DKK 2026: Moderne Therapie beim Mammakarzinom Logo of esanum https://www.esanum.de

Neue Standards, alte Hürden? Mammakarzinom im Versorgungscheck

Wie gut kommen Innovationen beim Mammakarzinom in der Versorgung an? Evidenzbasierte Strategien sind etabliert – ihre konsequente Umsetzung bleibt entscheidend.

Krebsregister-Daten zum primär metastasierten Mammakarzinom

Prof. Dr. Atanas Ignatov eröffnete die Vortragsreihe mit einem Beitrag über die Bedeutung von Krebsregisterdaten für die Beurteilung der Versorgungssituation beim Mammakarzinom in Deutschland. Sein Fokus lag auf Patientinnen mit primär metastasierter Erkrankung (Zeitfenster registerabhängig, meist ≤ 3 Monate nach der Primärdiagnose).

Im Register lag der Anteil im Durchschnitt bei etwa 7,5 %, mit einem Anstieg auf bis zu 9 % in den jüngeren Jahren. Ignatov betonte, dass Registerauswertungen aufgrund von Dokumentationslücken (z. B. fehlender Hormonrezeptor- und HER2-Status) jedoch vorsichtig interpretiert werden müssten.
Auch die Metastasierungsmuster wurden anhand der Tumorbiologie analysiert; insgesamt dominierten Knochenmetastasen. Bei hormonrezeptor-positiven Subtypen (HR+) erfolgte die Metastasierung überwiegend ossär, während andere Subgruppen häufiger pulmonale bzw. hepatische Metastasen aufwiesen.Informationen zur Therapie waren teils unvollständig. Trends zeigten jedoch eine abnehmende operative Therapie bei der primär metastasierten Situation und eine Zunahme systemischer Therapie, inklusive moderner Substanzklassen.

In Zeitvergleichen ergaben sich beim Gesamtüberleben nicht in allen Subgruppen klare Verbesserungen. Für HER2-positive Patientinnen zeigt die Auswertung jedoch eine kleine, aber signifikante Differenz.

Neoadjuvante Chemo und zielgerichtete Therapie: Pathologische Komplettremission als Leitprinzip

Im zweiten Vortrag stellte Prof. Dr. Michael Untch, die neoadjuvante Therapie als konsequent Biomarker- und Response-orientiertes Konzept dar. Zentral ist die pathologische Komplettremission (pCR) als prognostischer Marker: Patientinnen mit pCR haben – besonders bei triple-negativem (TNBC) und HER2-positivem Mammakarzinom – deutlich bessere Langzeit-Outcomes. Daraus folgt ein zweites Prinzip: Bei Non-pCR ist eine gezielte Eskalation postneoadjuvanter Therapien angezeigt.

Beim TNBC gilt die Integration von Checkpoint-Inhibitoren in geeigneten Situationen inzwischen als Therapiestandard. Zudem wurden Antikörper-Wirkstoff-Konjugate als dynamisch wachsendes Feld beschrieben, sowohl in Studien zur Deeskalation (weniger klassische Chemo) als auch zur Eskalation bei Non-pCR.

Praktische Aspekte betrafen die Markierung des Tumors und histologisch gesicherter Lymphknoten vor Beginn, engmaschige Ansprechkontrolle und operative Techniken zur Verringerung der Morbidität (z. B. Targeted Axillary Dissection).

Erstlinie HR+ metastasiert: CDK4/6 zwischen Eskalation und Deeskalation

Im dritten Vortrag ordnete Prof. Dr. Thomas Decker, die Erstlinientherapie beim Hormonrezeptor-positiven metastasierten Mammakarzinom ein. Historisch wurde nach intensiver Eskalation zunehmend deeskaliert: Chemotherapie in der Erstlinientherapie wird heute primär in besonderen Krisensituationen, etwa bei drohendem Organversagen, diskutiert.

Mit CDK4/6-Inhibitoren (CDK4/6) hat sich die Evidenzlage verbessert: Kombinationen aus endokriner Therapie plus CDK4/6 gelten als Standard. Sie haben in Studien deutliche Vorteile beim progressionsfreien Überleben, teils auch Vorteile beim Gesamtüberleben, gezeigt.
Wichtig ist zudem eine „intelligente Eskalation“ anhand der Biologie: Bei PIK3CA-Mutation und endokriner Resistenz hat Decker zielgerichtete Optionen als klinisch bedeutsam dargestellt – mit dem Hinweis auf Nebenwirkungsmanagement und Shared Decision Making.

Daneben ging er auf experimentelle Ansätze ein. In Studien prüfen Forschende bei Patientinnen mit langer Krankheitskontrolle eine mögliche Deeskalation (Absetzen von CDK4/6).

Adjuvant HR+ Hochrisiko: Abemaciclib in der Realität zu selten

Im vierten Vortrag präsentierte Dr. Matthias Zaiss, Real-World-Daten zur adjuvanten Versorgung von Hochrisiko-Patientinnen (u. a. mit multiplen Lymphknotenmetastasen oder mit zusätzlichen Risikofaktoren). Obwohl eine schlechte Prognose bekannt ist und Studiendaten vorliegen, findet Abemaciclib in der Routineversorgung – trotz Zulassungserweiterung Mitte 2022 und positiver Nutzenbewertung durch den G-BA Ende 2022 – nur bei einem Teil der Berechtigten Anwendung. In der analysierten Kohorte blieb der Einsatz deutlich hinter dem erwarteten Anteil zurück. Die Daten zeigten, dass das Rezidivrisiko in den ersten Jahren klinisch relevant bleibt, selbst wenn die meisten Patientinnen zuvor Chemotherapie erhalten hatten.

In der Anwendung haben viele Patientinnen mit einer Standarddosis begonnen. Dosisreduktionen waren häufig, Therapieabbrüche wegen der Toxizität waren im beobachteten Zeitraum aber selten.

In der Diskussion wurden mögliche Ursachen für die Unterversorgung benannt: die Sorge vor Nebenwirkungen, Versorgungsbrüche nach Strahlentherapien, aber auch Akzeptanzprobleme nach intensiver Vorbehandlung.

Endokrine Therapie und Nachsorge: Adhärenz als Schlüssel

Im fünften Vortrag betonte Prof. Dr. Achim Wöckel, Würzburg, dass die endokrine Therapie beim HR+ Mammakarzinom eine der effektivsten Maßnahmen bleibe – und dass Adhärenzprobleme eine wesentliche Versorgungsbarriere darstellten. Leitlinienbasiert bleibt die Standarddauer häufig fünf Jahre, mit individueller Verlängerung auf sieben bis zehn Jahre bei erhöhtem Risiko. Zudem ging Wöckel auf neue endokrinbasierte Therapieoptionen und auf die Bedeutung präziser Risikostratifikation inklusive moderner Testverfahren ein.

Bei der Nachsorge verwies er auf begrenzte Evidenz für eine extensive apparative Diagnostik. Gleichzeitig gebe es einen wachsenden Bedarf an bedarfsorientierten, individualisierten Konzepten. Digitale Tools (z. B. Apps) bewertete Wöckel als potenziell hilfreich, jedoch nicht als Ersatz für das strukturierte Arztgespräch und ein stabiles Versorgungsnetzwerk.

Strahlentherapie: Hypofraktionierung, Boost, Lymphabflusswege

Prof. Dr. David Krug, gab im Rahmen des sechsten Vortrags ein Update zur Strahlentherapie beim Mammakarzinom. Als Goldstandard nach brusterhaltender Operation beschrieb er die hypofraktionierte Ganzbrustbestrahlung über etwa drei Wochen. Ultra-hypofraktionierte Konzepte (fünf Fraktionen) gewinnen aufgrund von Langzeitdaten zunehmend an Bedeutung. Deeskalationsoptionen umfassen den selektiven Verzicht auf Bestrahlung bei Niedrigrisiko-Patientinnen und bei Patientinnen mit begrenzter Lebenserwartung, allerdings unter der Voraussetzung einer konsequenten endokrinen Therapie.
Die Eskalation erfolgt u. a. über Boost-Konzepte, zunehmend auch integriert ohne Verlängerung der Gesamtbehandlungszeit. Für Thoraxwand- und Lymphabflussbestrahlung nach Mastektomie hat Krug eine risikoadaptierte Indikationsstellung erläutert. Sie ist u. a. abhängig vom Lymphknoten-Status.

In der neoadjuvanten Ära gewinnt das Ansprechen auf Systemtherapie an Gewicht. Neuere randomisierte Daten unterstützen in ausgewählten Situationen eine Deeskalation bei sehr gutem Ansprechen nach Neoadjuvanz.

Die wichtigsten Aspekte

  • Krebsregister-Daten zeigen relevante Anteile primär metastasierter Mammakarzinome, aber auch Dokumentationslücken.
  • Die pCR bleibt ein wichtiger prognostischer Marker, insbesondere bei TNBC und HER2-positivem Mammakarzinom; Non-pCR erfordert postneoadjuvante Strategien.
  • CDK4/6 in der Erstlinie HR+ metastasiert ist Standard; Chemotherapie bleibt primär besonderen klinischen Krisensituationen vorbehalten.
  • Abemaciclib wird adjuvant bei Hochrisiko in der Versorgung zu selten eingesetzt. Trotz vorhandener Evidenz und Zulassung wird nur ein Teil der berechtigten Patientinnen erreicht.
  • Strahlentherapien entwickeln sich über Hypofraktionierung, selektive De-/Eskalation und bessere Axilla-Konzepte weiter.

Fazit

Die Sitzung auf dem DKK Berlin zeigte ein klares Spannungsfeld zwischen Evidenz und Umsetzung: Während Krebsregister-Daten die Realität und Lücken in der Dokumentation sichtbar machen, liefern Studien zum Mammakarzinom zunehmend präzise, biomarkerbasierte Therapiepfade. CDK4/6 ist in der metastasierten Erstlinientherapie etabliert, Abemaciclib in der adjuvanten Hochrisiko-Situation hingegen noch nicht konsequent implementiert. Parallel modernisiert die Strahlentherapie ihre Standards durch (Ultra-)Hypofraktionierung und durch risikoadaptierte Zielvolumina. Über alle Themen hinweg bleibt die Adhärenz – insbesondere zur endokrinen Therapie – ein entscheidender Faktor, damit Innovationen in der Versorgung tatsächlich zu besseren Outcomes führen.

Referenz:
  1. 37. Deutscher Krebskongress (DKK), 18.-21. Februar 2026, CityCube, Berlin. Highlight-Sitzung: State of the Art Mammakarzinom, 19. Februar 2026.