Arztberuf im Wandel: Klinikalltag zwischen KI & Zeitdruck I DGIM Kongress I esanum Logo of esanum https://www.esanum.de

Arztberuf im Umbruch: „Wir werden von der Digitalisierung überrollt – bevor wir wissen, was wir wollen"

Multimorbide Patienten, Ambulantisierung, Personalmangel: Der Druck im Klinikalltag wächst. Dr. Wiebke Rösler zeigt, wo es konkret hakt – und welche Strategien die Versorgungsqualität sichern.

Vom stationären zum ambulanten Patienten – und was das wirklich bedeutet

Dr. Wiebke Rösler beschreibt einen radikalen Strukturwandel: Krankheitsbilder, die früher selbstverständlich stationär behandelt wurden, laufen heute ambulant. Patientinnen und Patienten erhalten statt einer Aufnahmebenachrichtigung fünf Einbestellungen für CT, Blutentnahme und Therapie. Das verkürzt Liegezeiten – überfordert aber gerade geriatrisch-hämatologische Patienten zunehmend.

Wirtschaftlichkeit vs. Patientenwohl: Die Bruchstelle Entlassmanagement

Besonders deutlich wird die Kollision von Strukturvorgaben und Versorgungsrealität bei pflegebedürftigen Patienten. Schnelle Entlassungen aus ökonomischen Gründen treffen auf fehlende Übergangspflegeplätze – ein Spannungsfeld, das im klinischen Alltag täglich navigiert werden muss.

Das „Timeout" vor dem Patientengespräch

Röslers konkreter Praxistipp gegen Zeitdruck: Fünf Minuten strukturierte Vorbereitung vor jedem Aufklärungsgespräch – analog zum Timeout im OP. Was sind die Kernpunkte? Wie beginne ich? Diese investierte Zeit zahlt sich über den gesamten Behandlungsverlauf aus.

Aufklärung, die wirklich ankommt

  • Patienten am Ende zusammenfassen lassen, was sie verstanden haben
  • Inhalte aufzeichnen und auf kurze Sätze herunterbrechen
  • Zweit- und Drittgespräche aktiv anbieten
  • Klare Ansprechpartner für Wochenenden und Nächte benennen

Gut aufgeklärte Patienten sind das effektivste Zeitmanagement – weil sie Nebenwirkungen einordnen können und seltener unkontrolliert wieder vorstellig werden.

Die zwei großen Sorgen für die Zukunft

1. Demografie trifft Personalmangel: Eine kränker werdende Gesellschaft mit komplexen Therapien – bei gleichzeitig schwindenden Pflegekapazitäten zu Hause und in Heimen.

2. Digitalisierung ohne Strategie: „Wir werden komplett überrollt, bevor wir uns Gedanken machen können, was wir eigentlich wollen." Röslers Plädoyer: Ärzteschaft und Gesellschaft müssen aktiv definieren, wie KI sinnvoll eingesetzt wird – statt sie nur zu erleiden.

Frühwarnzeichen für gefährdete Versorgungsqualität

Erschöpfung im Team wird zunehmend offen verbalisiert – ein wichtiger erster Schritt. Auf Patientenseite zeigen sich Versorgungslücken durch wiederholte Wiedervorstellungen und ungeplante stationäre Aufnahmen.

Was Hoffnung macht

Trotz aller Belastung: Engagierte „Überzeugungstäter" im Gesundheitswesen und technische Tools, die gezielt Personallücken schließen können, geben Anlass für vorsichtigen Optimismus – wenn die Profession ihre Rolle aktiv gestaltet.

Wie denken Sie darüber?

Wir möchten gerne wissen: Wie erleben Sie den Wandel in Ihrem Klinik- oder Praxisalltag? Wo kollidieren bei Ihnen Wirtschaftlichkeit und Patientenwohl am stärksten – und welche Strategien haben sich bei Ihnen bewährt, um trotz Zeitdruck eine fundierte Aufklärung sicherzustellen?

Teilen Sie Ihre Erfahrungen, Lösungsansätze und auch Ihre kritischen Stimmen mit der esanum-Community. Welche Entwicklung bereitet Ihnen die größten Sorgen – die demografische Last oder die ungesteuerte Digitalisierung? Und wie nutzen Sie KI bereits sinnvoll im Alltag?

Diskutieren Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in den Kommentaren – Ihre Perspektive bereichert den fachlichen Austausch und macht sichtbar, wo der Schuh in der Versorgungsrealität wirklich drückt.