Onkologie: Mehr Daten, bessere Therapie? Logo of esanum https://www.esanum.de

Datenflut in der Onkologie: Fortschritt oder Überforderung?

NGS, WGS und RNA Sequenzierung liefern immer mehr molekulare Daten. Doch verbessert diese diagnostische Vielfalt tatsächlich die Therapieentscheidungen in der Onkologie?

Mehr Diagnostik – verbessert sie tatsächlich die Ergebnisse?

Die Session wurde mit einer zentralen Frage eröffnet: Gilt in der molekularen Diagnostik tatsächlich das Prinzip „immer mehr ist immer besser“?

Unbestritten ist, dass das diagnostische Methodenspektrum rasant wächst. Immer leistungsfähigere Technologien, mehr Sequenzierungstiefe und breitere Panels führen zu einer stetig zunehmenden Datenmenge. Diese Entwicklung wird häufig als Fortschritt gesehen, da sie eine höhere Sensitivität ermöglicht und zusätzliche molekulare Informationen liefert.

Mehr Daten führen jedoch nicht automatisch zu besseren klinischen Entscheidungen. Im Gegenteil: Die zunehmende Informationsfülle erschwert die Interpretation.

Die Bedeutung der Pathologie für die personalisierten Onkologie

Vor diesem Hintergrund skizzierte Röcken die Rolle der modernen Pathologie: Tumorerkrankungen werden heute immer feiner klassifiziert, häufig auf morphomolekularer Basis. Ziel ist nicht nur eine präzise Entitätsdiagnose, sondern auch eine valide Prognoseabschätzung sowie vor allem die Identifikation prädiktiver Biomarker für zielgerichtete Therapien. Die Pathologie bildet damit die Grundlage für personalisierte Therapieentscheidungen sowie die Suche nach neuen therapeutischen Angriffspunkten.

Ein weiterer Fokus lag auf der frühzeitigen Erkennung von Rezidiven. Dafür ist es notwendig, eine spezifische molekulare „Signatur“ des Tumors zu definieren, die später, etwa im Blut, nachgewiesen werden kann. Liquid-Biopsy-Ansätze wurden in der Session als vielversprechend beschrieben, allerdings mit folgender Einschränkung: Molekulare Tests sind nur sinnvoll, wenn bekannt ist, wonach gesucht werden soll.

Methodische Vielfalt und ihre Grenzen

Das Spektrum der modernen Pathologie reicht heute von Immunhistochemie und klassischer Sequenzierung über NGS-Panels (Next-Generation-Sequencing) bis hin zu Whole-Genome-Sequencing (WGS). Detektiert werden Punktmutationen, Insertionen und Deletionen, Rearrangements, Veränderungen der Kopienzahl sowie komplexe molekulare Signaturen. Ergänzend gewinnen Methylom-Analysen an Bedeutung, insbesondere in der Neuropathologie, wo sie bereits fest zur Klassifikation von Hirntumoren beitragen.

Auch die RNA-Sequenzierung war ein Thema, insbesondere zur Erkennung von Genfusionen, die mit DNA-basierten Verfahren nicht immer zuverlässig erfasst werden.

Stufendiagnostik, Materialknappheit und Präanalytik

In der diagnostischen Routine erfolgt die Abklärung weiterhin stufenweise: von der makroskopischen Beurteilung über HE-Färbung und Immunhistochemie bis hin zur gezielten molekularpathologischen Analyse.

Gerade bei Rezidiven oder Metastasen stehen häufig nur kleine Biopsien zur Verfügung, während die diagnostischen Anforderungen stetig zunehmen. Hinzu kommen präanalytische Faktoren wie Ischämiezeiten, die die Qualität von DNA und RNA beeinträchtigen können.

Therapeutische Evidenz und systemische Fehlanreize

Aus therapeutischer Perspektive betonte Lange, dass adäquate molekulare Diagnostik die richtige Untersuchung am richtigen Material, zum richtigen Zeitpunkt und in ausreichender Qualität bedeute. In der Versorgungspraxis sei dies jedoch nicht immer gewährleistet. Zielgerichtete Therapien zeigen in Studien Vorteile wie ein verlängertes progressionsfreies Überleben. Doch bleibt die Zahl der klar evidenzbasierter, zugelassener Biomarker-Therapien begrenzt.

Real-World-Daten belegen, dass nur etwa 15 bis 20 Prozent der gefundenen Alterationen einem hohen Evidenzniveau entsprechen. Breitere Tests identifizieren zwar mehr molekulare Veränderungen. Diese liegen jedoch häufig in Bereichen mit schwacher klinischer Evidenz.

Ethik, Versorgungsgerechtigkeit und klinische Realität

Abschließend haben die Fachleute die wachsende Kluft zwischen spezialisierten Zentren und der Versorgung in der Fläche diskutiert. Während an großen Standorten hochkomplexe Diagnostik verfügbar ist, fehlt mancherorts sogar eine gesicherte Mindestdiagnostik relevanter Biomarker.

Hinzu kommt die zunehmende Schwierigkeit beim Off-Label-Einsatz: Selbst wenn molekulare Diagnostik potenzielle Zielstrukturen identifiziert, sind entsprechende Medikamente nicht immer verfügbar. Daraus ergibt sich ein ethisches Dilemma, wenn Patienten über theoretische Optionen informiert werden, die praktisch nicht realisierbar sind.

Die wichtigsten Punkte

  • Die molekulare Diagnostik wächst rasant. Das führt zu mehr Sequenzierungen, mehr Methoden, mehr Daten, aber nicht automatisch zu klinischen Entscheidungen.
  • NGS ist Standard, während ein klarer klinischer Zusatznutzen von WGS gegenüber guter Paneldiagnostik bislang nicht belegt ist.
  • Liquid Biopsy ist besonders für Rezidive und MRD relevant, erfordert jedoch bekannte Tumorsignaturen und klare Fragestellungen.
  • Flächendeckende Mindestdiagnostik anhand relevanter Biomarker ist essenziell. Sie erfordert klare Standards und funktionierende Netzwerke.
Quelle:
  1. 37. Deutscher Krebskongress (DKK), 18.-21. Februar 2026, CityCube, Berlin. Highlight-Sitzung: Molekulare Diagnostik: Ist immer mehr immer besser?, 20. Februar 2026.