Zervixkarzinom: Weniger radikal operieren (DGHO 2026) Logo of esanum https://www.esanum.de

Zervixkarzinom: Weniger radikal operieren, Radiochemotherapie verstärken

Einfache statt radikaler Hysterektomie bei kleinen Tumoren, intensivere Radiochemotherapie bei lokal fortgeschrittener Erkrankung: Die DGHO-Jahrestagung in Wien zeigte, was sich beim Zervixkarzinom ändert.

Bei frühen Stadien des Zervixkarzinoms steht die Operation im Vordergrund, bei lokal fortgeschrittenen Tumoren die primäre Radiochemotherapie (CRT). In beiden Bereichen haben große Studien die Standards verschoben: Operiert wird heute oft weniger radikal, die Radiochemotherapie dagegen gezielt verstärkt.1

Frühe Stadien: offen und oft weniger radikal operieren

Ist eine radikale Hysterektomie nötig, bleibt der offene Zugang Standard. Grundlage ist die LACC-Studie (Laparoscopic Approach to Cervical Cancer) mit Patientinnen in den Stadien IA1 mit Lymphgefäßinvasion bis IB1: Nach minimalinvasiver Operation lebten nach 4,5 Jahren 86,0 % der Patientinnen krankheitsfrei, nach offener Operation 96,5 %. Das Risiko für Rezidiv oder Tod war nach dem minimalinvasiven Eingriff knapp viermal, das Sterberisiko sechsmal so hoch.2

Bei kleinen Tumoren mit niedrigem Risiko lässt sich die Operation dagegen deeskalieren. In der SHAPE-Studie mit 700 Patientinnen (Tumor bis 2 cm, Stromainvasion unter 10 mm) war die einfache der radikalen Hysterektomie nicht unterlegen: Nach drei Jahren traten Rezidive im Becken bei 2,52 % beziehungsweise 2,17 % auf. Harninkontinenz und Harnverhalt traten nach einfacher Hysterektomie deutlich seltener auf.3

Lokal fortgeschrittenes Karzinom: Radiochemotherapie wird intensiviert

Zwei Strategien verbessern die Ergebnisse der Standard-CRT. In der Phase-III-Studie GCIG INTERLACE erhielten Patientinnen vor der CRT sechs Wochen lang wöchentlich Carboplatin und Paclitaxel. Nach fünf Jahren lebten 72 % ohne Progression (versus 64 % mit alleiniger CRT) und insgesamt 80 % (versus 72 %).4

In der Studie KEYNOTE-A18 verlängerte Pembrolizumab zusätzlich zur CRT bei Patientinnen mit hohem Risiko (FIGO 2014 IB2 bis IIB mit Lymphknotenbefall oder III bis IVA) das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben: Nach 36 Monaten lebten 82,6 % versus 74,8 % (Hazard Ratio 0,67).5 In der EU ist die Kombination seit 2024 für die FIGO-Stadien III bis IVA zugelassen.6

Rezidiv und Metastasen: Checkpoint-Hemmung in der Erstlinie

Bei persistierendem, rezidiviertem oder metastasiertem Zervixkarzinom verlängerte Pembrolizumab zusätzlich zur Chemotherapie mit oder ohne Bevacizumab in der Studie KEYNOTE-826 das Gesamtüberleben. Bei PD-L1-positiven Tumoren (CPS ≥ 1) lag es im Median bei 28,6 versus 16,5 Monaten.7 Cemiplimab ist in der Zweitlinie zwar unabhängig vom PD-L1-Status zugelassen, spielt laut Schmalfeldt aber kaum noch eine Rolle, weil die meisten Patientinnen bis dahin bereits einen Checkpoint-Inhibitor erhalten haben.1

Antikörper-Wirkstoff-Konjugate als neue Option

Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) Tisotumab vedotin verlängerte in der Phase-III-Studie innovaTV 301 bei vorbehandelten Patientinnen das mediane Gesamtüberleben gegenüber einer Chemotherapie von 9,5 auf 11,5 Monate (Hazard Ratio 0,70). Seit 2025 ist es in der EU zugelassen; zu achten ist auf okuläre Nebenwirkungen wie Konjunktivitis und Keratitis.8

Trastuzumab deruxtecan ist seit Juni 2026 in der EU tumorübergreifend für vorbehandelte HER2-positive (IHC 3+) solide Tumoren zugelassen, darunter auch Zervixkarzinome. HER2-positiv ist allerdings nur ein kleiner Teil dieser Tumoren.9 Gegen das Oberflächenantigen TROP2 gerichtete ADC wie Sacituzumab govitecan und Sacituzumab tirumotecan werden derzeit in Studien geprüft.1

Fazit für die Praxis

Bei kleinen Tumoren mit niedrigem Risiko kommt eine einfache Hysterektomie infrage, radikal operiert wird offen. Beim lokal fortgeschrittenen Karzinom lässt sich die CRT durch eine Induktionschemotherapie oder durch Pembrolizumab verstärken. Im Rezidiv stehen Checkpoint-Hemmung und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate zur Verfügung; unter Tisotumab vedotin sollten Augenbeschwerden gezielt erfragt werden.

Quellen
  1. Schmalfeldt B. Gynäkologische Onkologie: Therapeutische Innovationen beim Zervixkarzinom. Vortrag, Jahrestagung der DGHO, OeGHO, SGMO und SGH, 9. bis 12. Oktober 2026, Wien. https://jahrestagung-haematologie-onkologie.com/ (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  2. Ramirez PT, Frumovitz M, Pareja R, et al. Minimally Invasive versus Abdominal Radical Hysterectomy for Cervical Cancer. N Engl J Med. 2018;379:1895–1904. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1806395 (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  3. Plante M, Kwon JS, Ferguson S, et al. Simple versus Radical Hysterectomy in Women with Low-Risk Cervical Cancer. N Engl J Med. 2024;390:819–829. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2308900 (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  4. McCormack M, Eminowicz G, Gallardo D, et al. Induction chemotherapy followed by standard chemoradiotherapy versus standard chemoradiotherapy alone in patients with locally advanced cervical cancer (GCIG INTERLACE). Lancet. 2024. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(24)01438-7 (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  5. Lorusso D, Xiang Y, Hasegawa K, et al. Pembrolizumab or placebo with chemoradiotherapy followed by pembrolizumab or placebo for newly diagnosed, high-risk, locally advanced cervical cancer (ENGOT-cx11/GOG-3047/KEYNOTE-A18): overall survival results. Lancet. 2024. Zusammenfassung ASCO Post (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  6. Merck & Co. KEYTRUDA receives 30th approval from European Commission with two new indications in gynecologic cancers. Pressemitteilung, Oktober 2024. merck.com (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  7. Monk BJ, Colombo N, Tewari KS, et al. First-Line Pembrolizumab + Chemotherapy Versus Placebo + Chemotherapy for Persistent, Recurrent, or Metastatic Cervical Cancer: Final Overall Survival Results of KEYNOTE-826. J Clin Oncol. 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37910822/ (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  8. Vergote I, González-Martín A, Fujiwara K, et al. Tisotumab Vedotin as Second- or Third-Line Therapy for Recurrent Cervical Cancer. N Engl J Med. 2024;391:44–55. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2313811 (letzter Zugriff: 15.10.2026)
  9. AstraZeneca. Enhertu approved in the EU as first tumour-agnostic HER2-directed therapy. Pressemitteilung, 29.06.2026. astrazeneca.com (letzter Zugriff: 15.10.2026)