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Zeitliche Toxizität in der onkologischen Therapie

Ein wichtiger Endpunkt in der Krebsbehandlung, der zuweilen nicht angemessen berücksichtigt wird, ist die Zeit, die eine Therapie den Erkrankten kostet.

Ein wichtiger Endpunkt in der Krebsbehandlung, der zuweilen nicht angemessen berücksichtigt wird, ist die Zeit, die eine Therapie den Erkrankten kostet.

Ein Editorial in einem Publikationsorgan der ASCO (American Society of Clinical Oncology) brachte einen zum Nachdenken anregenden Standpunkt vor: die zeitliche Belastung für den Patienten fließt oft zu wenig in die Beurteilung des Nutzens einer Behandlung mit ein, insbesondere in palliativen Situationen.1
Die limitierte Zeit der Patienten ist extrem wertvoll. Einige Therapien verlängern das Überleben um Tage oder Wochen, aber dafür muss der Patient immer wieder in die Klinik kommen, zu Aufklärungsgesprächen, Eingriffen, Infusionen. Wann schenken wir also Zeit und wann nehmen wir Zeit?

Wertschätzung der (Patienten-)Zeit in der Krebsbehandlung

Für eine effizientere Behandlung sei es wichtig, die Wünsche der Patienten zu berücksichtigen, nicht so sehr unsere, gibt das Editorial zu bedenken. Jeder Patient misst der Zeit einen unterschiedlichen Stellenwert bei. Manche riskieren vielleicht die zusätzliche Zeittoxizität eines aggressiveren Vorgehens, aber viele Menschen wollen wissen, wie sie ihre Zeit verbringen werden, und nicht nur, wie lange sie voraussichtlich noch leben werden.
"Das ist es, was wir wollen – dass die Zeittoxizität bei der Entscheidungsfindung wie jede andere Nebenwirkung einbezogen wird." 

Im Krankenhaus oder auf dem Weg dorthin verbrachte Zeit ist in der Regel keine gut verbrachte Zeit. Noch ist die zeitliche Belastung kein Endpunkt, der in klinischen Studien gemessen und berichtet wird (was sich die Autoren des Editorials jedoch wünschen würden). Doch es gibt Daten von zwei verschiedenen akademischen Zentren in den USA, laut denen beispielsweise Patienten mit einem Pankreaskarzinom etwa jeden fünften bis zehnten Tag ihrer verbleibenden Lebenszeit mit Therapien und Arztterminen verbringen.2,3

"Wir erkennen an, dass die in der medizinischen Versorgung verbrachte Zeit oft unvermeidlich ist und eventuell nachgeschaltet Zeit gewinnen oder die Lebensqualität verbessern kann. [...] Aber die Zeit, die für die medizinische Versorgung aufgewendet wird, sollte idealerweise in Relation zu anderen Therapieansätzen (einschließlich keiner Therapie, wo zutreffend) oder dem Überleben und dem Gesamterlebnis für den Betroffenen interpretiert werden."

Beispiel Pankreaskarzinom: 10–20% der Überlebenszeit werden von Arztbesuchen und Therapien eingenommen

Eine in der gleichen Fachzeitschrift ebenfalls recht aktuell erschienene Studie2 berichtet über dieses Phänomen bei 107 Patienten mit lokalisiertem duktalem Adenokarzinom des Pankreas (PDAC), die sich einer Resektion in kurativer Intention unterzogen. Das mediane Gesamtüberleben betrug 17,5 Monate und die Patienten verbrachten im Median 11% dieser Tage mit Arzt-/ Krankenhausterminen. Dazu gehörten 5 Tage in der präoperativen Vorbereitung, 7 Tage für die Primäroperation und 14 Tage für die gesamte chirurgische Versorgung (hauptsächlich bedingt durch chirurgische Komplikationen und Wiederaufnahmen). Hinzu kamen 30 Tage für Strahlentherapie und 53 Tage für sämtliche Arten von systemischen Therapien (einschließlich damit verbundener Labor- und radiologischer Diagnostik sowie Vorstellungen in der Notaufnahme und der stationären Versorgung). Die Fahrtzeit pro Termin lag im Schnitt bei 60 Minuten (hin und zurück) bzw. kumulativ bei 22 Stunden. 

Krebsbehandlungen können sehr belastend sein und haben oft schwerwiegende Nebenwirkungen, die zu noch weiterer Inanspruchnahme von medizinischer Versorgung führen. In den eben genannten Daten nicht enthalten waren außerdem die Versorgung durch externe Stellen, nicht-onkologische medizinische Betreuung und Patienten, die innerhalb von 30 Tagen nach Indexoperation verstarben. Ob Hospiztage mitgezählt wurden, blieb unklar. Für Patienten mit trimodaler Therapie scheint sich eine realistischere Schätzung bei 100 Tagen mit Arzt-/ Klinikkontakt von 500 Tagen Überlebenszeit zu bewegen, also 20%.

Eine Auswertung eines anderen Kollektivs von 362 Patienten mit metastatischem PDAC, die eine palliative Chemotherapie (in 62% der Fälle Gemcitabin + nab-Paclitaxel) erhielten, berichtet einen mittlere Überlebenszeit von 230,5 Tagen (7,6 Monaten), von denen 22 Tage bzw. 10% mit ambulanten Arztterminen verbracht wurden (und davon wiederum mehr als die Hälfte mit Fahrt- oder Wartezeit).3

Fazit

Diese Werte, so die Autoren des Editorials, seien zwar mathematisch korrekt, aber unterschätzen die tatsächliche Belastung. Ein sechsstündiger ambulanter Termin für eine Infusion mag vielleicht (in Bezug auf 12 Stunden angenommen wache Zeit) als Verlust an aktiver Zeit von 50% oder an Gesamtüberlebenszeit von 25% zu werten sein, doch für Patienten und medizinisches Personal könne dies einem Verlust von 100% oder mehr entsprechen, da andere Tätigkeiten hierdurch verhindert werden.
Auch die Zeit, die die Patienten zu Hause nicht nutzen können, weil sie sich von der Therapie erholen müssen, ist hierbei nicht erfasst, betonen die Autoren in ihrem Beitrag.

Die Patienten sollten nicht 10–20% ihrer Überlebenszeit damit verbringen, uns zu sehen, schließt der Beitrag. "Wie können wir ihnen auch nur einen Tag am Strand zurückgeben?"

Referenzen:
1. Gupta, A., Jensen, E. H., Virnig, B. A. & Beg, M. S. Time-Related Burdens of Cancer Care. JCO Oncology Practice OP.21.00662 (2021) doi:10.1200/OP.21.00662.
2. Lim, S.-A. et al. Opportunity Costs of Surgical Resection and Perioperative Chemotherapy for Locoregional Pancreatic Adenocarcinoma. JCO Oncology Practice OP.21.00311 (2021) doi:10.1200/OP.21.00311.
3. Bange, E. M. et al. Opportunity Costs of Receiving Palliative Chemotherapy for Metastatic Pancreatic Ductal Adenocarcinoma. JCO Oncol Pract 16, e678–e687 (2020).