Kardiovaskuläre Prävention: was zählt? Logo of esanum https://www.esanum.de

Länger leben durch kardiovaskuläre Prävention: Was ist bewiesen?

Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck und Co. Die Liste der Faktoren, welche die kardiovaskuläre Mortalität fördern sollen, ist lang. Doch wie steht es wirklich um die Evidenz? Und was sind neue Ansätze zur Verlängerung der Lebenszeit? Mehr dazu lesen Sie hier.

Das sollten Sie über Lebensverlängerung durch kardiovaskuläre Prävention wissen:

Risikofaktoren: Was schadet Herz und Gefäßen wirklich?

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Männern und Frauen – und das, obwohl sie prinzipiell vermeidbar wären. Durch eine Reduktion der Risikofaktoren könnte die Mortalität gesenkt werden. Hier greift die kardiovaskuläre Prävention ein, die insbesondere auf folgende Faktoren Einfluss nimmt:

Obwohl eine epidemiologische Assoziation zwischen diesen Faktoren und der erhöhten Sterblichkeit besteht, gibt es keineswegs immer evidente Daten zur Sicherung eines Zusammenhangs. Dies gilt speziell für körperliche Aktivität, Nikotinabusus und Übergewicht. Nachgewiesen hingegen ist die Verlängerung der Lebenszeit durch eine Regulierung des LDL-C und Bluthochdrucks. 

Sozio-ökonomische Faktoren wichtiger als Sport und Co.

Wie gering der Stellenwert einer gesunden Lebensführung sein kann, lässt sich anhand der Ergebnisse einiger Forschungsarbeiten verdeutlichen: So konnte z. B. gezeigt werden, dass der Faktor des sozio-ökonomischen Status den protektiven Effekt eines gesundheitsfördernden Lebensstils übertrifft: Trotz Nikotin- und Alkoholabstinenz, Sport und ausgewogener Ernährung hat eine Person mit niedrigem Einkommen und Status ein höheres kardiovaskuläres Mortalitätsrisiko als ein Individuum aus einer weniger kompromittierten Gesellschaftsschicht. 

Des Weiteren ließ sich demonstrieren, dass eine sportliche Betätigung in der Freizeit kardiovaskulär schützend wirkt, eine physisch anstrengende Arbeit hingegen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist.

Diese Daten zeigen, dass insbesondere sozial schwierige Populationen im Fokus protektiver Maßnahmen stehen sollten.

Rauch-Stopp und Abnehmen: Was hilft und was nicht?

Auch wenn sich nicht für jeden der genannten Risikofaktoren klare Aussagen bezüglich der Auswirkung auf die kardiovaskuläre Mortalität treffen lassen, sind Nikotinabstinenz, Gewichtsreduktion und Sport sicherlich mit positiven gesundheitlichen Effekten vergesellschaftet. Einige Maßnahmen, die zur Regulierung dieser Faktoren mehr (oder weniger) beitragen, wurden diskutiert:

E-Zigarette: Keine Hilfe auf dem Weg zum Nichtrauchen 

So sollten Personen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, nicht zur E-Zigarette als unterstützende Maßnahme greifen. Denn diese reduziert nicht das Risiko, rückfällig zu werden.

Abnehmen: Diät-Tipps ohne Erfolg

Eine weitere, wenig hilfreiche Maßnahme ist die Ernährungsberatung, die nachweislich nicht zur langfristigen Gewichtsabnahme führt. Zielführend dagegen ist neben einer dauerhaften Lebensstilumstellung nur die Adipositaschirurgie (z. B. Magen-Bypass). Diese ist noch immer der Goldstandard zur Gewichtsreduktion und führt dauerhaft zur besten Gewichtskontrolle.

Alternativ könnten zukünftig auch medikamentöse Therapien infrage kommen. So wurde bereits das Antidiabetikum Semaglutid, mit dem das Körpergewicht in 68 Wochen um 17% reduziert werden kann, von der European Medicines Agency (EMA) zur Behandlung der Adipositas zugelassen; darüber hinaus wird aktuell auch Tirzepatid untersucht, das evtl. zu noch größeren Gewichtsverlusten führen könnte.

LDL-C und Blutdruck: Neue Ansätze zur kardiovaskulären Prävention

Die Lipid- und Blutdruckontrolle zählt zu den wichtigsten Präventionsmaßnahmen. Doch hier muss eventuell früher als bisher angesetzt werden: So lässt sich durch eine LDL-C-Senkung um 50% in jungen Jahren ein Großteil kardiovaskulärer Erkrankungen verhindern und das Leben verlängern. Besonders bei der recht häufigen heterozygoten familiären Hypercholesterinämie kann das Lipid schon früh erhöht sein. Zur Detektion ließe sich ein Kinderscreening auf LDL-C bei der U8 einführen.

Was die medikamentöse Therapie zur Cholesterinsenkung angeht, stehen heute neben Statinen zahlreiche andere Präparate zur Verfügung. Zur Steigerung der Effektivität könnte bereits primär auf eine Kombinationstherapie und Kombinationspräparate zurückgegriffen werden.

Auch ein Behandlungskonzept, das derzeit im Vereinigten Königreich anläuft, könnte in Betracht kommen. Hierbei wird Patientinnen und Patienten, die ein hohes kardiovaskuläres Risiko aufweisen, zweimal jährlich der PCSK9-Hemmer Inclisiran durch Pflegekräfte injiziert. Ein regelmäßiger Arztkontakt kann so reduziert, die tägliche Medikation vermieden und gleichzeitig die Mortalität reduziert werden.

Blutdruckkontrolle durch OP

Ein weiterer neuer Angriffspunkt könnte die operative Blutdrucksenkung sein. Es wurde bereits gezeigt, dass durch eine renale Denervation die dauerhafte Blutdruckregulation möglich ist. Der positive Effekt lässt sich auch noch Jahre nach der Intervention nachweisen und nimmt sogar noch zu.

Fazit für die Praxis

Die kardiovaskuläre Mortalität lässt sich durch viele präventive Maßnahmen beeinflussen. Neue Konzepte wie ein LDL-C-Screening im Kindesalter bis hin zur operativen Hypertonie-Therapie werden diskutiert. Auch in der Adipositasbehandlung könnten demnächst neue Pharmazeutika Anwendung finden. Bezüglich kardioprotektiver Maßnahmen allgemein sollte zudem der Fokus mehr auf Menschen in prekären Lebensverhältnissen liegen. 

Quelle:
Laufs, Ulrich, Prof. Dr. med., Universitätsklinikum Leipzig, Längeres Leben durch Medikamente und Interventionen: Was ist wirklich bewiesen? 88. Jahrestagung der DGK, Mannheim, 21.04.2022