KI-Chatbots und Therapieadhärenz in der Onkologie Logo of esanum https://www.esanum.de

Noch bleibt der Mensch entscheidend: KI-Chatbots und Therapieadhärenz in der Onkologie

Das Management der Tumortherapie umfasst im Jahr 2026 KI-gestützte Chatbots - doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch KI-Agenten können halluzinieren. Der Mensch verfügt damit weiterhin über eine zentrale Rolle. Auch aus psychoonkologischer Sicht.

Tumortherapie im Jahr 2026: Zwischen KI-gestützten Chatbots und Progredienzangst

Die onkologische Versorgung verändert sich auf zwei Ebenen zugleich. Ärzte arbeiten zunehmend mit KI-gestützten Chatbots. Patienten nehmen orale Tumortherapien immer häufiger selbstständig zuhause ein. PD Dr. med. Jan-Niklas Eckardt zeigte auf der DGHO-Jahrestagung, wie sich Large Language Models (LLMs) sinnvoll nutzen lassen.1 Die Psychoonkologin Dipl.-Psych. Beate Hornemann ging darauf ein, welche Faktoren für die Therapieadhärenz bestimmter Tumortherapeutika entscheidend sind. Dabei zeigte sie, wie Progredienzangst motivationsfördernd, zu viel Angst jedoch motivationshemmend wirken kann.2

Braucht die KI in Zukunft noch Ärzte?

Bei AMIE (Articulate Medical Intelligence Explorer) handelt es sich um ein experimentelles KI-System von Google Research und Google DeepMind. Es wurde für Anamnese, Diagnosestellung und Patientenkommunikation entwickelt, ist aber bislang nicht für den klinischen Einsatz zugelassen. 

Laut einer von Eckardt zitierten Umfrage der American Medical Association nutzen bereits 83 % der Ärzte mindestens einmal pro Woche einen Chatbot in ihrem klinischen Alltag. Wie leistungsfähig die Systeme sind, zeigen Studien zu Googles Sprachmodell AMIE: Bei 302 komplexen Fallberichten nannte AMIE in 59,1 % der Fälle die korrekte Diagnose unter seinen zehn wahrscheinlichsten Differenzialdiagnosen. Ärzte ohne Hilfsmittel erreichten 33,6 %, Ärzte mit AMIE-Unterstützung lediglich 51,7 %.  AMIE war in diesem Fall also allein besser als in Kombination mit einem Mediziner.1

KI empathischer als ein Arzt?

In einer verblindeten Studie mit Schauspielpatienten schnitt AMIE gegenüber Hausärzten auf 25 von 26 Bewertungsachsen besser ab, sogar bei dem Faktor Empathie.1 Künftig sieht Eckardt Ärzte als „Dirigenten“ von KI-Agenten, die etwa Tumorboards oder Kostenübernahmeanträge vorbereiten und so zu einer Zeitersparnis im klinischen Alltag beitragen können.1

Large Language Models: richtig prompten, kritisch prüfen

Entscheidend ist der Prompt. Eckardts Faustregel: so formulieren, als spräche man mit einem Pflegepraktikanten. Bewährte Bausteine sind dem KI-Agenten klar definierte Vorgaben zu machen zu seiner Rolle, der Zielgruppe, Tonalität und Ausgabeformat. Durch das Hochladen von Beispielen und Anweisungen wie „Denke Schritt für Schritt“ oder die Rückfrage „Welche Informationen benötigst du noch?“ kann das Ergebnis des KI-Agenten zudem verbessert werden. 

Die KI kann auch halluzinieren

Zugleich warnte Eckardt vor den Gefahren der KI-Anwendung im medizinischen Alltag: “Sprachmodelle sind gewillt, stets eine Antwort zu geben”. Hierbei kann es zu Halluzinationen und der Ausgabe erfundener Daten kommen, die täuschend echt wirken können.1 Für die medizinische Weiterbildung drohen Never-, Mis- und Deskilling.1 Eckharts zentrale Take-home-Message war deswegen: „Bitte nicht das Gehirn ausschalten.“1

Psychoonkologie: wenn die Therapie zu Hause stattfindet

Bei chronischen Erkrankungen nimmt in Industrieländern im Mittel nur etwa die Hälfte der Patienten ihre Medikamente wie verordnet ein.2 Selbst bei Schmerzmedikation ist die Adhärenz gering, berichtete Hornemann: Nur 10 % sind vollständig adhärent, 66 % moderat adhärent und 24 % nicht adhärent. Viele nehmen Analgetika erst ein, wenn Schmerzen auftreten, statt dem vorgegebenem Schema zu folgen, so Hornemann.2

Tumortherapie im häuslichen Umfeld

Hornemann grenzte Adhärenz klar von Compliance ab: Bei der Adhärenz übernehmen Patienten eine aktive Rolle, bei der Compliance eine passive. 

Mit der oralen Tumortherapie verlagert sich die Behandlung in die Häuslichkeit. Das bringt Lebensqualität und Flexibilität, jedoch auch mehr Eigenverantwortung und weniger Kontakt zu den behandelnden Ärzten mit sich. Ein im Vortrag zitierter Patient beschrieb es so: „Mit jeder Einnahme erinnere ich mich an die Krankheit.“ Manche verschweigen Nebenwirkungen aus Sorge, das Medikament könne abgesetzt werden. Dabei könnte gerade ein gutes Nebenwirkungsmanagement hier helfen.2

Zwischen Progredienzangst, Vermeidung und Depression

Eine zentrale Rolle spielt Angst. Progredienzangst, die Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung, resultiert aus der realen Erfahrung einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Sie ist eine normale Reaktion und kann die Behandlungsmotivation fördern.2 Zu viel Angst kann aber auch Vermeidungsmechanismen auslösen: Unter Angst können Denkprozesse eingeschränkt sein. Besonders leicht fällt Vermeidung, wenn keine Symptome bestehen und der Therapieerfolg ungewiss ist. Die Belastung reicht dabei von normalen Sorgen bis zu psychischen Störungen wie Depression oder Angststörungen.2

Therapieadhärenz fördern im Alltag

Hilfreich sind laut Hornemann praktische Strategien. So kann die Einnahme der Tumormedikamente mit Alltagstätigkeiten verknüpft werden. Auch kann die Erinnerungsfunktion per Handy oder App genutzt werden. Durch das Einbauen von Belohnungen und E-Health-Angebote zum Monitoring ist ebenso eine Verbesserung der Therapieadhärenz möglich. In der Kommunikation gelte es, die Sicht des Patienten zu validieren und offen anzusprechen, dass Motivationsschwankungen normal sind. Angstappelle besitzen hierbei keine nachhaltige Natur. Angehörige sollten direkt oder auch indirekt einbezogen werden.2

Fazit für die Praxis

  • KI-Chatbots erreichen in Studien eine hohe diagnostische Genauigkeit. Ihre Ausgaben müssen dennoch fachlich geprüft werden.
  • Gute Prompts legen Rolle, Zielgruppe, Tonalität und Format fest und enthalten Beispiele.
  • Die KI-Anwendung in der Medizin kann mit Never-, Mis- und Deskilling einhergehen.
  • Bei oraler Tumortherapie sollte die Therapieadhärenz aktiv und wertfrei angesprochen werden. Nebenwirkungen sollten gezielt erfragt werden.
  • Bei Angst oder Motivationsproblemen sollte Zugang zu psychoonkologischer Beratung geschaffen werden.
  • Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung und eine partnerschaftliche Allianz mit den Behandelnden fördern die Therapieadhärenz. Edukationsprogramme verbessern sie nachhaltig.
  • Angehörige sollten direkt oder auch indirekt einbezogen werden.
    Quellen

    1.) Eckardt, Jan-Niklas, PD Dr. med., KI im Alltag: How to prompt your chatbot? Live-Use-Cases aus der Onkologie, Meet the Expert - Industriesymposium Astellas, DGHO 2026, Wien, 11:30–12:30 Uhr, 10.10.2026.

    2.) Hornemann, Beate, Dipl.-Psych., Psychoonkologie im klinischen Alltag: Entscheidungsfindung und Therapieadhärenz - leicht gemacht?, Meet the Expert - Industriesymposium Astellas, DGHO 2026, Wien, 13:30–14:00 Uhr, 11.10.2026.