Rare Disease Day: Akute hepatische Porphyrie früh erkennen – Warnzeichen & Diagnostik Logo of esanum https://www.esanum.de

Akute hepatische Porphyrie: wie Sie betroffene Patienten erkennen können

10 bis 15 Jahre dauert es im Schnitt, bis eine hepatische Porphyrie diagnostiziert wird. Damit teilen die Betroffenen das Schicksal vieler Patienten mit seltenen Erkrankungen.

Akute hepatische Porphyrien – das Wichtigste auf einen Blick:

  • Akute hepatische Porphyrien (AHP) entstehen aus einem Mangel an Enzymen der Häm-Biosynthese, was zu einer Akkumulation von Porphyrinvorläufern in der Leber führt.
  • Es gibt vier Unterformen, wobei die akute intermittierende Porphyrie (AIP) die häufigste Variante darstellt.
  • Die Prävalenz der AHP in Europa beträgt ca. 1/75.000. In 80 % der Fälle sind Frauen zwischen 20 und 45 Jahren betroffen.
  • Die Symptomatik betrifft in erster Linie Nervensystem und Abdomen (neuroviszerale Attacken). Häufig sind extrem starke Bauchschmerzen mit Erbrechen sowie neurologische Symptome. Bei manchen Patienten treten zudem Hautläsionen an sonnenexponierten Arealen auf.
  • Die Diagnostik umfasst die Bestimmung von Urinmetaboliten sowie eine genetische Analyse.
  • Therapeutisch stehen neben der Vermeidung auslösender Faktoren und Schmerzmittel die Gabe von Dextrose/Glukose und humanem Häm sowie vorbeugend die RNA-basierte Behandlung mit Givosiran zur Verfügung.

Die oft unspezifischen und vielfältigen Symptome machen es schwer, akute Porphyrien zu erkennen und von anderen Erkrankungen abzugrenzen. Um die Verzögerung bei der Diagnostik zu verringern und die Diagnoserate zu verbessern, haben Forscher der University of California in Los Angeles untersucht, inwieweit Symptomatik und vorbestehende Komorbiditäten bei der Vorhersage von AHP eine Rolle spielen und welche Kombination von Tests zu den höchsten Diagnoseraten führen könnte. In einer Fall-Kontroll-Studie analysierten sie retrospektiv die Krankenakten von 45 Patienten, die auf AHP untersucht wurden. Die Diagnose wurde letztlich bei 27 Patienten bestätigt, die übrigen 18 dienten als Kontrollgruppe. Die Studie wurde im Orphanet Journal of Rare Diseases veröffentlicht.

Symptomkonstellationen, die auf AHP hinweisen 

Wie erwartet waren Bauchschmerzen das häufigste Symptom, gefolgt von Muskelschwäche und/oder Krämpfen. Beides trat in der AHP-Gruppe häufiger auf als in der Kontrollgruppe (74 vs. 61 % und 52 vs. 28 %). Noch charakteristischer war das Vorliegen von gynäkologischen und psychiatrischen Symptomen bzw. Vorerkrankungen:

  • Gynäkologische Symptome traten bei 52 % der AHP-Patienten im Vergleich zu 22 % in der Kontrollgruppe auf.
  • Psychiatrische Symptome waren in der AHP-Gruppe mit 52 % gegenüber 28 % im Vergleichskollektiv ebenfalls häufiger.

Hier sollten Sie hellhörig werden:

Patienten mit 

  • akuten, starken Bauchschmerzen
  • neurologischen Symptomen
  • ggf. Hautläsionen
  • gynäkologischen und/oder psychiatrischen Symptomen bzw. Erkrankungen 

Gynäkologische und psychiatrische Erkrankungen korrelieren positiv mit AHP

Gynäkologische Manifestationen waren vielfältig und reichten von vaginalem Juckreiz über Schmierblutungen, unregelmäßige Perioden und Dysmenorrhoe bis hin zu Unfruchtbarkeit. Knapp die Hälfte der weiblichen Patienten berichtete über eine Verschlimmerung der Symptome während der Menstruation.

Zu den psychiatrischen Symptomen und Erkrankungen zählten Depressionen, generalisierte Angststörung, Schizophrenie, Psychose, Halluzinationen sowie Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

Während gynäkologische und psychiatrische Manifestationen positiv mit AHP korrelierten, zeigten andere Erkrankungen eine negative Korrelation. Dazu gehörten verschiedene Autoimmun- und rheumatologische Erkrankungen. Vor allem Hypothyreose und Typ-1-Diabetes standen in einem starken negativen Zusammenhang mit AHP.

Männer nicht vergessen

Männer sind seltener von AHP betroffen und zeigen darüber hinaus weniger klassische Symptome wie Bauchschmerzen (in der Studienkohorte 60 % gegenüber 77 % bei Frauen). Dafür weisen sie unabhängig vom AHP-Subtyp signifikant mehr neurologische Komorbiditäten und Entwicklungsstörungen einschließlich Autismus als Frauen auf. 

Urinuntersuchung oder Gentests? Beides! 

Diagnostisch ergab eine Kombination aus genetischen und biochemischen Tests die höchste Diagnoserate. Empfohlen wird die Bestimmung von Aminolävulinsäure (ALA) und/oder Porphobilinogen (PBG) im Urin. In der Studie wurden anhand dieser beiden Parameter 56 % der AHP-Patienten erfasst – während 17 % übersehen wurden. Durch die zusätzliche Bestimmung der Gesamtmenge an Porphyrinen, Coproporphyrinen und Uroporphyrinen im Urin stieg die Detektionsrate von 56 auf 74 %. Der gleiche Wert wurde erzielt, wenn die AHP allein anhand von Gentests diagnostiziert wurde.

Die Studienautoren verweisen jedoch darauf, dass nicht alle Personen mit einer pathogenen Genvariante symptomatisch werden. Über den Krankheitsverlauf dieser Gruppe, die auch als „latente Porphyriepatienten“ bezeichnet wird, ist bislang noch wenig bekannt. Allerdings gibt es äußere Faktoren wie Dehydrierung, Hunger, Anämie und bestimmte Medikamente, die Einfluss darauf haben, ob ein Patient mit einer Variante im AHP-Gen einen akuten Anfall entwickelt.

Medikamente, die einen Porphyrieanfall auslösen können, finden Sie hier gelistet:

Tipp für die Praxis: Urintests auf Rezept 

Die Forscher empfehlen sowohl ein genetisches Screening als auch biochemische Analysen. Ihren Patienten mit latenter Porphyrie stellen sie in der Regel ein Rezept für geeignete Urintests aus, die die Betroffenen bei auftretenden Symptomen selbst anwenden können. Denn nicht immer sind Urinmetaboliten erhöht; normale oder geringfügig erhöhte Werte während einer akuten Schmerzattacke schließen eine AHP nicht aus. Daher sollten Patienten häufiger getestet werden. 

Quellen: