Glukokortikoide bei Rheuma: Warum das Absetzen scheitert Logo of esanum https://www.esanum.de

Glukokortikoide bei Rheuma: Warum aus der Übergangslösung oft eine Dauertherapie wird

Entgegen den Leitlinien nehmen viele Rheuma-Betroffene Glukokortikoide über Jahre ein. Eine aktuelle Übersichtsarbeit analysiert die Ursachen für das gescheiterte Absetzen – und zeigt, wie sicher eine sehr niedrige Erhaltungsdosis tatsächlich ist.

Das Wichtigste auf einen Blick zu Glukokortikoiden bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen

  • Entgegen den Empfehlungen der Fachgesellschaften werden Glukokortikoide bei rheumatoider Arthritis, SLE und Polymyalgia rheumatica im Versorgungsalltag häufig über Jahre eingesetzt.
  • Anhaltende Krankheitsaktivität und erneut zunehmende Beschwerden beim Ausschleichen erschweren häufig das Absetzen.
  • Als mögliche Option, wenn das Absetzen nicht gelingt, kommt eine sehr niedrig dosierte Erhaltungstherapie infrage: Bei weniger als 5 mg Prednisonäquivalent pro Tag scheint das Risiko schwerer unerwünschter Wirkungen insgesamt begrenzt zu sein.

Was sagen Leitlinien zum Einsatz von Glukokortikoiden bei rheumatischen Erkrankungen?

Grundsätzlich sollen Glukokortikoide in der niedrigsten wirksamen Dosis und so kurz wie möglich eingesetzt werden:

  • Für die rheumatoide Arthritis sind Glukokortikoide laut EULAR-Leitlinie vor allem als kurzfristige Überbrückung gedacht, bis konventionelle synthetische DMARDs wirken; die Behandlung soll möglichst innerhalb von drei Monaten beendet werden. Beim Start von biologischen (bDMARDs) oder zielgerichteten synthetischen DMARDs (tsDMARDs) ist ein Glukokortikoid-Bridging meist nicht erforderlich, da diese Substanzen rascher wirken als konventionelle DMARDs.
  • Mehrere Fachgesellschaften, darunter die EULAR, empfehlen bei schweren Manifestationen des systemischen Lupus erythematodes und bei Lupusnephritis zunächst hohe Glukokortikoid-Dosen oder eine intravenöse Stoßtherapie. Innerhalb von etwa sechs Monaten soll die Dosis auf höchstens 5 mg Prednisonäquivalent pro Tag sinken; eine weitere Reduktion bzw. ein Therapieende ist anzustreben. Glukokortikoide dienen dabei vor allem zur Überbrückung. Für die langfristige Krankheitskontrolle sollen früh immunmodulierende oder immunsuppressive Medikamente sowie Biologika eingesetzt werden.
  • Aktuelle Leitlinien sprechen sich für eine initiale Behandlung der Polymyalgia rheumatica mit 12,5–25 mg Prednisolon täglich aus. Nach klinischer Besserung soll die Dosis auf etwa 10 mg reduziert und anschließend um ungefähr 1 mg pro Monat weiter gesenkt werden. Bei rezidivierender Polymyalgia rheumatica empfehlen die 2025 aktualisierten Leitlinien der deutschen, österreichischen und schweizerischen rheumatologischen Fachgesellschaften zusätzlich zu Glukokortikoiden einen IL-6-Rezeptorblocker. Auch bei neu diagnostizierten Patienten mit hohem Risiko für glukokortikoidbedingte Nebenwirkungen kann diese Kombination ebenfalls erwogen werden, um den Glukokortikoidbedarf zu verringern.

Glukokortikoide: Langzeittherapie bleibt verbreitet

Trotz klarer Empfehlung zum begrenzten Einsatz der Glukokortikoide zeigt die Versorgungspraxis ein anderes Bild: Entweder werden die Vorgaben nicht konsequent umgesetzt, oder die Dosisreduktion gelingt bei vielen Betroffenen trotz entsprechender Bemühungen nicht. In Deutschland erhielten z. B. 2023 noch 27 % der Patienten mit rheumatoider Arthritis eine dauerhafte Glukokortikoidtherapie. Auch bei SLE und Polymyalgia rheumatica zeigen Studien, dass viele Betroffene die Medikamente über Jahre einnehmen.

Warum das Absetzen von Glukokortikoiden nicht immer gelingt

Die Diskrepanz zwischen Leitlinien und Versorgungspraxis hat mehrere Ursachen. Ein wesentlicher Grund ist eine unzureichende Krankheitskontrolle: Nicht alle Patienten erreichen mit DMARDs, Immunsuppressiva oder Biologika eine anhaltende Remission oder eine niedrige Krankheitsaktivität. Beim Ausschleichen der Glukokortikoide können Beschwerden und Entzündungszeichen erneut zunehmen. Zudem erschwert eine sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz infolge der langjährigen Supprimierung der körpereigenen Hormonproduktion das vollständige Ausschleichen. Um die Erkrankung wieder zu kontrollieren, wird die Glukokortikoiddosis dann erneut erhöht beziehungsweise das Medikament wieder angesetzt. Auch die Sorge von Ärzten und Erkrankten, eine bislang wirksame Therapie zu verändern, kann dazu führen, dass das Absetzen hinausgeschoben wird.

Wie sicher ist eine Langzeittherapie mit niedriger Glukokortikoid-Dosis?

Lässt sich ein vollständiges Absetzen der Glukokortikoide trotz anderweitiger Pharmakotherapie nicht erreichen, kommt bei einzelnen Patienten eine niedrige Erhaltungsdosis von < 5 mg Prednisonäquivalent infrage. Studien zeigten, dass bei dieser geringen Dosis das Risiko für schwere Nebenwirkungen insgesamt gering ist. Ein Restrisiko bleibt jedoch bestehen, insbesondere für Infektionen.

Hinsichtlich Osteoporose, Diabetes mellitus und Gesamtmortalität zeigen neuere Daten bei Dosen von maximal 5 mg/Tag kein eindeutig erhöhtes Risiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Die Daten zum kardiovaskulären Risiko sind dagegen uneinheitlich; dabei lässt sich der Einfluss der Glukokortikoide auf das kardiovaskuläre Risiko nur schwer von dem der Krankheitsaktivität und bestehender Begleiterkrankungen trennen.

Fazit: Absetzen bleibt das Ziel

Ein vollständiges Absetzen von Glukokortikoiden bleibt das primäre Therapieziel. Ist dies trotz ausgeschöpfter Basistherapie nicht realisierbar, stellt eine Erhaltungsdosis von ≤ 5 mg Prednisonäquivalent/Tag einen vertretbaren Kompromiss dar. Eine konsequente Osteoporoseprophylaxe und das Monitoring kardiovaskulärer Risikofaktoren bleiben auch in diesem Niedrigdosisbereich essenziell.

Quelle
  1. Buttgereit F, Tam L. Glucocorticoid treatment in patients with inflammatory rheumatic diseases: current practice and open questions. The Lancet Rheumatology, 2026; 8, e389-e400 (letzter Zugriff: 27.10.2026).