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Neurodermitis und Impfen: Keine Kontraindikation, dafür klare Regeln

Atopische Dermatitis ist keine Kontraindikation für Impfungen. Ein Experte erklärte in Wien, wann man verschiebt, wann nicht und was unter JAK-Inhibitoren gilt.

Neurodermitis und Impfen: Keine Kontraindikation, aber klare Regeln

Kinder mit atopischer Dermatitis sollen alle Standardimpfungen nach dem jeweils gültigen nationalen Impfkalender erhalten. Wie sich Fehlannahmen ausräumen lassen und was bei Schüben, Hühnereiweißallergie und JAK-Inhibitoren zu beachten ist, erläuterte Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Wollenberg aus Augsburg auf dem Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) in Wien.

Fehlannahmen kosten Impfschutz

Rund um Impfungen bei Neurodermitis halten sich hartnäckige Fehlannahmen, berichtete Wollenberg. Impfungen wirkten bei atopischer Dermatitis (AD) nicht oder seien gefährlich, das Kind habe ein starkes Immunsystem oder man glaube nicht an Impfungen. Auch Hautläsionen, Schnupfen, eine mögliche Verschlechterung des Ekzems oder eine Hühnereiweißallergie werden immer wieder als Gründe genannt, eine Impfung aufzuschieben. Manche hielten AD sogar für eine generelle medizinische Kontraindikation.

Aber das ist falsch: Impfungen wirken auch bei AD und sind grundsätzlich nicht gefährlicher – mit einer historischen Ausnahme, der klassischen Pockenimpfung. Kinder mit AD sollen deshalb alle Standardimpfungen nach dem nationalen Impfkalender erhalten. Das entspricht auch den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO): Ekzeme beziehungsweise Dermatosen sind keine Kontraindikation gegen Standardimpfungen. (1)

Warum Kinder mit AD den Schutz besonders brauchen

Eine AD geht mit einem erhöhten Risiko für verschiedene infektiöse Hauterkrankungen einher. Disseminierte virale und bakterielle Hautinfektionen zählen zu den gefährlichsten Komplikationen der Erkrankung. (2)

Der Grund dafür ist unter anderem eine gestörte antimikrobielle Abwehr der Haut. Antimikrobielle Peptide wie humanes β-Defensin 2 und Cathelicidin LL-37 werden in entzündeter AD-Haut nur unzureichend hochreguliert; Th2-Zytokine wie IL-4 und IL-13 können diese antimikrobielle Antwort hemmen. (3) Eine verminderte LL-37-Expression ist zudem mit einer erhöhten Anfälligkeit für Eczema herpeticum assoziiert. (4)

Auch die antivirale Immunantwort ist verändert: In AD-Läsionen finden sich nur wenige plasmazytoide dendritische Zellen, die wesentlich an der Produktion von Typ-I-Interferonen beteiligt sind. (5)

Einige systemische und topische AD-Therapien, insbesondere klassische Immunsuppressiva, können das Risiko für disseminierte Virusinfektionen zusätzlich erhöhen. Bei Lebendimpfstoffen ist deshalb die jeweilige immunsuppressive Therapie zu berücksichtigen. Wichtig ist außerdem die Differenzialdiagnose: Angeborene Immundefekte können mitunter als AD fehlgedeutet werden. Für diese Patienten gelten besondere Impfregeln.

Praxistipps: Schub, Infekt und Hühnereiweiß

Hautläsionen beeinflussen den Impferfolg grundsätzlich nicht. Wird ein Impfstoff subkutan verabreicht, sollte allerdings nicht durch eine aktive Hautläsion injiziert werden. Bei einem akuten AD-Schub empfiehlt Wollenberg, die Impfung zunächst zu verschieben, die topische Therapie etwa zwei Wochen lang zu optimieren und anschließend zu impfen. Ein Ekzem an sich ist jedoch keine formale Impfkontraindikation. (1)

Bei schweren akuten Erkrankungen sollte die Impfung bis zur Genesung verschoben werden; banale Infekte mit einer Körpertemperatur unter 38,5 °C sind dagegen keine Kontraindikation. (1) Auch topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren oder niedrig dosierte orale Kortikosteroide sprechen grundsätzlich nicht gegen eine Impfung.

Eine Hühnereiweiß-Sensibilisierung ist ebenfalls nicht automatisch eine Kontraindikation. Ein positiver Pricktest allein beweist keine hochgradige Sensibilisierung, und eine leichte Sensibilisierung oder Allergie spricht nicht gegen die Influenzaimpfung. Für Patienten mit schwerer Hühnereiweißallergie stehen hühnereiweißfreie Influenzaimpfstoffe zur Verfügung. Wollenberg nannte die Impfstoffe Flucelvax und Flublok (in der EU als Supemtek zugelassen, allerdings nur für Erwachsene).

Wichtig: Kinder mit epidermalen Barrieredefekten sind besonders gefährdet für Hepatitis B und Tetanus; hier sollte auf einen vollständigen Impfschutz geachtet werden. Bei schwerer AD sei zudem ein vollständiger Varizellenschutz wichtig.

Systemtherapie: Impfantwort unter Nemolizumab erhalten

Für neue immunmodulierende Systemtherapien wird standardmäßig untersucht, ob die Impfantwort erhalten bleibt. Beispiel Nemolizumab: Eine positive IgG-Antwort auf Tetanustoxoid erreichten in Woche 16 67,5% unter Nemolizumab und 65,4% unter Placebo. Auf den Meningokokken-C-Polysaccharidimpfstoff sprachen 83% beziehungsweise 82% an. Die Impfantwort wurde durch Nemolizumab damit nicht relevant beeinträchtigt. (6) Lebendimpfstoffe sollten entsprechend der Fachinformation nicht gleichzeitig mit Nemolizumab gegeben werden.

Für die Praxis werden mehrere Szenarien unterschieden. Patienten ohne Atopie werden nach dem Standard geimpft. Bei Patienten mit AD gilt ebenfalls der reguläre Impfplan; der Impferfolg kann jedoch etwas niedriger ausfallen. Zudem sollte differenzialdiagnostisch an einen primären Immundefekt gedacht werden, und die Pockenimpfung bleibt eine Ausnahme. 

Unter JAK-Inhibitoren empfiehlt Wollenberg, Totimpfstoffe nach Plan zu geben und den JAK-Inhibitor vor Lebendimpfungen für mindestens fünf Halbwertszeiten zu pausieren. Dabei sind zusätzlich die jeweiligen Fachinformationen zu beachten. Am wichtigsten ist die Impfung bei Kindern; aber auch Erwachsene sollten fehlende Impfungen möglichst vor Beginn einer JAK-Inhibitor-Therapie nachholen.

Pocken/Mpox: Ausnahmen bei replizierenden Impfstoffen

Die bekannteste Ausnahme von der Impfempfehlung ist die klassische replizierende Pockenimpfung. Sie ist bei aktueller oder früherer AD, bei Immundefekten und in der Schwangerschaft kontraindiziert. Auch Menschen mit AD ohne aktive Hautläsionen können ein Eczema vaccinatum entwickeln, ebenso nach engem Kontakt mit einer frisch mit einem replizierenden Vaccinia-Impfstoff geimpften Person. (7)

Als Alternative nannte der Referent das nicht replizierende modifizierte Vacciniavirus Ankara (MVA) (Handelsname: Imvanex), das subkutan verabreicht wird. In einer Phase-III-Studie zeigte der MVA-Impfstoff eine vergleichbare Immunogenität wie der replizierende Impfstoff ACAM2000; lokale Nebenwirkungen wie Rötung, Schwellung, Verhärtung und Juckreiz traten unter ACAM2000 häufiger auf. (8) Bei Erwachsenen mit AD zeigte MVA ebenfalls ein insgesamt günstiges Sicherheits- und Immunogenitätsprofil, das mit dem bei hautgesunden Kontrollen vergleichbar war. (9)

Fazit

Eine atopische Dermatitis an sich ist keine Kontraindikation für die Standardimpfungen. Kinder mit AD sollten die empfohlenen Impfungen grundsätzlich nach Plan erhalten.

Quellen

EADV Congress 2026, 30. September bis 3. Oktober 2026, Wien. Session „Atopic dermatitis in children“ (Session D3T01.1; Vorsitz: Juliette Mazereeuw-Hautier, Andreas Wollenberg), 2. Oktober 2026. Vortrag: Andreas Wollenberg, „Vaccination in children with atopic dermatitis“.

(1) Robert Koch-Institut (RKI). Kontraindikationen bei der Durchführung von Impfungen. Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand 11.02.2026. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/AllgFr_Kontraindi/faq_impfen_Kontraindi_ges.html; Ständige Impfkommission (STIKO). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin 4/2026.

(2) Wollenberg A, Wetzel S, Burgdorf WHC, Haas J. Viral infections in atopic dermatitis: pathogenic aspects and clinical management. J Allergy Clin Immunol. 2003;112(4):667–674. doi:10.1016/j.jaci.2003.07.001.

(3) Ong PY, Ohtake T, Brandt C, et al. Endogenous antimicrobial peptides and skin infections in atopic dermatitis. N Engl J Med. 2002;347:1151–1160. doi:10.1056/NEJMoa021481.

(4) Howell MD, Wollenberg A, Gallo RL, et al. Cathelicidin deficiency predisposes to eczema herpeticum. J Allergy Clin Immunol. 2006;117(4):836–841. doi:10.1016/j.jaci.2005.12.1345.

(5) Wollenberg A, Wagner M, Günther S, et al. Plasmacytoid dendritic cells: a new cutaneous dendritic cell subset with distinct role in inflammatory skin diseases. J Invest Dermatol. 2002;119:1096–1102. doi:10.1046/j.1523-1747.2002.19515.x.

(6) Galderma. A study to assess immunization responses in adult and adolescent participants with moderate-to-severe atopic dermatitis treated with nemolizumab. ClinicalTrials.gov NCT04365387. Ergänzend: Laquer VT, Tyring S, Machu JL, et al. Daten präsentiert als Poster beim EADV Congress 2025, Paris.

(7) Aragón TJ, Ulrich S, Fernyak S, Rutherford GW. Risks of serious complications and death from smallpox vaccination: a systematic review of the United States experience, 1963–1968. BMC Public Health. 2003;3:26. doi:10.1186/1471-2458-3-26.

(8) Pittman PR, Hahn M, Lee HS, et al. Phase 3 efficacy trial of modified vaccinia Ankara as a vaccine against smallpox. N Engl J Med. 2019;381:1897–1908. doi:10.1056/NEJMoa1817307.

(9) Greenberg RN, et al. A multicenter, open-label, controlled phase II study to evaluate safety and immunogenicity of MVA smallpox vaccine (IMVAMUNE) in 18–40 year old subjects with diagnosed atopic dermatitis. PLoS One. 2015;10(10):e0138348. doi:10.1371/journal.pone.0138348.