma nodosa. Einige besonders praxisrelevante Aspekte waren:
Nicht nur bei Struma nodosa, auch in anderen Konstellationen kann ein Auslassversuch sinnvoll sein. Dazu gehören Kinder und Jugendliche mit Autoimmunthyreoiditis, bei denen im Erwachsenenalter unter Umständen auf die Therapie verzichtet werden kann. Gleiches gilt für Erwachsene mit Autoimmunthyreoiditis, wenn die Behandlung ursprünglich nur wegen erhöhter Antikörper oder einer latenten Hypothyreose begonnen wurde und noch ausreichend Schilddrüsenrestgewebe vorhanden ist, etwa 3–6 ml. Weitere mögliche Situationen sind eine Hemithyreoidektomie mit ausreichendem Restgewebe, das Absetzen auslösender Medikamente wie Amiodaron oder Lithium sowie die Remission einer subakuten Thyreoiditis.
Levothyroxin sollte gezielt eingesetzt werden. Besonders bei latenter Hypothyreose ist vor einer Verordnung eine sorgfältige Indikationsprüfung erforderlich. Gleichzeitig zeigen auch die anderen besprochenen Situationen, dass eingefahrene Routinen nicht immer sinnvoll sind. Gute Schilddrüsentherapie beginnt deshalb nicht nur mit der richtigen Indikation, sondern oft auch mit der Frage, ob eine bestehende Verordnung überhaupt noch indiziert ist.