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Komplikationen durch Infektionen bei Tumorpatient:innen

Schwer erkrankte Krebspatient:innen, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, sind aufgrund einer Vielzahl von Faktoren infektionsanfälliger. Dazu gehören beispielsweise lokale Tumoreffekte, komplexe Krebstherapien, Neutropenie, humorale und/oder zelluläre Immunsystemstörungen, Asplenie oder auch fremdkörperassoziierte Risiken, z. B. nach Katheterisierung.

Intensivmedizinisch versorgte Krebspatient:innen stellen vulnerable Gruppe für zahlreiche Infektionen dar

Schwer erkrankte Krebspatient:innen, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, sind aufgrund einer Vielzahl von Faktoren infektionsanfälliger. Dazu gehören beispielsweise lokale Tumoreffekte, komplexe Krebstherapien, Neutropenie, humorale und/oder zelluläre Immunsystemstörungen, Asplenie oder auch fremdkörperassoziierte Risiken, z. B. nach Katheterisierung. 

Krebspatient:innen können mehrere Immundefekte gleichzeitig haben und dies ist von entscheidender Bedeutung, sowohl für die diagnostische als auch für die therapeutische Entscheidungsfindung. Doch auf welche Infektionen sollten sich intensivmedizinisch-pflegerische Teams  vorbereiten?

Fieber und Neutropenie

Vielfach leiden Krebspatient:innen unter febrilen Krankheitszuständen und Neutropenie. Besteht eine schwere Neutropenie über einen Zeitraum > 7 Tage hinweg, haben die Betroffenen zudem ein sehr hohes Risiko für eine Sepsis. Die Sepsisrate bei Krebspatient:innen mit Fieber und Neutropenie liegt zentrumsabhängig zwischen etwa 3% und 13%.

Wichtig im Umgang mit Neutropenie-Betroffenen: Diese zeigen in der Regel nur abgeschwächte Infektionszeichen. So sollte die Erstuntersuchung bei Patient:innen mit Lungensymptomatik auch eine Thoraxaufnahme umfassen. Zusätzlich sollen mindestens zwei Sätze von Blutkulturen angelegt werden, eine aus dem peripheren Blut und eine weitere aus Katheterblut. Zentralvenöse Katheter sind derzeit z. B. für etwa 25% aller Blutstrominfektionen (BSI) bei onkologischen Patient:innen verantwortlich. 

Atemwegsinfektionen

Darüber hinaus zählt die Lungenentzündung nach wie vor zu den Hauptursachen für Morbidität und Mortalität bei schwerkranken Tumorpatient:innen. Die Herausforderung in der Praxis besteht darin, dass die Differentialdiagnose der Lungenerkrankungen zwischen Infektionen der unteren Atemwege und nicht-infektiösen Ursachen unterscheiden muss. Letztere umfassen beispielsweise die Tumorprogression, diffuse Alveolarblutungen, Medikamenten- oder Strahlentoxizität, maligne Atemwegsobstruktionen, das Lungenödem sowie venöse thromboembolische Erkrankungen. Vielfach liegen auch zwei oder mehr Lungenerkrankungen gleichzeitig vor.

Die häufigsten Erreger der bakteriell verursachten Pneumonien sind Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus, Streptococcus pneumoniae sowie Haemophilus influenzae. Doch auch andere Erreger treten bei schwer erkrankten Tumorpatienten auf. 

Der Pilz Pneumocystis jirovecii ist seit Langem bereits dafür bekannt, opportunistisch und für Krebspatient:innen potenziell lebensbedrohlich zu sein. Risikofaktoren für eine Pilzbesiedlung bei schwer erkrankten Tumorpatient:innen sind z. B.:

Bei Patient:innen mit Fieber, trockenem Husten, Hypoxämie und diffusen, beidseitigen interstitiellen Infiltraten sollte ebenso an eine mögliche Besiedlung mit Pneumocystis gedacht werden.

Eine länger bestehende schwere Neutropenie ist zudem ein Risikofaktor für eine invasive pulmonale Aspergillose. Patientengruppen mit dem höchsten Risiko leiden unter einer akuten Leukämie oder haben bereits eine  allogene HSCT erhalten.

Doch auch Viren können die Lungen von Tumorpatient:innen infizieren. Aktuellstes Beispiel ist hier das im vergangenen Jahr neu aufgetretene Virus SARS-CoV-2. Krebspatient:innen mit einer SARS-CoV-2-Infektion haben im Vergleich zu SARS-CoV-2-infizierten Patient:innen ohne Krebserkrankung ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Sie werden beispielsweise häufiger auf eine Intensivstation verlegt, invasiv beatmet oder versterben.

Weitere Infektionsrisiken bei schwer erkrankten Tumorpatient:innen

Im Zusammenhang mit Migration werden auch vormals exotische Infektionen hierzulande häufiger. Dazu zählt z. B. die Infektion mit Strongyloides stercoralis. Dabei handelt es sich um einen Darmnematoden, der bei stark immungeschwächten Patient:innen zu einer Hyperinfektion führen und schwere Krankheitsbilder verursachen kann. So kommt es beispielsweise zu Pneumonien, Meningitis oder Sepsis. Eine besonders schwerwiegende Folge kann das Akute Atemnotsyndrom (ADRS) sein. Die Sterblichkeit ist in diesen Fällen auch trotz Behandlung sehr hoch. 

Darüber hinaus können immungeschwächte Tumorpatient:innen an gastrointestinalen Infektionen, an infektiöser Diarrhö oder auch an Infektionen des zentralen Nervensystems erkranken. Bei letzterem sind insbesondere Erreger wie Haemophilus influenzae, HSV, VZV, CMV oder zahlreiche humane Herpesviren zu nennen.

Hinzu kommen Erkrankungen des harnableitenden Systems, insbesondere nach Katheterisierung sowie Haut- und Weichteilinfektionen, insbesondere durch Candida, Streptokokken oder Staphylokokken.

Was bedeutet das für die tägliche Praxis?

Die Bandbreite infektiöser Komplikationen bei schwer erkrankten, intensivmedizinisch versorgten Tumorpatient:innen ist groß. Es können zudem einzelne oder mehrere Organsysteme betroffen sein. Neutropenie bleibt dabei auch weiterhin ein wichtiger Risikofaktor für Infektionen. Zusätzlich hängen deren Ausmaß und der Schweregrad von der Art der malignen Erkrankung sowie von der gewählten Therapie ab.

Umsichtige Kliniker:innen sollte daher sensibel sein für Infektionssymptome, um diese rechtzeitig und auch korrekt zu diagnostizieren und zu behandeln. Dabei sollte auch bei unspezifischen Symptomen bedacht werden, dass einige nicht-infektiöse Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik die Versorgung der terminal erkrankten Tumorpatient:innen noch komplexer machen können.

Quelle: Seo SK et al., Infectious Disease Complications in Cancer Patients. Crit Care Clin 2021; 37(1): 69–84. doi:10.1016/j.ccc.2020.09.001