Die erhebliche Krankheitslast der Hidradenitis suppurativa (HS) verdeutlichen Real-World-Daten aus der HERALD-Studie. In der webbasierten Querschnittsstudie wurden 834 Erwachsene aus verschiedenen Ländern — u.a. Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien — befragt, deren selbstberichtete HS-Diagnose ärztlich bestätigt war.
Etwa ein Drittel war vor der korrekten HS-Diagnose mindestens einmal fehldiagnostiziert worden, am häufigsten als Akne oder als Furunkel beziehungsweise Abszess. Zu den häufigsten Symptomen gehörten Juckreiz, Schmerzen und Drainage beziehungsweise Ausfluss; 67% berichteten mindestens einen Flare innerhalb der vorausgegangenen 30 Tage.
Trotz umfangreicher Behandlung bestanden bei vielen Patienten weiterhin Symptome. Nahezu alle (99%) hatten im Vorjahr verschreibungspflichtige Therapien und/oder chirurgische Eingriffe erhalten, am häufigsten Antibiotika (67%), Biologika (55%) und systemische Kortikosteroide (43%). Der Anteil der Patienten, die eine Erkrankung im Hurley-Stadium II oder III hatten, stieg von 46% bei der Diagnose auf 67% zum Zeitpunkt der Befragung. Da rezidivierende Entzündungen bei HS zu irreversiblen Gewebeschäden führen können, rückt ein therapeutisches „window of opportunity“ in den Fokus. 1
Neue Progressionskriterien und Treat-to-Target
Eine internationale Expertengruppe hat 2026 erstmals einen praxisorientierten Rahmen für die Krankheitsprogression vorgeschlagen: Als Progression gelten neu entstandene oder sich ausdehnende Tunnel, persistierende HS-Läsionen in einer zuvor nicht betroffenen anatomischen Region oder eine Zunahme persistierender Läsionen in einer bereits betroffenen Region. Als persistierend gilt eine Läsion, die mindestens zwölf bis 16 Wochen besteht. 1
Ingram plädierte deshalb für ein konsequentes Treat-to-Target. Das vorgestellte Schema sieht den Beginn einer zielgerichteten Therapie vor, wenn der IHS4 bei mindestens 4 liegt und eine dreimonatige orale Antibiotikatherapie nicht ausreichend gewirkt hat. Weitere Kontrollen folgen nach jeweils drei bis vier Monaten, später nach sechs bis zwölf Monaten. Bewertet werden die ärztliche Globalbeurteilung und die Lebensqualität. Bei unzureichendem Ansprechen soll die Dosis erhöht, eine orale Begleittherapie ergänzt oder auf eine andere zielgerichtete Therapie gewechselt werden.
Europäische Empfehlungen: Entzündung und Gewebeschäden getrennt betrachten
Die europäischen S2k-Leitlinien unterscheiden zwischen aktiv-entzündlicher HS und überwiegend nicht entzündlichen beziehungsweise strukturellen Veränderungen.2 Die entzündliche Aktivität kann mit dem International Hidradenitis Suppurativa Severity Score System (IHS4) eingestuft werden, während der Hurley-Score insbesondere strukturelle Veränderungen erfasst. Die Leitlinie empfiehlt entsprechend einen kombinierten medikamentösen und chirurgischen Ansatz.
Bechara verdeutlichte das Prinzip anhand eines phänotypbasierten Vorgehens: Bei einem Patienten können verschiedene Körperregionen gleichzeitig unterschiedliche Krankheitsstadien aufweisen. Während in einem Areal die Entzündung dominiert, können andernorts bereits irreversible Gewebeschäden bestehen. Medikamentöse und chirurgische Therapiebausteine müssen deshalb individuell kombiniert werden.
Medikamentöse Therapie nach Schweregrad
Bei leichter entzündlicher HS (IHS4 1 bis 3) werden orale Tetracycline wie Doxycyclin empfohlen, üblicherweise über zwölf Wochen oder als Langzeit-Erhaltungstherapie. Bei schwererer Erkrankung oder unzureichendem Ansprechen kommen Kombinationstherapien wie Clindamycin plus Rifampicin infrage; intravenöses Ertapenem kann über sechs bis 15 Wochen als Rescue-Therapie eingesetzt werden.
Für mittelschwere bis schwere HS stehen mit Adalimumab, Secukinumab und Bimekizumab drei zugelassene Biologika zur Verfügung.2 Die europäischen Empfehlungen sehen ihre Anwendung als Biologika der ersten Wahl nach Versagen einer konventionellen systemischen Therapie vor.
Medikament und Skalpell: Partnerschaft statt Konkurrenz
Systemische Therapien können die entzündliche Aktivität verringern, bereits entstandene irreversible Tunnel und Narben jedoch nicht zuverlässig beseitigen. Bei strukturell geschädigten Arealen bleibt die Chirurgie deshalb ein wesentlicher Bestandteil des Behandlungskonzepts.2
Zu den Befunden, die einen chirurgischen Eingriff nahelegen können, gehören Tunnelstrukturen, ziehharmonikaartige oder kontrahierte Narben, mutilierende HS und ein Malignitätsverdacht. Je nach Befund kommen unter anderem lokale Exzisionen und laserchirurgische Verfahren infrage.
Dass Biologikatherapie und Operation kombiniert werden können, zeigt die randomisierte SHARPS-Studie mit 206 Patienten. Adalimumab wurde vor, während und nach der Operation kontinuierlich gegeben; eine Unterbrechung vor dem Eingriff war nicht erforderlich.3 Auch die europäische Leitlinie stützt diesen kombinierten Ansatz.
In der Pipeline: Neue Angriffspunkte
Die therapeutische Pipeline adressiert mehrere Entzündungswege. Sonelokimab richtet sich gegen IL-17A und IL-17F; für diesen Wirkstoff wurden beim EADV bereits Phase-III-Daten aus dem VELA-Programm gezeigt. Auch zu Izokibep wurden Daten vorgestellt. Lutikizumab blockiert IL-1α und IL-1β, der orale BTK-Inhibitor Remibrutinib hemmt die Aktivierung von Mastzellen und Basophilen; für beide dokumentieren Phase-II-Daten klinische Aktivität. Mit Upadacitinib befindet sich ein weiterer oraler JAK1-Inhibitor in der Entwicklung.
Besonderes Interesse gilt der intrazellulären Signalübertragung. Über JAK1 werden Signale mehrerer HS-relevanter Zytokine vermittelt, etwa von Interleukin-6 und Interferonen. Martorell bezeichnete die selektive JAK1-Inhibition daher als eine Art „master switch“. Das Bild überzeichnet die Rolle von JAK1 allerdings: Zentrale HS-Zytokine wie TNF-α und IL-17 signalisieren nicht direkt über den JAK-STAT-Weg.
Povorcitinib: Phase III erreicht primären Endpunkt
Povorcitinib ist ein oraler JAK1-Inhibitor, der in vitro etwa 52-fach selektiver an JAK1 als an JAK2 bindet. In den identisch konzipierten, randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-III-Studien STOP-HS1 und STOP-HS2 wurden 608 beziehungsweise 619 Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer HS untersucht.4
Die Patienten erhielten einmal täglich 45 mg oder 75 mg Povorcitinib oder zunächst Placebo; nach Woche 12 wechselten die Placebogruppen auf Povorcitinib. Beide Studien erreichten den primären Endpunkt Hidradenitis Suppurativa Clinical Response 50 (HiSCR50) in Woche 12. In STOP-HS1 erreichten 40% unter 45 mg und 41% unter 75 mg Povorcitinib ein HiSCR50 gegenüber 30% unter Placebo. In STOP-HS2 lagen die entsprechenden Raten bei jeweils 42% gegenüber 29% unter Placebo. Die Unterschiede waren statistisch signifikant.
Wirkung nimmt im Verlauf der Zeit zu
Das Ansprechen setzte teils bereits ab Woche 3 ein und blieb unter fortgesetzter Therapie erhalten. Für HiSCR75 lagen die beobachteten Ansprechraten in Woche 54 je nach Studien- und Behandlungsgruppe zwischen 39 und 57%.4
Die Daten zeigen zudem eine Abnahme von inflammatorischen Knoten, Abszessen und drainierenden Tunneln; bei etwa 16 bis 20% der Patienten waren in Woche 54 keine inflammatorischen Läsionen mehr nachweisbar. Mehr als 75% der mit Povorcitinib behandelten Patienten blieben bis Woche 54 flare-frei. In Woche 12 war die Reduktion der Flares gegenüber Placebo allerdings nur in STOP-HS2 statistisch signifikant.
Auch Fatigue besserte sich: Nach 54 Wochen erreichten etwa 49 bis 58% der Patienten eine klinisch bedeutsame Verbesserung um mindestens vier Punkte im FACIT-F-Score.
Eine post hoc durchgeführte, gepoolte Zwischenanalyse nach 24 Wochen zeigte zudem klinische Aktivität bei Patienten mit schwerer, therapierefraktärer HS und vorausgegangener Anti-TNF-Therapie. Die Ergebnisse waren insgesamt mit der Gesamtpopulation vergleichbar.
Sicherheit über 54 Wochen
In den Phase-III-Studien traten schwere unerwünschte Ereignisse bis Woche 54 bei 5% der mit 45 mg und 6% der mit 75 mg Povorcitinib behandelten Patienten auf; jeweils 8% brachen die Behandlung wegen unerwünschter Ereignisse ab. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen gehörten Akne (17 bis 20%), Nasopharyngitis, Infektionen der oberen Atemwege und Kopfschmerzen. Ein Todesfall unklarer Ursache wurde berichtet und von den Prüfärzten als nicht behandlungsbedingt eingestuft; neue oder unerwartete Sicherheitssignale wurden nicht identifiziert.4
Damit liefert das Phase-III-Programm belastbare Evidenz für die Wirksamkeit von oralem Povorcitinib bei mittelschwerer bis schwerer HS. Eine im Symposium gezeigte studienübergreifende Gegenüberstellung sah Povorcitinib 75 mg beim HiSCR75 nach rund einem Jahr mit etwa 40% unterhalb der Werte von Sonelokimab, Bimekizumab und Secukinumab; solche indirekten Vergleiche sind jedoch nur eingeschränkt aussagekräftig. Ob und wann der Wirkstoff zugelassen wird und welchen Stellenwert er anschließend gegenüber den etablierten Biologika erhält, bleibt abzuwarten.
- Martorell A, Ingram JR, Sayed CJ, et al. Defining Moderate Disease and Progression in Hidradenitis Suppurativa: An Expert Framework to Unlock the Window of Opportunity for Prompt Treatment. Am J Clin Dermatol. 2026;27:217–226. doi:10.1007/s40257-026-01011-8.
- Zouboulis CC, Bechara FG, Benhadou F, et al. European S2k guidelines for hidradenitis suppurativa/acne inversa part 2: Treatment. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025;39(5):899–941. doi:10.1111/jdv.20472.
- Bechara FG, Podda M, Prens EP, et al. Efficacy and Safety of Adalimumab in Conjunction With Surgery in Moderate to Severe Hidradenitis Suppurativa: The SHARPS Randomized Clinical Trial. JAMA Surg.2021;156(11):1001–1009. doi:10.1001/jamasurg.2021.3655.
- Porter ML, Martorell A, Sayed CJ, et al. Povorcitinib for hidradenitis suppurativa: the randomized, double-blind, placebo-controlled STOP-HS1 and STOP-HS2 phase 3 trials. Nat Med. 2026;32:3071–3081. doi:10.1038/s41591-026-04534-z.
- Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) 2026, Wien.